Neue Hygiene-Regeln in Kitas und Schulen

"Übertriebene Maßnahmen können Zwangsstörungen bei Kindern auslösen"

Die neuen Regeln in Kitas und Schulen sollen unsere Kinder vor dem Coronavirus schützen. Doch Experten zufolge können die Maßnahmen auch auf die Psyche schlagen – und Zwangsstörungen zur Folge haben. Kathrin von Rad zählt zu den Psychologen, die genau das befürchten. Wir haben mit ihr gesprochen.

Eines vorweg: Kathrin von Rad (40) ist Verhaltenstherapeutin – und Mutter von drei Kindern. Natürlich erinnert auch sie ihren Nachwuchs gerade ständig ans Händewaschen, natürlich ist sie selbst seit Wochen vorsichtig im Umgang mit Patienten.

Und trotzdem beobachtet sie das, was gerade in Deutschlands Kitas und Schulen – und zum Teil auch Haushalten – passiert, mit kritischem Blick. "Der teils sehr strenge Umgang mit den neuen Regeln ist ein guter Nährboden für Zwangsstörungen", sagt die Psychotherapeutin, die in Ahrensburg (Schleswig-Holstein) eine eigene Praxis mit ihrem Ehemann führt. "Wenn Kinder anfangen zu glauben, es passiere eine Katastrophe, wenn sie zum Beispiel beim Händewaschen nur ein Mal statt zwei Mal ,Happy Birthday' singen, dann entwickeln sich schnell Sauberkeits- und Hygienezwänge. Ich kann mir vorstellen, dass wir in fünf bis zehn Jahren durch Corona eine ganz andere Rate von Zwangserkrankungen haben als derzeit."

Bei Zwangsstörungen sei der Ursprung zu 30 Prozent genetisch bedingt – und zu 70 Prozent abhängig von Lernerfahrungen, Sozialisation, Erziehung, kritischen Lebensereignissen. Und ein solch "kritisches Lebensereignis" könne nun auch die Pandemie und ihr Umgang damit sein: "Wenn Kinder Erwachsene erleben, die hysterisch mit dem Thema Hygiene umgehen, ist es nicht überraschend, dass sie versuchen wollen, ein Gefühl von Kontrolle in einer für sie unkontrollierbaren Welt herzustellen."

Was also, wenn der Fünfjährige plötzlich Panik davor hat, Türklinken zu berühren? Und selbst die Dreijährige laut "Abstand" ruft, wenn auf dem Spielplatz ein anderes Kind den selben Sandkasten betritt? 

"Die Abstandsregel ist aus meiner Sicht vor allem im Kleinkindalter problematisch, weil in dieser Phase körperliche Erfahrungen im Spiel mit Gleichaltrigen zum Lernprozess gehören", sagt Kathrin von Rad. „Ich rate Eltern, es bei aller gut gemeinten Vorsicht nicht zu übertreiben, und immer wieder auf Augenhöhe mit den Kindern zu reden, ihnen zu erklären, wieso welche Maßnahme Sinn macht – und dass das alles auch irgendwann ein Ende haben wird."

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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