Unverhofft kommt oft

Danke Tinder: schwanger nach dem 1. Date

Swipe, Match, schwanger: So ungefähr könnte man meine Familiengründung beschreiben. Als ich herausfand, dass ich in der sechsten Woche schwanger war, kannten mein Freund und ich uns rund zwei Monate. Heute leben Sebastian und ich mit unserem Sohn Sascha, der bald zwei wird, immer noch glücklich zusammen – obwohl wir uns beide nicht sicher waren, ob das klappen kann.

An einem Montag im November 2018 saß ich abends in der Küche meiner Berliner Singlewohnung und hatte gerade eine Dating-App installiert. Ich wischte so vor mich hin, die meisten Männer waren indiskutabel – bis ich auf einen Sebastian stieß. Er sah nett aus, auch wenn er bis auf ein Foto keine Angaben gemacht hatte. Aus dem Bauch heraus wischte ich nach rechts. Swipe, Match!
Sebastian schrieb unglaublich witzig und ging sogar auf mein Profil ein, statt sich in Standardsätzen zu verlieren. Ein paar Wochen später trafen wir uns nachmittags auf einem Weihnachtsmarkt, unterhielten uns auf Anhieb gut und versackten bis spät in der Nacht in einer Eckkneipe. Und irgendwann im Januar wurden wir offiziell ein Paar und hatten das erste Mal Sex. Schwanger! Aber das wusste ich damals noch nicht.

Überrascht wie mit 16

Wir verhüteten nach der Temperaturmethode – offenbar, ohne viel Ahnung davon zu haben. Dass ich schwanger war, merkte ich erst in der sechsten Woche, bei einer Routineuntersuchung. Ich saß auf dem Untersuchungsstuhl und meine Frauenärztin sagte: "Sie sind schwanger, in der sechsten Woche". Ich war 36 und fühlte mich genauso baff, als sei ich 16. Wie sollte das gehen? Mir schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf: Die Recherchereise nach Äthiopien, die in vier Wochen geplant war, die schwankenden Einnahmen in meiner Selbstständigkeit und, ach ja, den Vater des Kindes kannte ich quasi nicht!

"Ein Kind von dir"

Dann ging alles in mir erst einmal in den Autopilotinnen-Modus. Von der Frauenärztin ließ ich mir die Liste der Ärzte geben, die Konfliktberatungen durchführen. Nicht, weil ich mir sicher war, dass ich kein Kind bekommen will. Sondern weil meine Exit-Strategie immer stehen muss, ehe ich mich auf etwas einlassen kann. Erst gegen Mittag klingelte ich bei meinem Freund durch, er ging nicht gleich ans Telefon. Auch das noch! "Kann ich dich zurückrufen? Bin gerade in einer Besprechung", schrieb er. "Ja, aber schnell, ist wichtig", textete ich zurück. Als er dann hörbar gut gelaunt mit gespielter Berliner Schnauze in den Hörer sprach: "Na, wat haste?", wusste ich nichts anderes zu entgegnen als: "Ein Kind von Dir."

Ich muss sagen, dass die ersten Zweifel schon verflogen, als ich hörte, wie er reagierte. Er war überrascht, aber einfühlsam, fragte, wie es mir damit geht. Mein Gefühlschaos brach in einem Schwall aus mir heraus. Wir verabredeten uns für den Abend. Den Nachmittag verbrachte ich mit meiner besten Freundin, die insgeheim hoffte, dass ich das Kind behalte. Wenige Stunden später saß ich mit Sebastian auf der Couch und er sagte: "Wir sind alt genug, ich will sowieso Kinder, du auch, also lass es uns doch einfach probieren." Von da an war da vor allem: Vorfreude. Aufregung. Die Zweifel traten in den Hintergrund.

Formalitäten rund um die Geburt und Gefühlschaos

Gleichzeitig wich die Verliebtheit weniger romantischen Dingen wie der Suche nach einem Kitaplatz. Manchmal hatte unsere Situation auch etwas von einer Slapstick-Komödie. Beim Ausfüllen eines Anmeldebogens in einer evangelischen Kita fragte ich ihn etwa: "Bist du eigentlich in der Kirche?".  Als ich herausfand, dass er keine Haftpflichtversicherung hat, schrie ich in den Hörer, dass der Vater meines ungeborenen Kindes kein Typ sein soll, der so etwas nicht auf die Reihe bekommt. Vielleicht waren es die Hormone, die mich so vehement werden ließen. Noch am gleichen Abend hatte er eine Versicherung abgeschlossen.

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Frisch verliebt Eltern zu werden, kann zu Problemen führen

Diese Szene bestätigt ganz gut das, was mir auch Paartherapeutin Miriam Dialo verrät. "Frisch verliebt gleich Eltern zu werden, kann zu Problemen führen, weil die Verliebtheitsphase hier viel kürzer ist, und ein Paar gleich große Themen angehen muss. Es kann vorkommen, dass man nach einigen Jahren das Gefühl hat, man müsste diese erste Zeit der Leichtigkeit aufholen. Wir lernen den Partner sehr früh unter dem Aspekt der Elternschaft kennen – aber das kann auch ein Vorteil sein, weil wichtige Fragen schnell auf den Tisch kommen", sagt sie. So war es auch bei uns.

Sechs Monate später zogen wir in eine neue Wohnung, weitere drei Monate später kam dann unser kleiner Sascha auf die Welt. Und wir sind im Turbogang plötzlich zu dritt. Heute sind wir fast drei Jahre zusammen, und natürlich gab und gibt es zwischen uns Konflikte. Wir vermissen tatsächlich die Leichtigkeit, von der wir so wenig teilen konnten.

Die Dauer einer Beziehung ist kein Indikator

Als ich mit Miriam spreche, fällt ein Satz, der mich unglaublich berührt, vielleicht, weil er all das, wofür wir uns entschieden haben, legitimiert. "Die Dauer einer Beziehung ist kein Indikator für den Erfolg in der Familiengründung", sagt sie. "Auch eine langjährige Ehe mit vielen Jahren gemeinsamem Kinderwunsch kann scheitern, wenn das Kind da ist und beide merken, dass sie sich unter einem erfüllten Familienleben völlig andere Dinge vorstellen."

Sie sagt, es sei für alle Paare eine ziemliche Umstellung, wenn aus zwei Menschen drei werden, ganz egal, wie langjährig die Beziehung ist. "Eine Schwangerschaft, die Geburt und das erste Babyjahr können auch eine langjährige Partnerschaft ganz schön durcheinanderbringen. Oft werden Probleme sichtbarer, Kommunikationsdefizite, unerfüllte Wünsche, Druck im Job oder auch die neuen Rollen, die überfordern können. Dies zu stemmen ist für Paare neben dem ohnehin stressigen Alltag eine unheimliche Herausforderung", so Miriam Dialo.

Das stimmt. Gleichzeitig habe ich auch Paare erlebt, die sich getrennt haben, obwohl sie sich doch so gut kannten. So kurz wie wir war in meinem Bekanntenkreis niemand liiert, als das erste Kind kam. Und tatsächlich gibt es keine Zahlen dazu, wie lange Paare in einer Beziehung sind, ehe sich das erste Kind auf den Weg macht. In Deutschland bekommen verheiratete Paare im Schnitt zwei bis drei Jahre nach der Hochzeit ihr erstes Kind – was natürlich all die außer Acht lässt, die sich nicht das Ja-Wort geben.

Aber ich finde es auch müßig, mich weiter an der Beziehungsdauer aufzuhängen. Vielleicht hat es bei uns auch bislang so gut geklappt, weil wir wussten, dass es keine Garantie dafür gibt, dass wir es schaffen. Die gibt es nie, oder? Wir können nur jeden Tag das Beste dafür tun, eine glückliche Familie zu bleiben.

Dass ich einmal diese Zeilen schreiben würde, hätte ich an dem Novembermontag vor drei Jahren beim Tindern allerdings ganz sicher nicht erwartet!

Autorin: Sarah Borufka

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Unsere Expertin

Miriam Dialo ist Familiencoach und Paarberaterin in Berlin.

miriamdialo.com

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