Russland greift Ukraine an

Jetzt auch noch Krieg: Wie sollen wir unseren Kindern das erklären?

Unsere Autorin ist die schlechten Nachrichten so leid: Nach zwei Jahren Pandemie hatte sie – wie wir alle – auf Aufatmen und Entspannung gehofft. Stattdessen kommt die nächste Katastrophe um die Ecke, die man den Kindern irgendwie erklären muss. Aber muss man das wirklich? Und wenn ja: in welchem Ausmaß?

Plötzlich Krieg, nah wie nie

Als kürzlich die Sonne nach gefühlten Wochen endlich mal wieder schien, dachte ich: Geht doch! Jeder einzelne Strahl radierte sanft ein kleines Stückchen Schmuddelwetterfrust und Pandemiegenervtheit aus. Ich war guter Dinge, freute mich über die sinkenden Coronazahlen, plante gleich zwei Urlaube für dieses Jahr und schöpfte Hoffnungen, dass dieses Leben irgendwann endlich wieder normal sein würde. 

Tatsächlich war die gestrige Tagesschau erstmals seit Langem komplett frei von Covid-News. Leider aber eben nur, weil die nächste Krise die andere überschattet. Weil nah wie nie plötzlich Krieg ist. Man sitzt da, und fühlt sich wie ein Wackeldackel, nur eben mit horizontalen statt vertikalen Bewegungen. Weil man eigentlich nicht aufhören kann, den Kopf darüber zu schütteln, was da gerade passiert, während sich alle Welt nach guten Nachrichten sehnt.

Heute Morgen, 6.52 Uhr, im Bad. Mein Sohn Theo sitzt noch halb verschlafen auf dem Klo, ich stehe unter der Dusche, mein Liebster berichtet zähneputzend von Russlands nächtlichen Angriffen auf die Ukraine. Theo verfolgt unser Gespräch, fragt: "Wieso Bomben? Was ist denn da los?" 

Die Welt unserer Kinder soll endlich wieder bunt sein

Theo und seine Zwillingsschwester Elli sind sieben Jahre alt. Die beiden kennen Schule nur mit Masken und Abstandsregeln, den Alltag nicht so unbeschwert, wie man es sich wünschen würde und ihre Mutter pandemiebedingt deutlich pessimistischer und besorgter als sie es eigentlich gern wäre, als sie es vor Corona einmal war.

Unterm Strich geht es uns und ihnen (natürlich vor allem im Vergleich zu vielen anderen Menschen, u.a. in der Ukraine!) gut, die letzten zwei Jahre haben wir vermutlich ganz okay gewuppt. Und trotzdem haben sie mehr verdient, ihre Kindheit soll endlich wieder bunt und fröhlich und sorgenfrei sein. Muss es also sein, ihnen jetzt noch von Bomben zu erzählen, die in einer Region vom Himmel regnen, die nicht viel weiter weg ist als unser letztes Sommerurlaubsziel? 

Die Zeiten von "Das verstehst du nicht, dafür bist du zu klein" sind vorbei

Grundsätzlich halte ich es mit diesem Statement, das erst neulich wieder durchs Netz wanderte: "Wenn Kinder alt genug sind, eine bestimmte Frage zu formulieren, dann sind sie auch alt genug für die zugehörige Antwort." Denn Sätze wie "Das verstehst du noch nicht, dafür bist du zu klein" haben vielleicht unsere Eltern und teils wir selbst noch kassiert – diese Zeit dürfte aber in neun von zehn Familien längst vorbei sein. Natürlich ist die volle Dröhnung, zum Beispiel in Erwachsenen-Nachrichtensendungen, eins "drüber"; wie kürzlich schon unsere Gastautorin schrieb. Aber gegen eine kindgerechte Erklärung spricht aus meiner Sicht nicht viel.

Während ich Shampoo auf meinem Kopf verteile und mir genau diese zurechtlege, ist meine (in diesem Punkt tatsächlich deutlich) bessere Hälfte schneller. Er erklärt es in etwa so: 

"Russland und die Ukraine gehörten früher zusammen, aber die Ukraine will lieber unabhängig von seinem Nachbarland sein. Das gefällt dem russischen Präsidenten Putin nicht und deshalb hat er seit einigen Jahren versucht, die Ukraine zu zwingen, wieder Teil von Russland zu werden. Und obwohl alle anderen Länder sagen, dass das gegen das Gesetz ist und sie keinen Krieg wollen, hat Putin jetzt der Armee befohlen, die Ukraine anzugreifen. Die anderen Länder wollen aber keine Soldaten schicken, sondern dem russischen Präsidenten und den russischen Firmen ihr Geld wegnehmen, damit er es sich anders überlegt und es wieder Frieden gibt."

Die Lösung aus Sicht eines Siebenjährigen

Wenn dieser Start in den Tag trotz der schrecklichen Nachrichten aus dem Osten also etwas Gutes hatte, dann die (erneute) Erkenntnis, dass ich diesen Mann allein schon dafür liebe: Dass er den Kindern so ziemlich alles in einer Art erklären kann, die den Wissensdurst zwar stillt, sie aber weder verunsichert noch mit einem schlechten Gefühl zurücklässt. 

Reicht ja, wenn wir Großen letzteres haben.

Wir sprechen auf der Fahrt zur Schule noch ein bisschen weiter. Darüber, was das für uns in Deutschland bedeutet. Über Menschen, die aus Angst vor dem Krieg ihre Heimat verlassen und wie ungerecht das ist. Was wir selbst einpacken würden. 

Und bevor ich meinen beiden Lieblingsmenschen den morgendlichen Habt-einen-schönen-Tag-Kuss auf die Stirn drücke, hat Theo noch eine Idee: "Wenn dieser Putin so gemein ist und so was macht", sagte er, "wieso kann man ihn dann nicht einfach ins Gefängnis stecken, damit das aufhört ...?"

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