Corona-Tagebuch

"Meine Schwester hat Corona"

Erkältung, Grippe oder doch Corona? Alles begann mit einer kleinen Erkältung, vor über 14 Tagen. Nichts, worüber ich mir Sorgen machte. Doch es sollte anders kommen. Die Geschichte einer Odyssee – für meine Schwester, für die ganze Familie.

Meine Schwester ist knapp über 40 Jahre alt, hat keine Vorerkrankungen, ist topfit und lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern, vier und neun Jahre alt, einige Kilometer weit weg von mir. Wir telefonieren, fast jeden Tag.

Wie alles begann …

Tag 0 – Die ersten Erkältungssymptome

Mittwoch: Ich telefoniere mit meiner Schwester Mareike*, die gerade ihren Homeoffice-Tag beendet hat. Sie fühlt sich nicht gut, ist total schlapp und hört sich erkältet an. Ich rate ihr, sich ins Bett zu legen und ein wenig auszuruhen. Ich mache mir keine Gedanken, hab ja gerade auch eine kleine Erkältung mit trockenem Husten und Schlappsein hinter mir. Nicht alles ist jetzt Corona. Man sollte sich nicht verrückt machen! Und wenn schon, sie ist topfit, knapp über 40, hat keine Vorerkrankungen.

Tag 1 – Beim Arzt: Wie eine Aussätzige behandelt

Donnerstag: Mareike geht es schlechter, sie hat starke Kopf-, Hals- und Gliederschmerzen, kann nicht arbeiten. Nach einem Anruf bei ihrer Hausärztin steht fest, sie wird nicht untersucht. Immerhin darf sie vor die Praxis kommen, um sich ihr Attest abzuholen. Wohlgemerkt: Es wird ihr aus dem Fenster gereicht. Wahnsinn, was für eine schräge Situation. Mit Erkältungssymptomen wirst du jetzt wie eine Aussätzige behandelt …

Tag 2 – Erleichterung: Die Erkältung klingt ab

Freitag: Bin ich erleichtert. Mareike geht es heute viel besser. Jetzt erst merke ich, dass ich mir insgeheim Sorgen gemacht hatte. Ich scherze: "Vielleicht hattest du ja Corona und bist nun immun." Die Vorstellung, das Virus mit nur leichten Symptomen gehabt zu haben, ist super. Und irgendwie beruhigend. Unsere Eltern dagegen sind immer noch besorgt, meiner Mutter geht es gar nicht gut …

Tag 3 und 4 – Mein sonniges Wochenende mit der Familie

Samstag und Sonntag: Es ist Wochenende. Meine Töchter, mein Mann und ich machen einen langen Spaziergang durch den Wald, kochen zusammen, spielen, schauen Netflix – ein schönes, sonniges Wochenende. An meine Schwester denke ich gar nicht.

Leben & erziehen Abo + Geschenk

Dein Begleiter von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zum Alltag mit Kindern. Jetzt mit 25% Rabatt testen!

Tag 5 – Rettungswageneinsatz Nummer eins

Montag: Schock am frühen Morgen: Mareike bekommt nicht gut Luft, ist heute sogar ohnmächtig geworden. Das ganze Wochenende hatte sie Fieber. Davon wusste ich nichts. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht einmal an sie gedacht habe. Aber ihr ging es am Freitag doch auch besser … Mein Schwager hat den Rettungswagen gerufen. In voller Montur, Schutzkleidung, kam der Notarzt. Meine armen Nichten. Sie waren völlig verängstigt, vom Zustand ihrer Mama und von den "Marsmenschen".

Nach der Untersuchung durch den Notarzt: Die Lunge ist frei, alles gut. Sie ist nicht "krank genug", um in die Klinik eingeliefert zu werden. Also doch eine Grippe? Oder nur ein Schwächeanfall? Trotzdem rät der Notarzt ihr dringend, einen Corona-Test zu machen. Jetzt erst mache ich mir richtig Sorgen.

Tag 6 – Gute Nachricht: Mareike hat einen Testtermin

Dienstag: Das Fieber ist gesunken, Mareike geht es ein bisschen besser. Ihr Kopf, sagt sie, ist das Schlimmste. Er fühle sich matschig an, solche Kopfschmerzen habe sie noch nie gehabt (dabei hat sie häufiger Kopfschmerzen). Eine gute Nachricht: Sie hat einen Testtermin bekommen! In zwei Tagen im Drive-in-Testcenter.

Tag 7 – Doch Corona?

Mittwoch: Ich muss meine Eltern beruhigen. Sie machen sich große Sorgen um Mareike, um die ganze Familie, um ihre Enkelkinder. Sie kommen damit gar nicht zurecht. Ich habe mich schon längst von der Angst anstecken lassen, aber es ist nicht nur das. Während ich mit Mareike spreche, merke ich, dass sie nicht mehr gut sprechen kann, sie ist sehr kurzatmig. Doch Corona? Die Symptome passen. Ich hoffe nicht …

Tag 8 – Der große Tag: Corona-Test im Drive-in-Testcenter

Donnerstag: Zum Glück ist Mareike heute etwas fitter. Sie war mit der ganzen Familie im Drive-in-Testcenter. Alle vier wurden getestet. Das Ergebnis kommt aber erst in zwei Wochen. Na toll, da brauchen sie es (hoffentlich) nicht mehr. Meiner zehnjährigen Nichte geht es heute auch nicht gut, sie fühlt sich schlapp und schläft viel. Vermutlich hat sie sich bei der Mama angesteckt. Der Papa fühlt sich auch etwas schlapp. Vielleicht nur Einbildung …

Tag 9 – Die Luft bleibt weg

Freitag: Mareike hört sich gar nicht gut an. Sie ist sehr einsilbig am Telefon. Ich habe das Gefühl, sie kann noch schlechter reden als die letzten Tage. Aber der Notarzt hatte ja am Montag gesagt, kritisch werde es erst, wenn sie keine zwei Wörter hintereinander sagen könne. Seltsam, denke ich mir. Ich rede auf Mareike ein. Sie muss einen Arzt aufsuchen oder in die Klinik fahren. Vielleicht hat sie ja eine Lungenentzündung. Es muss doch einen Grund geben, warum die Luft wegbleibt.

kinder! im Abo

kinder! setzt sich intensiv mit den erzieherischen und unterhaltenden Themen auseinander, die Eltern und Kinder interessieren und beschäftigen.

Tag 10 – Nach der Untersuchung in der Klinik …

Samstag: Mareike war gestern Abend in der Klinik. Zum Glück hat sie auf meine Eltern und mich gehört! Heute hört sie sich auch schon besser an. Sie hat ein Antibiotikum bekommen. Also doch ein bakterieller Infekt, denke ich! Alles wird gut. Auch meiner Nichte geht es wieder gut.

Tag 11 – Rettungswageneinsatz Nummer zwei

Sonntag: Was für ein schlimmer Tag, ich glaube, einer der schlimmsten, beunruhigendsten, den ich je hatte. Mareike wurde heute früh mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Sie hat große Schwierigkeiten zu atmen. Ich habe solche Angst. Ich denke ans Schlimmste. Hat sie Corona? Stirbt sie? Sie kommt jetzt erst mal auf die Station der Corona-Verdachtsfälle, bekommt Sauerstoff. Wieder so ein schreckliches Erlebnis, vor allem auch für meine beiden Nichten. Wir spielen Online mit ihnen Brettspiele, um sie abzulenken.

Tag 12 – Nach CT: Verlegung auf die Corona-Station

Montag: Heute wird Mareike auf die Corona-Station verlegt. Das Lungen-CT weist offenbar auf eine Corona-Infektion hin, ein neuer Test wird gemacht, die Ergebnisse aus dem Test von letzter Woche liegen nicht vor. Ich kann nicht mehr gut schlafen. Bin letzte Nacht oft hochgeschreckt, meine Angst wird immer größer. Immerhin bekommt sie Sauerstoff. Jetzt ist sie in besten Händen, beruhige ich mich selbst. Immer wieder kommen mir aber schlimme Gedanken: Was ist, wenn sie ein Beatmungsgerät braucht? Sie darf nicht sterben.

Tag 13 – Das Testergebnis: Covid-19-positiv

Dienstag: Das Testergebnis aus dem Krankenhaus ist da – positiv. Ich habe es ja eigentlich gewusst. Zumindest seit zwei Tagen. Vorher wollte ich es nicht wahrhaben. Das Gute: Sie bekommt Sauerstoff durch Schläuche in die Nase, sie kann wieder atmen. Atmen zu können ist gerade das Wichtigste. Und sie braucht kein Beatmungsgerät. Gestern Abend war eine andere Patientin mit ihr im Zimmer. Ihr geht es gar nicht gut. Viel schlimmer als Mareike, dabei ist sie noch jünger. Seit heute liegt die andere auf der Intensivstation, wurde ins künstliche Koma versetzt und wird nun mit dem Beatmungsgerät beatmet. Das tut mir so leid. Ich bin aber froh, dass es meiner Schwester besser geht.

Magazin SCHULE im Abo

Das Magazin SCHULE ist kompetenter Ratgeber und verständnisvoller Begleiter für Eltern von Schulkindern.

Tag 14 – Der nächste Schock: Meine Nichte hat auch Corona

Mittwoch: Seit heute Mittag braucht Mareike keinen Sauerstoff mehr. Sie ist nicht fit, ihr geht es immer noch nicht gut. Aber wir können wieder fast normal miteinander sprechen. Jedes Mal, wenn ich sie höre, fällt mir ein Stein vom Herzen. Sie lebt und sie ist in guten Händen.

Jeden Morgen, seit sie im Krankenhaus ist, muss ich sie einmal kurz hören oder lesen, dass es ihr "gut" geht – damit meine ich nur: bei Bewusstsein. Das mache ich mehrmals am Tag, eine kurze Nachricht oder ein Anruf. Ich weiß, ich nerve sie langsam, aber auch ich brauche eine Beruhigung. Sonst werde ich wahnsinnig.

Heute kam auch das Testergebnis von letzter Woche, per Post. Aber nur zwei Briefe: einer für sie, einer für meine zehnjährige Nichte. Beide Ergebnisse sind positiv. Der nächste Schock. Meine Nichte jetzt auch? Aber ihr geht es zum Glück gut. Sie hatte letzte Woche nur leichte Symptome. Das bleibt hoffentlich auch so. Mein Schwager und meine fünfjährige Nichte haben bisher kein Ergebnis bekommen.

Tag 15 – Entlassung aus dem Krankenhaus ins Quarantäne-Hotel

Donnerstag: Meine Schwester hat heute das Krankenhaus verlassen und ist jetzt im Quarantäne-Hotel zusammen mit meiner ebenfalls positiv getesteten zehnjährigen Nichte – um den Rest der Familie (der noch keine Ergebnisse hat) nicht anzustecken.

Mit dem Rettungswagen ging es erst mal zu ihr nach Hause, um die Tochter abzuholen. Jetzt hat Mareike endlich auch Wechselwäsche (sie hatte im Krankenhaus nichts!) und Gesellschaft. Die nächsten 14 Tage müssen die zwei im Hotel bleiben, dürfen das Zimmer nicht verlassen. Das Essen bekommen sie geliefert. Es wird auf einem Tisch neben der Tür draußen abgestellt. Die Köpfe dürfen sie nur rausstrecken, um das Essen zu holen und das Geschirr wieder zurückzustellen. Und das in einem begrenzten, festgelegten Zeitfenster.

Was für ein Glück, dass sie jetzt immerhin zu zweit sind. Was für ein Glück, dass es Mareike wieder gut geht. Und was für ein Glück, dass es auch meiner Nichte gut geht.

Was wirklich zählt

Mittlerweile haben Mareike und meine Nichte das Quarantäne-Hotel wieder verlassen. Nach nur zwei Tagen! Nachdem der Rest der Familie die "frohe Botschaft" bekam: Sie sind positiv getestet. Wir alle freuen uns absurderweise darüber. Denn die Familie ist wieder vereint.

Es geht allen den Umständen entsprechend gut. Meine Nichten haben keine Symptome, die Eltern noch leichte. Die Ärzte sagen, dass meine Schwester übern Berg ist, dass die ganze Familie für die nächsten zwei Jahre immun ist. Ich bin den Ärzten in der Klinik unsagbar dankbar. Dafür, dass meine Schwester lebt. Dafür, dass sie uns allen hoffentlich helfen können, wenn es uns schlecht geht. Bei mir hat das Ganze Spuren hinterlassen. Ich weiß jetzt erst recht: Was zählt, ist Familie.

* Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. Der Name der Schwester wurde geändert.

Teile diesen Artikel: