Trotz Corona-Regeln!

Wie ich mir für 45 Euro einen Tag am Meer kaufte

Achtung, kleiner Spoiler: Unsere Autorin kann sich nicht daran erinnern, wann sie zuletzt 45 Euro so gut für sich selbst investierte wie gestern. Vielleicht nie zuvor. Das Protokoll eines Tages, der sie nach Wochen der Corona-Isolation erstmals aufatmen ließ – zumindest für ein paar Stunden.

Mir geht es wie ALLEN #CoronaEltern

Um das kurz klarzustellen: Ich bin das Gegenteil von denen, die es mit den Corona-Regeln nicht so genau nehmen. Wir haben uns schon eine Woche vor dem offiziellen Kontaktverbot freiwillig zu Hause eingemuckelt, trotz großer Vermissung spielen meine fünfjährigen Zwillinge selbst mit dem gleichaltrigen Nachbarjungen nur mit zwei Metern Abstand und durch den Gartenzaun getrennt, natürlich trage auch ich inzwischen eine (rot-weiß gepunktete, falls es wen interessiert) Atemmaske, wenn ich einkaufen gehe. 

Um noch etwas klarzustellen: Im Gegensatz zu meinen überaus entschleunigten, kinderlosen Freunden gehe ich auf dem Zahnfleisch, eigentlich habe ich eher schon die Zahnwurzel erreicht. Die Tage im April, an denen ich den Rechner vor Mitternacht zugeklappt habe, kann ich an einer Hand abzählen, ebenso wie die Stunden Schlaf, die ich nachts bekomme. Mein Tag bräuchte mindestens 30 Stunden, um das unterzukriegen, was ich gerade täglich in 24 Stunden zu pressen versuche. Kurzum: mir geht es wie so ziemlich ALLEN berufstätigen Eltern im Moment, obwohl meine Kinder „nur“ 48 Mal- und Rätselblätter von der Vorschule bekamen und ich nicht mal nebenbei auch noch Lehrerin spielen muss.

Der Lichtblick nach sechs Wochen Isolation

Wie Tausende andere Mamas war ich seit über einem Monat nicht mehr alleine, nur für mich. Demnach hing ich wohl wie ein sabbernder Hund vor dem Handy, als kürzlich 1.) ein Freund den Link einer Seite postete, auf der man trotz des Reiseverbots Hotelzimmer buchen kann, ich dort dann 2.) das kleine Hotel in meinem Lieblingsort an der Ostsee fand, in das ich schon ewig unbedingt mal wollte, und mir 3.) klar wurde, dass die Zimmer gerade für ein Fünftel des Normalpreises zu haben sind.

Kleiner Haken: verfügbar von 8 bis 18 Uhr – als Homeoffice-Variante. Aber hey: Wenn ich von irgendetwas so richtig zu viel habe, dann sind das Punkte auf der To-Do-Liste im neuen Job, am Arbeitsinput sollte es also nicht scheitern. Ich buchte, und freute mich die ganze Woche auf diese Zeit am Meer, in der die Kinder bei Papa sein würden, die nur mir gehören würde.  

Im Radio singt Udo vielversprechend "Hinterm Horizont geht's weiter"

Es ist 7.30 Uhr, als ich in Hamburg mit frischem Kaffee ins Auto steige. Bisschen kitschig, aber im Radio läuft „Hinterm Horizont geht’s weiter“, und ich singe sehr laut mit, während ich an strahlend gelben Rapsfeldern vorbeifahre und jetzt schon Fan dieses Freitags bin, an dem ich das erste Mal seit langer Zeit wieder so etwas wie Freiheit fühle. 

Keine 40 Minuten später passiere ich das Ortsschild von Timmendorfer Strand (im Sommer brauchen wir doppelt so lange). Ich fahre das einzige Auto mit Hamburger Kennzeichen, wäre jetzt leicht zu erwischen – auch wenn ich nicht als Tourist, sondern zum Arbeiten ins eigentlich ja noch abgeriegelte Schleswig-Holstein komme. Sicherheitshalber rufe ich die Landespressestelle an, hake nach, ob es tatsächlich legal ist, was ich hier tue? „Ja vermutlich schon“, beruhigt mich der Sprecher. Dann also los.

13 Punkte von der To-Do-Liste abarbeiten – ohne Unterbrechung

Um kurz nach 8 checke ich im Hotel ein – als erster Gast in diesem Monat. Das Homeoffice-Angebot habe vor mir noch keiner genutzt, erklärt die Rezeptionistin, die nur für mich hergekommen ist. „Deshalb bekommen Sie unser schönstes Zimmer“, sagt sie, und führt mich zur Meerblick-Juniorsuite mit der Nr. 24. Die Morgensonne wärmt den kleinen Balkon, ich lehne mich an das Geländer, sauge die Meeresluft ein und gönne mir fünf Minuten, bevor der Arbeitstag beginnt.

Es folgen Videokonferenzen, Mails und die befriedigende Vernichtung von 13 Punkten auf meiner To-Do-Liste. Ich genieße es, mich endlich mal wieder konzentrieren zu können, ohne dass der Geschirrspüler piept / jemand „Mamiiiii“ ruft / die Wäsche in den Trockner will / das Mittagessen fertig werden muss / ich zum 27. Mal erkläre, dass das für heute aber genug Süßigkeiten waren.

Der Strand ist menschenleer – trotz des Traumwetters

Als ich das nächste Mal auf die Uhr gucke, ist 15 Uhr – ich schlüpfe in meine Laufschuhe, renne an der Promenade dem Wind entgegen. Auf sechs Kilometern begegne ich nicht mal 20 Menschen. Die Läden in der 9000-Seelen-Gemeinde haben wieder geöffnet. „50 Prozent Rabatt auf alles“ steht auf dem Schild vor dem Kinderklamottenladen, es ist nur leider niemand hier, den das interessieren könnte. 

Der Strand ist leer wie vermutlich selten zuvor an einem 20 Grad warmen April-Tag. Ein paar Hundebesitzer, eine Handvoll Jogger, kaum Kinder. Nach meiner Schwitzeinheit laufe ich noch ein bisschen barfuß durch den Sand, hebe zwei Muscheln für meine Kinder auf, bevor ich ins Hotel zurückkehre und die Füße besonders gut abklopfe – denn ich bin ja die einzige, auf die ein sandiges Treppenhaus zurückzuführen wäre.

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Mittagsschlaf fällt aus – das Bett ist nicht bezogen

Die folgenden zehn Minuten unter der Regendusche mit Meerblick fühlen sich an wie Spa-, Saunabesuch und Massageeinheit in einem, und nur der Gedanke an die Wasserverschwendung hält mich davon ab, hier noch eine ganze Stunde zu verharren. Ich bin müde, spüre die letzten Wochen. Wäre das Bett gemacht (ist den Hotelbesitzern verboten), würde ich mich jetzt vom Sandmann zu einem verspäteten Mittagsschlaf überreden lassen.

Stattdessen arbeite ich noch ein bisschen, bestelle mir Salat beim Lieferdienst des Burgerladens ums Eck. Dann trinke ich ein alkoholfreies Feierabend-Bier in der Abendsonne und freue mich über jede einzelne dieser zehn Stunden, die mich umgerechnet nur je 4,50 Euro gekostet haben. Der Tag am Meer: 45 Euro. Das Aufladen der inneren Akkus, die dringend wieder Power brauchten für die kommenden Wochen: unbezahlbar. 

Und während ich auf den Horizont starre, den ich vorhin noch besang, erahne ich, wie besonders es wird, wenn wir eines Tages all die anderen Dinge wieder dürfen. Diese Dinge, die wir gerade noch sehr viel mehr vermissen als das Meer. 

Profilbild

Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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