Absurder Experten-Vorschlag

"Kinder unter acht Jahren sollten nicht mit in den Urlaub"

Matthias Gründling ist Intensivmediziner und Mitglied der Task-Force "Sicherer Tourismus" von Mecklenburg-Vorpommern. Er hat in einem FAZ-Interview viele kluge Dinge gesagt – aber auch einen Satz fallen lassen, bei dem unserer Autorin der samstägliche Pfannkuchen im Halse stecken blieb.

Die Überschrift des Interviews liest sich vielversprechend.

"Es wird Sommerurlaub geben", steht da auf Seite 7 der FAZ-Samstagsausgabe, und fernwehgeschwängert beginne ich zu lesen, was Matthias Gründling, Intensivmediziner, Sepsisspezialist an der Universitätsmedizin Greifswald und Mitglied der Task-Force "Sicherer Tourismus" von Mecklenburg-Vorpommern, zu sagen hat.

Urlaub sei gerade in einer solchen Krisen-Lage extrem wichtig, betont er gleich zu Beginn, man müsse loskommen von den Sorgen, die sich so viele machen: "Das ist wichtig und gesund." Dafür, so der Experte, seien Menschen sicher auch bereit, im Urlaub ein paar neue Regeln zu akzeptieren. 

Soweit so gut, ich nicke gedanklich, während ich weiterlese: Der Samstag solle nicht mehr der klassische Anreisetag sein, in den Hotel-Restaurants werde es weder Buffets noch Salz- und Pfefferstreuer auf den Tischen geben, unnötige Kissen oder Zeitungen auf den Hotelzimmern seien Tabu: meinetwegen.

Bei Antwort Nr. 9 aber bleibt mir der Apfelpfannkuchen im Halse stecken.

"Mein Vorschlag ist es, dass man Kinder unter acht Jahren möglichst nicht mit in den Urlaub nimmt, da es schwierig ist, ihnen die Regeln beizubringen", sagt er da.

Wie bitte?! Ich zähle zu den Menschen, die die Pandemie wirklich ernst nehmen, und mir ist völlig klar, dass es noch sehr lange dauern wird, bis die Lage sich ernsthaft entspannt. Aber von allem, was ich in den vergangenen Wochen gelesen und gehört habe, ist das wirklich der größte Quatsch.

Was, lieber Herr Gründling, schlagen Sie mir vor? Dass ich meine fünfjährigen Zwillinge im Hundehotel ums Eck abliefere, bevor ich in die Sonne düse? Dass sie bei Oma und Opa bleiben, deren Leben sie auch im August noch gefährden würden? Oder dass für alle Familien, die kleine Kinder haben, der Urlaub dann eben GANZ ausfällt?

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Gerade Familien mit kleinen Kindern brauchen diese Auszeit

Wo immer ich hinschaue, im Internet und der echten Welt: MEIN Eindruck ist, dass gerade vor allem Familien mit Kleinkindern auf dem Zahnfleisch gehen. Dass vor allem DIESE Eltern im Sommer eine Auszeit brauchen, und zwar MIT ihrem Nachwuchs, für den sie in diesen Wochen durch die Ausnahmesituation, die Arbeit im Homeoffice und die fehlende Kinderbetreuung nicht in der Form da sein können, wie es für alle Beteiligten gut wäre. 

"Wir diskutieren darüber noch", schiebt Gründling immerhin hinterher: "Vielleicht sollte man die Fähigkeit von Kindern auch nicht unterschätzen, sich der neuen Lage anzupassen. Aber es ist schon ein Risiko."

Ein Risiko?! Unser ganzes Leben besteht gerade aus Risiken.

Und den allermeisten von uns ist das sehr wohl bewusst. Ein Großteil hält sich an die Regeln, und manchmal bin ich selbst überrascht: Heute Morgen war ich mit meinen Kindern erst Schuhe, dann Schulranzen kaufen. Sie hatten ihre Atemmasken auf, und während ich unter meiner insgeheim zu hyperventilieren drohte, nahmen die beiden die Stoff-Masken erst wieder ab, als die freundliche Verkäuferin sie dazu aufforderte, weil sie (im Freien!) die Ranzen testen sollten. Kinder können das. Und auch die Kleinen verstehen inzwischen, dass die Pandemie kein Spiel ist. 

Ganz ehrlich: Familien werden trotz aller #CoronaEltern-Aufstände gerade noch immer nicht ausreichend genug gehört, Diskussionen um Fußballspiele und Autowerke überlagern auch weiterhin das, was die beschäftigt, in deren Wohnungen die Zukunft sitzt.

Ich verlange keine Reise in die Karibik. Aber eine Woche Ostsee muss – mit Regeln – drin sein! Wenn uns jetzt auch noch der Urlaub untersagt wird, dann sehe ich DAS als deutlich größeres Risiko. Denn dann, lieber Herr Gründling, können Sie Ihre Kollegen aus der Psychiatrie schon mal auf die Hunderttausenden #CoronaEltern-Burnout-Patienten vorbereiten, die im Herbst vor der Tür stehen werden. 

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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