Interview mit den "Mamsterrad"-Macherinnen

Das ewige schlechte Gewissen der Mütter - und wie ihr es loswerdet

Kinder, Job, Partnerschaft: Irgendetwas kommt immer zu kurz, vor allem die eigenen Bedürfnisse – im Corona-Jahr mehr denn je. Unsere Autorin Silke Schröckert wollte von Imke Dohmen und Judith Möhlenhof wissen, warum uns Mamas bei allem Multitasking ständig noch das schlechte Gewissen plagt. Die Macherinnen des "Mamsterrad"-Podcasts haben Antworten – und konkrete Tipps, wie wir die Gewissensbisse wieder loswerden.

Silke für Leben & erziehen: Wir reden heute über das schlechte Gewissen.

Imke: Hast du eins? Jetzt gerade?

L&e: Ja.

Imke: Wem gegenüber?

L&e: Meinem Sohn. Der ist krank. Ich habe das Gefühl, ich sollte bei ihm sein. Wann hattet ihr das letzte Mal ein schlechtes Gewissen?

Judith: Gestern. Weil ich den ganzen Tag mies drauf war und gemerkt habe, wie unfair ich meinen Kindern gegenüber bin.

L&e: Und du, Imke?

Imke: (denkt nach) Das war 2018. Da habe ich ein Wochenende die Kinder bei meinem Mann gelassen und bin weggefahren. Für die Arbeit, wohlgemerkt.

L&e: Und seitdem?

Imke: Habe ich gelernt, mein schlechtes Gewissen abzulegen. Denn ich weiß mittlerweile, woher es kommt.

L&e: Woher denn?

Imke: In dem konkreten Fall: Mir hatten alle gesagt, ich könne doch meinen armen Mann nicht allein mit den Kindern lassen. Der habe doch schließlich die ganze Woche gearbeitet. Als ob ich das nicht getan hätte. Doch mir wurde viel Unverständnis entgegengebracht, wie ich das guten Gewissens machen könnte. Vor allem von der Generation meiner Eltern.

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L&e: Ist es eine Generationenfrage?

Imke: Definitiv. Wir, die Mamas von heute, sind in einem Familienkonstrukt groß geworden, in dem der Papa den ganzen Tag arbeiten war und die Mama zu Hause. Wir haben verinnerlicht: Mama ist Ansprechpartnerin Nummer eins. Ab dem sechsten Lebensjahr setzen Kinder sich mit der eigenen Rollenidentifi kation auseinander. Für unsere Generation bedeutet das: Wir haben unserer eigenen Mama hinterhergestrebt. Die, die sich um alles kümmert. Die kocht, die wäscht, die bügelt, die dem Mann abends, wenn er nach Hause kommt, ein warmes Essen auf den Tisch stellt …

Judith: … und dabei noch gut aussieht, ausgeglichen ist …

Imke: … und immer glücklich! Denn das ist das nächste: Wir sind in einer Generation groß geworden, in der man nicht über familiäre Probleme gesprochen hat: Alles, was es in der Familie an Stress gab, blieb in der Familie. Und Dinge, über die man nicht redet, geraten in Vergessenheit.

L&e: Das ist spannend. Ich kann mich zum Beispiel gar nicht daran erinnern, dass meine Mutter mich mal angeschrien hat.

Imke: Das ist das Hauptbild, das wir alle im Kopf haben: Probleme gab es nicht. Zu Hause war immer alles gut.

L&e: Und so perfekt! Wenn ich mich daran erinnere, wie liebevoll meine Mutter früher unser Haus für die Weihnachtszeit geschmückt hat. Und ich schaffe es gerade mal, eine popelige Lichterkette aufzuhängen. Da bekomme ich schon wieder ein schlechtes Gewissen.

Imke: Das ist dein Wertesystem, das sich meldet. Ein unbewusstes Programm, das im Hintergrund abläuft und abgleicht, wie sehr die Realität zu deinem Idealbild passt. Es hilft, sich dessen bewusst zu werden: Was ist eigentlich mein Idealbild? Unsere perfekte Vorstellung einer Mutter ist immer geprägt durch das, was wir von unserer eigenen Mutter kennen – oder zumindest in Erinnerung haben.

Judith: Und das hört ja nicht auf. Heute sind es Zeitschriften mit gestylten Müttern oder Instagram-Accounts mit perfekt selbst gebastelten Adventskalendern.

Imke: Anstrengend wird das erst, wenn deine Realität nicht mit diesem Idealbild zusammenpasst. Wenn du gern 24 kleine Geschenke einpackst und du dich jedes Jahr darauf freust, selbst gemachte Adventskalender zu verschenken, dann löst so ein Foto auf Instagram kein schlechtes Gewissen bei dir aus.

L&e: Aber wenn ich gerade den Fertigkalender für 19,99 Euro geshoppt habe und mich das Gefühl überkommt, alle anderen Mütter geben sich mehr Mühe als ich?

Imke: Dann kannst du dich fragen, warum dich das so triggert. Niemand, der seinen Adventskalender selbst bastelt, will dich damit angreifen.

Judith: Jede Mutter macht ja die Dinge, die sie schafft, für sich selbst – und nicht gegen jemand anderen.

L&e: Das wird schwierig, wenn man alles selbst machen will. Warum fällt es uns so schwer, Hilfeangebote anzunehmen? 

Imke: Da bist du wieder beim Idealbild der perfekten Mutter. Du willst es allein schaffen. Deine Mutter hat es ja auch allein gemacht. Hilfe anzunehmen bedeutet für dein Wertesystem, Schwäche zu zeigen.

L&e: Habe ich verstanden. Ich glaube trotzdem nicht, dass ich es sofort ändern kann.

Imke: Dass es dir bewusst wird, ist aber der erste wichtige Schritt.

Judith: Und man kann es üben. Bei mir hat es geklappt. Ich kann Hilfe mittlerweile nicht nur annehmen, sondern auch einfordern.

Imke: Übrigens freut sich jeder, der gesagt bekommt, "Ich schaff das nicht, kannst du das übernehmen?". Das ist ein Dominoeffekt: Nächstes Mal traut die Person sich dann auch, Hilfe einzufordern, weil sie merkt, wie schön es sich anfühlt zu helfen.

Judith: Es fragt ja auch jeder, ob er noch was mitbringen kann! Und dann sagen die meisten trotzdem: "Nee, lass mal, ich habe das im Griff!" 

Imke: Weil unsere Mütter es im Griff hatten!

Judith: … ich weiß! Ich mein nur: Wir sollten viel öfter zugeben, dass wir es nicht im Griff haben. Ich finde es umgekehrt doch auch cool, wenn ich jemandem helfen kann, und helfe dann gern. Also kann ich mir doch auch von anderen helfen lassen.

Imke: Und genau das ist es! Dessen müssen wir uns bewusst werden. Gerade an Weihnachten, wo alles so superstressig ist.

Judith: … ich weiß! Ich mein nur: Wir sollten viel öfter zugeben, dass wir es nicht im Griff haben. Ich fi nde es umgekehrt doch auch cool, wenn ich jemandem helfen kann, und helfe dann gern. Also kann ich mir doch auch von anderen helfen lassen.

Imke: Und genau das ist es! Dessen müssen wir uns bewusst werden. Gerade an Weihnachten, wo alles so superstressig ist.

Imke: Oft ist aber die Oma dabei – also unsere eigene Mutter. Die, von der wir das ganze Idealbild einer Mutter an Weihnachten haben. Und manche werden nicht müde darin, uns mitzuteilen, wenn unsere Umsetzung wiederum nicht zu ihrem Idealbild passt. Meine Mutter betonte, dass sie sich erst daran gewöhnen muss, dass ich die Gans nicht selbst mache, sondern bestelle.

"In 15 Minuten aus dem Mamsterrad"- Podcast

Mama-Coach Imke Dohmen und Eltern-Bloggerin Judith Möhlenhof produzieren gemeinsam den Podcast "In 15 Minuten aus dem Mamsterrad".

Wie der Name sagt: Die Folgen sind maximal 15 Minuten lang, man kann sie also gut in den Mama-Alltag integrieren – selbst wenn man die 24 Adventskalenderpäckchen doch wieder selbst packen muss.

Mehr Infos und eine Übersicht aller Folgen gibt es auf mamsterrad.de

L&e: Dabei tut es doch so gut, nicht alle Dinge selbst machen zu müssen.

Imke: Absolut. Um noch mal drauf zurückzukommen: Dein Mann ist durchaus in der Lage, einen Adventskalender zu befüllen. Du musst dann nur akzeptieren, dass er ihn vermutlich anders befüllt, als du es getan hättest – und es auch so lassen. Wenn du unsicher bist, lege Standards fest. Zum Beispiel: keine Süßigkeiten. Aber mit diesen Standards musst du das Ergebnis dann auch akzeptieren.

L&e: Also muss ich in der Familie Delegieren lernen wie im Job?

Imke: Nicht delegieren. Aber das Abgeben von Verantwortung. Zum Beispiel auch die Geschenke für die Schwiegereltern: Das muss nicht alles die Mutter selbst machen. Es hilft, die ganzen To-dos zur Weihnachtszeit zu besprechen – und zu verteilen. Was kannst du übernehmen? Was ich? Und ganz wichtig: Was kann weg? Wir machen seit einigen Jahren keine Weihnachtsfotos mehr, und niemand vermisst sie. Die Großeltern haben es bis heute nicht gemerkt.

L&e: Und wenn ich dann doch abends im Bett liege und mich schlecht fühle, weil Dinge unerledigt sind oder ich im Stress meine Kinder angeschrien habe?

Imke: Dann muss ich gucken: Warum geht es mir gerade schlecht? Im Zweifel liegt es daran, dass ich die Bedürfnisse aller anderen über meine eigenen gestellt habe und es nicht geschafft habe, für mich selbst zu sorgen.

Judith: Und anstatt sich scheiße zu fühlen, für all die Dinge, die man nicht geschafft hat, sollte man sich mal aufschreiben, was man alles geschafft hat. Statt einer To-do-Liste also eine Have-doneListe. Und sich dann auch auf die Schulter klopfen für all das. Jeder Freundin würde ich ohne zu zögern ins Gesicht sagen, dass sie täglich einen tollen Job macht. Wir Mamas müssen lernen, das auch zu uns selbst zu sagen.

Imke: Genau. Wir schaffen es so viel besser, für alle anderen da zu sein, vor allem für unsere Kinder, als für uns selbst. Wir sollten lernen, zu uns selbst genauso liebevoll zu sein, wie wir es zu unseren Kindern sind. Dann verschwindet auch das schlechte Gewissen.

Wie geht es eigentlich mir selbst?

Wenn etwas im stressigen Mama-Alltag immer wieder zu kurz kommt, dann sind das meistens unsere eigenen Bedürfnisse. Viel zu selten stellen wir uns ganz bewusst die Frage, wie es eigentlich uns selbst geht: Was tut mir gut? Was füllt meine Energiereserven auf? Und was zehrt besonders an meinen Nerven und Energien? Unser Tipp: Schreibt Dinge auf, die euch kurz-, mittel- und langfristig guttun: eure Energiespender. Notiert daneben alle Dinge, die an euch zehren: eure Energieräuber. Sorgt dafür, dass beide Seiten der Liste sich im Alltag möglichst die Waage halten – mindestens!

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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