Quarantäne ohne Klarheit

Corona-Kontakt: "Ich bekomme keinen Test!"

Unser Autor hatte Corona-Kontakt ersten Grades. Er wurde vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt, ein Test wird nicht gemacht. Wie kann das angehen? Ein Erfahrungsbericht, der sprachlos macht.

25. September 2020: Ich hatte Kontakt. Mit einer positiv auf Corona getesteten Person. Diese Info erreichte mich am vergangenen Donnerstag, als ich gerade aus dem Supermarkt kam. Hatte ich mich eben noch auf meinen erfahrungsgemäß immer schmackhaften Grießpudding gefreut, so war die Vorfreude just in jenem Moment verflogen. Fragen kamen auf. "Wie geht es jetzt weiter? Bin ich infiziert? Meine Liebste, meine Freunde? Was habe ich ab jetzt genau zu tun? Wen muss ich informieren und wann erfolgt mein Test?" Die letzte Frage war für mich tatsächlich keine Ob-, sondern schlicht eine Wenn-Frage. Der Test eine Selbstverständlichkeit, auf deren Anordnung von zugehöriger Stelle ich einfach zu warten hatte. Doch es kam anders ...

"Der Anruf" ... oder auch "Fragen über Fragen"

Klar war, ich musste in Quarantäne. Weg von Menschen, die ich vielleicht anstecken könnte. Klar war auch, meine Freundin und alle anderen, die an jenem Freitag Kontakt zu der betroffenen Person gehabt hatten, ebenfalls. Die zuständigen Gesundheitsämter waren vorschrifts- und verantwortungsgemäß informiert worden und klapperten nun über den Tag verteilt alle vermeintlich Beteiligten telefonisch ab. Parallel dazu gingen die ersten Testergebnisse in der eigens für den Austausch erstellen What's-app-Gruppe ein. Erfreulich: Nur zwei weitere Tests waren positiv. Alle anderen fielen sechs Tage nach Kontakt negativ aus. Auffallend dabei: Der jeweilige Partner der beiden Corona-Positiven war negativ getestet worden. Ein Ding der Unmöglichkeit, folgt man der Annahme der überall nachzulesenden so starken Infektionsrate. Oder sagen wir besser, ein Ding der Unwahrscheinlichkeit? Übrigens fanden alle Tests auf freiwilliger Basis und vor Anruf des Gesundheitsamtes statt

Corona-Kontakte ersten Grades? Macht (anscheinend) nichts!

Später am Tag, es war bereits früher Abend, ging der erste Anruf auch bei uns ein. "Hallo, mein Name ist ... Ich rufe vom Gesundheitsamt Hamburg an. Sie können sich sicher denken, worum es geht." Meine Freundin dachte es sich. Nach einem etwa 20-minütigen Gespräch und sehr vielen "Das ist korrekt" legte sie schließlich auf. "Mach dich auf was gefasst", waren ihre ersten und einzigen Worte, bis auch mein Handy klingelte "Hallo, mein Name ist ... Ich rufe vom Gesundheitsamt Hamburg an. Sie können sich sicher denken, worum es geht." Ich dachte es mir.

Der Herr erfragte viele Dinge rund um meinen Gesundheitszustand, Zeitpunkt, Dauer und Ausmaß (ja, Ausmaß) des Kontaktes, meinen beruflichen Stand und, und, und. Soweit, so gut. Dann wurde es interessant. Wir wären sogenannte "Kontakte erstes Grades", hieß es. Darauf stünden zwei Wochen häusliche Quarantäne. Jeglicher Kontakt zu anderen sei nicht gestattet. Verständlich. Eine Protokollierung des eigenen Zustandes sei Pflicht. Glasklar. Im Idealfall sollten wir die kommenden zwei Wochen möglichst in getrennten Zimmern verbringen. Ab da wurde es langsam verwirrend. Eine Information an alle "Kontakte zweiten Grades", Kollegen, Verwandte, Freunde, Teamkameraden, sei "optional" und nicht verpflichtend. Ooookay, das leuchtete mir nun wirklich nicht ein. Für mich war die Info an alle möglicherweise Beteiligten alternativlos und eine Sache der Vernunft und Selbtverständlichkeit. Und dann folgte der eigentliche Kracher, der uns bis jetzt kopfschüttelnd zurückließ: Einen Corona-Test bekamen wir aufgrund bisher ausbleibender Symptome nicht! 

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Das kann nicht euer Ernst sein!

Ich fasse also einmal zusammen: Wir sind nachweislich Kontakte ersten Grades eines auf Corona positiv Getesten. Näher an einer Infektion kann man doch gar nicht sein. Selbstverständlich haben wir Verwandte, Bekannte und Kollegen darüber informiert. Sie wissen nun auch Bescheid, dass ein möglicher Fall vorliegt und sind verständlicherweise in Sorge um ihre Liebsten und sich selbst. Unsicherheit herrscht. Dass diese Info keine schöne, aber eine notwendige ist, steht außer Frage. Zumindest für uns! Denn eigentlich sei sie ja laut Amt "optional". 

Weiter müssen wir für zwei Wochen jeglichen Außenkontakt vermeiden. Das bedeutet für uns: Kein Einkaufen, nicht den Müll vor die Tür bringen und – was uns besonders trifft – kein Spaziergang mit dem Hund. Kompromisslose Anordnung! Wir mussten unsere Nala also in einer Nacht- und Nebel-Aktion kontaktlos und ohne großes Aufsehen zu erregen abgeben. 

Doch wofür das Ganze? Reiserückkehrer werden umgehend an Ort und Stelle getestet. Mit und ohne Verdacht auf eine Infektion. Die Kapazitäten sind da. In unserem Fall könnten die Zeichen nicht deutlicher auf Rot stehen. Doch ein Test bleibt aus. Wieso? Zu anderen schickte das Gesundheitsamt einen Arzt, der schnell und einfach einen Test durchführte und somit für Klarheit sorgte. Positiv oder negativ. Auf dieser Basis könnte man weiter entscheiden, rational, um seinen Zustand wissend. Wir dürfen nicht einmal das Haus verlassen, um einen freiwilligen Coronatest zu machen. So die strenge Anordnung.

Was bleibt?

Wie wir uns dabei fühlen? Eingesperrt, unserer Freiheit wissentlich beraubt ohne einen handfesten Grund, den es doch eigentlich so einfach zu finden und nachzuweisen gibt. Wo liegt da der Sinn? Wie soll man in einer solchen Situation Verständnis für diese Maßnahmen aufbringen? Ist das System nicht mittlerweile gereift genug, um auch diese im richtigen Maße und mit der passenden Dosis Vernunft zu klären? Wir bleiben fassungslos und verärgert zurück. Zu Hause. Auf die Dinge wartend, die da kommen. Oder eben nicht. Denn in zwei Wochen geht es wahrscheinlich für uns ganz normal weiter. Ohne Probleme. Ohne Wissen. Ohne Gewissheit. Ohne Ergebnis. Ohne Test.

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Unser Autor

Martin Piecha

Content Manager bei Junior Medien

Martin stammt als studierter Sportjournalist und -manager sowie ehemaliger Redakteur für Fitness- und Gesundheitsthemen aus einem eher anderen Fachbereich. Er liebt jedoch die redaktionelle Herausforderung und stellt sich voller Freude und Enthusiasmus dem weiten Feld rund um das Elternwerden und Elternsein.

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