Miese Aussichten

Mit Bauchweh in den Quarantäne-Herbst

Kaum sind die Sommerferien um, sitzen schon wieder Tausende Kinder zu Hause – denn in den meisten Bundesländern werden ganze Kita-Gruppen und Schulklassen für 14 Tage in Quarantäne geschickt, wenn es einen Corona-Fall gab. Unsere Autorin ist selbst betroffen – und hat Angst vor den nächsten Monaten.

Neue Freiheiten? Als ob.

Morgen hat unsere liebe Kollegin Jana ihren vorerst letzten Arbeitstag – bevor sie für neun Monate in ein Sabbatical verschwindet und mit Mann & Sohn die Welt bereist. Im ersten Moment könnte man meinen, dass das durch diverse pandemiebedingte Einreisehürden doch ein eher unglücklicher Zeitpunkt für ein solches Projekt ist? Tatsächlich aber kann ich kaum in Worte fassen, wie sehr ich Jana um diese Auszeit beneide. Denn als Mama die kommenden Monate in Deutschland einfach zu überspringen: Das ist so ziemlich das verlockendste, was mir gerade in den Sinn kommt.

Ich bin das Gegenteil eines Pessimisten – und blicke trotzdem mit einem XXL-Kloß im Hals und Riesen-Grummeln im Bauch auf den anstehenden Herbst und Winter. Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich mit meinen siebenjährigen Zwillingen in Quarantäne – nachdem die beiden eine Klassenfahrt hinter sich haben, bei der schon ab Sekunde 1 einigermaßen klar war, wie das endet. 

Und da sind wir nicht die einzigen. Die Sommerferien sind kaum vorbei, da sind schon wieder Tausende Kinder zu Hause. Schön und gut, dass die Kitas und Schulen geöffnet sind und es wohl vorerst auch bleiben. Aber was nützt uns das, wenn wir jetzt mutmaßlich einmal im Monat in Quarantäne müssen? Was bringen uns Erwachsenen all die Freiheiten, die wir als doppelt Geimpfte haben, wenn unsere Kinder das Haus oder die Wohnung nicht mehr verlassen dürfen? Genau: REIN GAR NICHTS.

Berlins Lösung ist auch keine Option

Versteht mich nicht falsch: Ich bin absolut dafür, (auch kleine) Menschen in Quarantäne zu schicken, wenn sie nachweislich Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatten. Wenn ich mir die Inzidenzen bei unter 12-Jährigen anschaue, bekomme ich Gänsehaut – deshalb sollten wir natürlich alles dafür tun, diese Zahlen in den Griff zu kriegen. Die Berliner Strategie, nur noch diejenigen nach Hause zu schicken, die auch wirklich positiv getestet wurden, erscheint mir der pure Wahnsinn. Selten zuvor habe ich mich so sehr darüber gefreut, dass ich der Hauptstadt vor zwei Jahren den Rücken gekehrt habe und nach Hamburg gezogen bin. Dass die Hansestadt deutlich strenger in Sachen Corona-Auflagen ist, ist kein Geheimnis, aber – wie sich an den Zahlen ablesen lässt – ja ganz offensichtlich auch kein Erfolgsrezept.

Am Ende sind doch einfach beide Extreme großer Mist: Eineinhalb Jahre haben die Minis zurückgesteckt – dafür dass in der einen Stadt die totale Durchseuchung (und damit auch schwere Verläufe bei den Kleinsten) einfach so zugelassen wird und in der anderen ein Großteil der Kinder immer wieder über zwei Wochen zu Hause eingesperrt wird? Während Reise-Rückkehrer sich nach fünf Tagen freitesten können. Läuft da nicht irgendwas schief?

Schluss mit dem Chaos – BITTE!

Und überhaupt ist es doch irre, dass hier wieder jedes Bundesland macht, was es will, das totale Chaos herrscht und selbst die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ihre eigenen Regeln nicht mehr verstehen. Heute rief mich eine Sachbearbeiterin an, die a) nicht wusste, dass mein Sohn noch eine Zwillingsschwester in der selben Klasse hat (dafür kam ein zweiter Anruf eines zweiten Mitarbeiters), b) davon ausging, dass meine siebenjährigen Kinder noch zur Kita gehen und c) am Ende einfach nur noch hysterisch lachte, weil sie selbst nicht verstand, was für irrsinnige Daten sie dort vortrug. In unserem Fall nämlich wurde der Start der Quarantäne auf den ersten Tag der Klassenfahrt festgesetzt – auf den noch vier weitere Tage folgten, an denen insgesamt 70 Kinder täglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch den Corona-Hotspot Hamburg fuhren. Die offizielle Anordnung dazu folgte aber erst eine Woche später. Absurder geht es kaum.

Also, liebe Politiker und Ämter dieses Landes: Könnt ihr euch nicht bitte irgendwie auf eine kluge Lösung einigen? Ein Mittelding, mit dem die Kinder weder an der Atemmaschine in der Klinik landen noch in einer Depression, weil ihnen Freunde, Bewegung & Abwechslung fehlen? Wie wäre es mit dem Vorschlag des Mannes, der in den vergangenen Monaten so gut wie IMMER Recht behalten hat? Wenn ihr auf Charité-Virologe Christian Drosten hört, der die zweiwöchige Quarantäne für Kids auf eine fünftägige verkürzen würde, ist das vielleicht ein Anfang.

Bitter nötig: Auszeit für alle Eltern im kommenden Frühling

So oder so steht uns Eltern eine vielleicht noch bitterere Zeit bevor als die, die wir hinter uns haben. In meinem Umfeld klagten viele Mamas und Papas darüber, dass die Sommerferien nicht ausgereicht haben, um sich von den Strapazen der letzten Monate zu erholen. Wir starten also semi-regeneriert in eine Phase, die vielen vermutlich den letzten Rest geben wird. Gehört wird das alles von offizieller Seite noch immer nicht.

Als ich neulich die tolle Rechtsanwältin Sandra Runge in unserem Leben & erziehen-Podcast zu Gast hatte, schlug die Berlinerin vor, Eltern nach diesem ganzen Spuk mit einer mehrwöchigen, bezahlten Auszeit zu belohnen. Eine Art Elternzeit Deluxe, die das wieder gut macht, was die Pandemie zerstört hat.

DAS wäre doch mal was. Dann fliege ich Dir hinterher, liebe Jana.

Profilbild

Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

Teile diesen Artikel: