Väter in der Coronazeit

Power-Papas allein zu Haus

Über die Rolle der Mütter wurde in den vergangenen Monaten viel diskutiert. Doch nicht alle Männer überlassen ihrer Frau die Hauptlast aus Homeschooling, Haushalt und Homeoffice. Wir haben mit zwei engagierten Papas gesprochen, von denen wir uns mehr wünschen.

In der Wohnung von Heiner Fischer hängen nun zwei Schaukeln. Eine direkt im Flur, eine unter dem Hochbett, gleich neben der Kletterwand, ebenfalls während des Lockdowns gebaut. Solange rot-weißes Flatterband den Spielplatz vorm Haus umgab und die Kita geschlossen blieb, mussten kreative Lösungen in der Wohnung her – zum Rumtoben und Auspowern für die Kids. Als Beschäftigung, wenn Heiner gerade Mittagessen kochte oder Klamotten zusammenlegte. 

Die Pandemie hat den Alltag vieler Familien auf den Kopf gestellt. Als Kitas und Schulen dicht waren, kam in Millionen Haushalten die große Frage auf, wer die Kinderbetreuung, das Homeschooling, den Haushalt übernimmt – und damit beruflich zurücksteckt. 

Bei Heiner und seiner Frau Corinna gab es dazu wenig Gesprächsbedarf. Der Sozialpädagoge aus Krefeld ist seit einem Jahr in Elternzeit, übernimmt als Vater und Hausmann einen Großteil der Care-Arbeit. "Durch Corona hat sich unser Familienmodell kaum verändert", erzählt der 36-Jährige. "Meine Frau arbeitet 30 Stunden als Logopädin im Krankenhaus, ist systemrelevant. Deshalb kümmere ich mich weiterhin um den Haushalt und unsere beiden Kinder." Homeoffice ist für Corinna nicht möglich: Ihre Patienten liegen nach schweren Operationen oder einem Schlaganfall auf der Intensivstation, brauchen Unterstützung beim Schlucken oder Sprechen. Direkten Kontakt zu Corona-Patienten hatte die 33-Jährige zwar nicht, trotzdem ist die Ansteckungsgefahr in der Klinik natürlich höher als im Homeoffice. Deshalb wurde das "Stay at home" im Hause Fischer lange besonders ernst genommen. 

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Entspannung bringt das Zocken am Abend

Kontakt zu den Großeltern gibt es nur per Videochat, Einkäufe werden ohne die Kinder erledigt und die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert. Auch die Notfallbetreuung nutzen die Eltern trotz des Anspruchs bis heute nicht. "Unsere Tochter reagiert sehr sensibel auf Veränderungen. Deshalb wäre die Notfallbetreuung für uns alle eher Be- statt Entlastung gewesen", erklärt Heiner. 

Also wurde das Familienleben intensiver – im Positiven wie im Negativen. Normalerweise nutzt Heiner die zwei Stunden Mittagsschlaf seines kleinen Sohnes zum Durchatmen, zum Bloggen oder für Telefonate mit Freunden. Jetzt könnten die fünf Minuten, wenn beide Kinder selig schaukeln, der Entspannungs-Slot sein – wäre da nicht die Wäsche, die noch aufgehängt werden muss … 

"Ich merke, dass mir die Freizeit fehlt. Ich gehe zunehmend auf dem Zahnfleisch, und meine Nerven sind längst keine Drahtseile mehr", sagt Heiner. Umso mehr schätzt er inzwischen die kleinen Auszeiten. Für den Wocheneinkauf gönnt er sich jetzt immer ein paar Minuten mehr als vor der Pandemie. Für Entspannung mit seiner Frau sorgt die Playstation. Wenn abends die Kinder schlafen und alle wichtigen Dinge besprochen sind, hilft eine Runde Zocken beim Abschalten.

Sozialarbeiter Heiner Fischer ist noch bis September in Elternzeit, lebt mit seiner Frau Corinna und den zwei gemeinsamen Kindern (1 und 4) in Krefeld (NRW). Auf seinem Blog vaterwelten.de und im "Vaterzeit"-Podcast berichtet er über sein Leben als aktiver Papa.

Positiver Trend: Viele Väter engagieren sich mehr

Doch nicht in allen Familien ist die Verteilung der Aufgaben so eindeutig geregelt. Die Hauptlast liegt auf den Schultern der Frauen. Sie übernehmen häufiger Kinderbetreuung und Homeschooling, sind in ihrer Arbeitszeit stärker eingeschränkt. Doch auch wenn die meisten Väter nicht derart aktiv sind wie Heiner, bleibt ein Großteil offenbar nicht so untätig wie vielfach angenommen. Laut einer Befragung des Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin verbrachten Mütter im April an einem Werktag etwa siebeneinhalb Stunden mit Kinderbetreuung und zweieinhalb Stunden mit Hausarbeit. Die Väter kümmerten sich dagegen vier Stunden lang um die Kinder und eineinhalb Stunden um den Haushalt. 

Diese Werte verglichen die Forscher mit Zahlen aus dem Vorjahr. Ohne Corona-Lockdown waren die Frauen im Schnitt fünf Stunden pro Arbeitstag mit Kinderbetreuung beschäftigt und zwei Stunden mit Hausarbeit. Die Männer verbrachten dagegen nur zwei Stunden mit den Kindern und schmissen rund eine halbe Stunde lang den Haushalt. Corona hat also eine 120–prozentige Steigerung der väterlichen Familienarbeit gebracht. Zwar belegt die Studie, dass die Frauen zu Hause mehr tun – aber die Männer ziehen eben mehr mit als vorher. Vielleicht gibt also die Corona-Zeit in manchen Familien der Gleichberechtigung sogar einen Schub, wenn die Papas ihr stärkeres Engagement (und die dadurch gewonnene Zeit mit der Familie!) nach der Krise beibehalten. 

Von 8 bis 22 Uhr im Dauereinsatz

Alexander Fuchs war auch schon vor Corona ein engagierter Vater. Der 36-Jährige lebt mit seiner Patchworkfamilie im bayerischen Geiersthal. Dort leitet er zusammen mit seinen Eltern einen Baubetrieb mit acht Angestellten. In Zeiten von Corona ist das ein schwieriger Spagat: Einerseits der jetzt anspruchsvollere Familienalltag, anderseits eine eigene Firma inmitten der pandemiebedingten Wirtschaftskrise. 

"Unser Alltag hat sich ohne Schule und Freizeitangebote komplett verändert. Zum Glück packen alle mit an, inklusive der Großeltern", sagt Alexander. Das ist auch nötig. Immerhin hat der Baubetrieb noch gut zu tun: Viele Hotels, Restaurants und Hotels haben die Schließzeit für Umbauarbeiten genutzt. Die eigentliche Krise steht erst bevor: Denn größere Bauprojekte liegen auf Eis, jede Investition wird genau geprüft. Die Sorge um den Familienbetrieb ist damit ein täglicher Begleiter. 

Glück für Alexander: Haus und Büro liegen auf einem Grundstück. Wenn seine Frau Lisa die beiden Söhne vormittags beim Homeschooling unterstützt, kümmert sich der Bautechniker um die kleine Tochter. Konzentriert gearbeitet wird in den Morgenstunden und am Nachmittag. Ab 17 Uhr ist Feierabend – eigentlich. Oft gibt es doch noch offene Fragen zu den Schulaufgaben oder Projekte, die sonst liegen bleiben: das Badezimmer, der Garten, die Terrasse. "Im Prinzip sind wir von 8 bis 22 Uhr im Dauereinsatz. Inzwischen fühlt sich der Besuch auf einer Baustelle fast an wie Durchatmen", sagt Alexander. Deshalb freuen sich alle in der Familie über die Lockerungen. Die großen Söhne gehen wieder stundenweise in die Schule. Die Sportvereine machen weiter, auch mit Freunden trifft sich die Familie wieder regelmäßig. 

Die Rückkehr zur Normalität ist auch aus einem anderen Grund wichtig: Alexanders Frau ist im fünften Monat schwanger. Beim ersten gemeinsamen Kind war er bei jeder Ultraschall-Untersuchung dabei. "Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als ich das erste Mal ein Herz auf dem Ultraschall schlagen sah. Seit dieser Sekunde spürte ich eine Verbindung zu unserem Kind", erzählt Alexander, der bislang wegen Corona nicht mit zum Arzt konnte. "Es wäre schade, wenn ich dieses Mal all die aufregenden Erfahrungen verpassen würde."

Wenn seine kleine Tochter schläft, sitzt Alexander Fuchs aus Geiersthal (Bayern) am Rechner. Bei Instagram findet ihr den Bautechniker, der auch Patchworkpapa von zwei Jungs ist, unter @alex_der_fuchs.

Experten-Bild

"Packt mit an, liebe Papas …"

Väter engagieren sich in der Corona-Zeit mehr als gedacht. Das ist gut – sollte aber eigentlich selbstverständlich sein! Denn Familie geht aus meiner Sicht nur zusammen. Und das bezieht sich auf alle Bereiche: vom Haushalt über die Kinderbetreuung bis zum Geldverdienen. Umso mehr hoffe ich, dass die engagierten Väter ihre neue Rolle auch am Ende der Krise nicht wieder aufgeben. Das wäre dann wirklich eine positive Nachricht für alle: die Gesellschaft, die Familien, die Kinder und natürlich die Papas selbst. Zeit mit Kindern kommt schließlich nicht zurück.

Unser Autor Birk Grüling lebt in Hamburg, hat einen dreijährigen Sohn – und teilt die Care-Arbeit 50:50 mit seiner Frau. 

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