Kolumne Joko Zoellner

Hör doch endlich auf zu weinen!

Es ist zum Heulen, wie macht- und hilflos manchmal Eltern doch sind, wenn bei ihren Lieblingen die Tränen kullern. Die Gründe dafür sind vielfältig. Schon die Jüngsten nutzen sie als Hilfsmittel, um sich zu wehren ...

Gabriel ist vier Monate alt. Er liegt auf seinem Bettchen. Plötzlich fängt er an zu wimmern, dann zu weinen. Das Signal eines Säuglings, dass etwas nicht stimmt. Und meistens ist die Mama oder der Papa sofort zur Stelle, um nach dem Rechten zu sehen. Was hat Gabriel, der sich in seinem Alter ja nur durch Gesten und Geräusche bemerkbar machen kann? Hunger? Bauchweh? Eine volle Windel? Langeweile? Ist ihm kalt, fühlt er sich einfach nur unwohl oder hat er schlechte Laune?

Geübte Eltern wissen meistens sofort, was Sache ist und können sogar an der Tonart des Weinens diagnostizieren, warum der Kleine quengelt. Trösten ist dann angesagt. Auf den Arm nehmen hilft, auch die vertraute körperliche Nähe spüren und die beruhigenden Worte einer bekannten Stimme hören – das lässt Tränchen schnell trocknen. Das klappt. Immer? Fast immer. Und wenn die Windeln erst gewechselt sind oder das Milch-Fläschchen aufgewärmt ist, kann nichts mehr schiefgehen. Nein, eigentlich nicht ...

Ungeduld und Angst – zum Trösten ungeeignet

Aber auch Säuglinge nehmen sich das Recht auf ein Eigenleben. Sie haben ihren Dickkopf und einen eigenen Willen. Mit Weinen oder Schreien nutzen sie verschiedenste Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Und so manche Mama wird bestätigen, dass dazu beispielsweise das nervige Wut-Weinen gehört, dessen Kennzeichen ist: Ich kann immer lauter, drängelnder, fordernder und vor allem lang und länger. Auf ein "Hör doch mal auf zu weinen" oder besorgtes "Was hast du denn?" antworten und reagieren Säuglinge nicht. Und das sind deshalb genau jene so gar nicht witzigen Momente, in denen wir Eltern einer anstrengenden Geduldsprobe ausgesetzt sind oder uns aus Angst – "Vielleicht ist es ja was Ernstes" – gezwungen sehen, doch einen Arzt herbeirufen.

Weinen als Baby-Stressfaktor – oft ist das dann leider auch ein Streitpunkt unter Eltern, die genervt ungeduldiger werden, was nun ganz und gar nicht zur Entspannung beiträgt und Mama wie den Papa ziemlich hilflos aussehen lässt, was in so unvorstellbar unsinnigen Bemerkungen gipfeln kann wie "Das macht er doch absichtlich, um uns zu ärgern". Ein Säugling!

Gut für dich zu wissen

Es spielt überhaupt keine Rolle, aus welchen Gründen der kleine Schreihals nicht aufhört zu weinen. Wichtig ist: Er muss zur Ruhe kommen. Hilfreich ist es, wenn sich Mama und Papa in regelmäßigen Abständen abwechseln, um eins zu vermeiden: Ungeduld, weil sie oft auch Unruhe auslöst. Wichtig ist dann  zuzugeben: "Ich kann nicht mehr – übernimm bitte mal." Rechtzeitige oder spontane, gemeinsame Absprachen verhindern Ehe-Stress, der in sensiblen Situationen wie Wein-Stress hinter jedem falschen Wort lauern kann.

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Tränen sagen: Kümmere dich um mich!

Das  Leben meint es nicht nur locker vom Hocker mit den Neugeborenen. Irgendwann drehen sie sich schon mal auf die Seite, robben, krabbeln, sitzen und dann wollen sie laufen lernen. Schon das Aufstehen ist ein Kraftakt und noch ein schmerzhafter dazu, weil – plumps – sich der Aufsteher immer wieder unfreiwillig auf den Hintern setzt, aufs Neue aufrappelt, ausrutscht, hinfällt. Und klar: Geweint wird dabei auch, aber eher aus Verzweiflung und weniger wegen Schmerz, wenn die kleinen Gelenke noch zu schwach sind. Gehen will gelernt sein.

Diplom-Sozialpädagogin Claudia Lindner: "Kinder müssen auch lernen, die Widrigkeiten des Lebens zu meistern. Und dazu ist es notwendig, eine gewisse Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Doch dafür braucht man auch eine gute Portion Zuversicht – und den Rückhalt, eine emotionale Basis."

Ist die Säuglingsphase überstanden und haben unsere Kleinen angefangen zu sprechen, können sie auch hören. Und damit möchte man meinen, dass es mit dieser erheblich verbesserten Kommunikation viel leichter wird, sich zu verständigen, wenn es darum geht, die Gründe fürs Weinen zu finden. Die Frage "Was hast du denn?" versteht jedes Kind und könnte darauf antworten. Könnte ...

Es gibt nicht nur ein Weinen ...

Ab einem Alter von drei, vier Jahren sind die Ursachen, die unsere Kleinen zum Weinen bringen, total unterschiedlich und manchmal gar nicht so leicht auseinanderzuhalten. Die Gründe sind:

- Traurigkeit
- Wut
- Angst
- Schmerz
- Schreck
- Peinlichkeit

Während Kinder ihren Gefühlen freien Lauf lassen, sind wir Erwachsenen immer wieder bemüht, das Weinen unserer Kinder zu interpretieren und – schlimmer noch – zu kommentieren. Einen Klassiker hat Expertin Claudia Lindner ausgemacht: "Bist du ein Mann oder ein Waschlappen? Das hat mein Vater mal meinen Bruder gefragt. Und der entschied sich mutig für den Waschlappen." Vor allem ältere Väter und erst recht die Generation der Großväter haben aufgrund ihrer selbst erlebten Erziehung Probleme mit weinerlichen Jungs. Dieses Prädikat würden sie klischeehaft lieber den Mädchen anhaften.

Kinder wollen manchmal weinen. Manchmal erfahren wir den Grund und manchmal auch nicht. Egal. Wir Eltern wollen, dass sie aufhören zu weinen, vor allem auch, weil es uns anstrengt. Wir müssen ihnen aber bitteschön nicht beibringen, nicht zu weinen. Sie müssen auch in Stresssituationen weder tapfer noch stark sein. Sollen sie doch so sein, wie sie sich fühlen. Dann ist ihre Welt am schnellsten wieder in Ordnung.

Ein Kind darf sich mit Tränen mitteilen

Wir sollten die Kritik jetzt mal schlucken, dass Eltern, und vornehmlich der Papa, ein Repertoire unheilvoller Sätze benutzen, die für weinende Kinder, die zu Recht getröstet werden wollen, alles sind – nur kein Trost. Dazu gehören "Ist doch nicht so schlimm!" – "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" – "Jetzt wein doch nicht!" Auch "Du armer Junge" ist fehl am Platze. Wieso denn arm?

Ein Kind will zwar getröstet, aber – so Claudia Lindner – "nicht bedauert werden. Es ist nicht arm, es hat alle Fähigkeiten mitbekommen, um mit solchen Situationen umzugehen." Und es möchte ernst genommen und verstanden werden. Es möchte, dass jemand da ist, sich kümmert. Genau das testen Kindern  aus. Da wird Weinen zur Waffe. Zwei Varianten:

Die erste (besonders unter Geschwistern beliebt): Der kleine Bruder fällt hin, der große ist in seiner Nähe. Während er noch im Fallen ist, schaut er sich um, ob ihn eine weitere Person beobachtet. Entdeckt er keinen "Zuschauer", schlägt er spektakulär lang hin und fängt wie am Spieß an zu schreien: "Aua! Er hat mich geschubst" Die herbei eilende Mama sieht den Bruder und macht ihn als Täter auf der Stelle dingfest. Alle wortreichen Unschuldsbeteuerungen sind zwecklos. Ich als großer Bruder weiß, wovon ich spreche. Unzählige Male war ich Opfer.

Die zweite: Diesmal geht es um einen Sturz ohne den Bruder, aber in der Hoffnung, dass jemand gleich des Weges kommt. Kommt keiner, wird sich wieder aufgerappelt und weiter gegangen. Pech gehabt. Erscheint aber doch einer, wird im Fallen genau hingeschaut, wer es ist, und schon wird herzzerreißend geweint. Das Ziel ist klar: Da müsste ein Trostpflaster drin sein. Claudia Lindner ergänzt: "Größere Kinder wollen vor allem prüfen, ob sich jemand um sie kümmert. Sie wollen Aufmerksamkeit."

Gut für dich zu wissen

Weinende Kinder wünschen sich nichts mehr, als dass ihr Schmerz und ihre Tränen ernstgenommen werden. Dafür sind Sätze hilfreich wie: "Da hast du dir aber eine riesige Beule eingefangen" oder "Hast dich aber richtig erschrocken, oder? Das verstehe ich." Bei Kleinkindern zieht das altbewährte "Lass mich mal pusten" am besten und trocknet Tränen.

Nicht nur der körperliche Schmerz bringt unsere kleinen Welteroberer zum Weinen. Besonders auch eine enttäuschte oder verletzte Seele: Tim zum Beispiel wollte seinem Papa die erste Fahrt auf dem Fahrrad vorführen. Dann das Unglück. Tim stürzt. Er ist untröstlich, weint bitterlich. Es ist nicht das blutende Knie, das ihm wehtut, es ist die Seele.

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WICHTIG. Sag das bitte nie zu deinen weinenden Kindern!

"Hör auf zu weinen!"

Damit nimmst du die Situation deines Kindes nicht ernst. Es weint – und du solltest akzeptieren, dass es dafür gute Gründe gibt. Verhindere nicht, dass dein Sohn oder deine Tochter Gefühle zeigen. Unterstütze sie, indem du fragst "Warum weinst du?" tröste sie, indem du sie in den Arm nimmst. Das beste Trostpflaster ist dein Körperkontakt.

"Wenn du nicht sofort aufhörst zu ...!"

Völlig egal, was der Grund für so viel Traurigkeit, Verzweiflung oder Wut ist, deinem Kind deshalb zu drohen oder es sogar bestrafen zu wollen, ist in solchen Moment ein absolutes No-Go. Wie wäre es denn mit: "Weine, wenn dir danach ist, ich bin bei dir."

"Große Kinder weinen nicht"

So, so! Dann dürften Erwachsene ja erst recht nicht weinen. Was bitteschön hat denn das Alter oder auch die Körpergröße mit weinen zu tun? Besser ist:  "Auch wenn du schon größer bist, ist es völlig normal zu weinen, egal welchen Grund du hast."

"Ich will dich nicht weinen sehen!"

Wie bitte? Willst du dein Kind etwa allein lassen, weil es weint, traurig ist oder sich "nur" erschrocken hat? Weinen ist auch als ein Ausdruck für den Wunsch nach Nähe und Geborgenheit zu verstehen. Sinnvoll ist: Hole es zu dir, sollte es allein in seinem Zimmer hocken.

"Du musst doch gar nicht weinen ..."

Woher weißt du das denn? Wir sollten uns lieber mit den Tränen unserer Kinder identifizieren. Es könnte sonst sein, dass unsere traurigen Gestalten das Gefühl entwickeln, wir Eltern würden sie nicht verstehen und aus ihrem gefühlten großen Unglück eine Bagatelle machen. Hilfreich wäre, sich in die Lage des Kindes zu versetzen: "Ich will dir helfen, aus dem Schlammassel rauszukommen."

Unser Autor: Joko Zoellner

Joachim "Joko" Zoellner blickt auf eine lange und ausgefüllte Karriere im Journalismus zurück. Zu seinen dabei durchlaufenen beruflichen Stationen gehören unter anderem Chefredakteursposten (tw. stellv.) im Springer-Verlag. Vor allem im Sport- und Familienbereich war und ist Zoellner leidenschaftlich als Autor aktiv. 

Weiter gründete der studierte Theologe den Verlag "Jokomedia UG" sowie die Zeitschrift "Familie & Co." Für wireltern.de schreibt er regelmäßig unterhaltsame und informative Kolumnen rund um die Themen Familie, Kinder und Erziehung. Dabei kritisiert und kommentiert er – stets mit einem Augenzwinkern – gängige Methoden und alltägliche Missverständnisse zwischen Eltern und Kind.

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Unser Autor

Martin Piecha

Content Manager bei Junior Medien

Martin stammt als studierter Sportjournalist und -manager sowie ehemaliger Redakteur für Fitness- und Gesundheitsthemen aus einem eher anderen Fachbereich. Er liebt jedoch die redaktionelle Herausforderung und stellt sich voller Freude und Enthusiasmus dem weiten Feld rund um das Elternwerden und Elternsein.

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