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"Das geheime Leben der Bäume"-Autor Peter Wohlleben: "Entschleunigen ist wertvoll!"

Förster und Autor Peter Wohlleben über das Umweltbewusstsein der Jugend, warum er seit einiger Zeit vegetarisch lebt und wie ein Ausflug mit Kindern in den Wald zum Abenteuer wird.

Herr Wohlleben, viele Eltern würden gern mit ihren Kindern mehr Natur erleben. Aber wie können wir die Kleinen dafür begeistern?

Es ist ganz einfach: Nehmen Sie sich Zeit. Als Eltern hat man ja häufig einen Terminplan im Kopf. Sie möchten irgendwann wieder zu Hause sein, Sie möchten unbedingt einen Rundgang machen, Sie möchten eine bestimmte Strecke zurücklegen. Kinder aber trödeln auch gern mal – das hat manchmal einen negativen Touch, aber gerade das Entschleunigen ist wertvoll.

Wird ihnen da nicht langweilig?

Kinder sind heutzutage schon gewohnt, dass sie ein fertiges Programm bekommen. Ich mache seit über 25 Jahren Führungen mit Kindern und Jugendlichen, um sie für Natur zu begeistern und ihnen zu zeigen, dass das mehr ist als Biologieunterricht im Freien. Natürlich machen wir auch mal Spiele, aber es geht vor allem darum, sich auch einmal auf Sachen einzulassen
und nicht im Zweisekundentakt zum nächsten Punkt zu springen.

Fehlt es den Kindern heute an Konzentrationsfähigkeit?

Ich erlebe eher, dass es für die Eltern schwierig ist, Ruhe zuzulassen und nicht zu sagen: Kommt, jetzt gehen wir weiter! Der allereinfachste Tipp ist: Nehmen Sie sich viel Zeit. Und wenn Sie an einem Tag nur 300 Meter schaffen, dann ist es auch okay. Sie waren im Wald, haben als Familie etwas gemacht, die Kinder hatten Spaß. Natur zu erleben ist etwas, was jeder kann!

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Das geht auch ohne Vorbereitung und Vorkenntnisse?

Klar! Wobei es schon nützlich ist, wenn man ein paar Sachen weiß – zum Beispiel, bei welchen Baumarten man die Blätter essen kann. Es gibt nur wenige seltene Ausnahmen wie die Eibe, aber bei den meisten Bäumen wie Eiche, Buche oder Birke kann nichts passieren. Da können Sie in die Blätter reinbeißen und so die Bäume am Geschmack erkennen, das macht Kindern wahnsinnig Spaß.

Das funktioniert?

Es ist unglaublich toll, wie gut die Kinder die Bäume am Geschmack erkennen! Und zwar so: Dem einen Kind verbindet man die Augen, und das andere füttert
es mit verschiedenen Blättern. Man könnte natürlich auch einfach dozieren, dass die Eiche eine raue Rinde hat und die Buche eine glatte, und die Blätter sehen so und so aus … Der Unterschied ist: Das eine ist Unterricht, und das andere ist Abenteuer. Und raten Sie einmal, worauf die Kinder mehr Lust haben.

Wann merken Sie, dass Sie einen Aha-Effekt erzeugen?

Ich glaube, es ist das soziale Miteinander im Wald; dass über die Baumwurzeln zum Beispiel ein alter Baumstumpf miternährt wird oder dass Bäume sich um ihren Nachwuchs kümmern. Rekorde aus der Tier- oder Pflanzenwelt sind sicher beeindruckend, aber ich glaube, länger wirken solche Erkenntnisse über das Sozialleben der Bäume. Das können sich die meisten Leute gar nicht vorstellen. Da kriege ich das meiste Feedback.

Läuft man da nicht Gefahr, Flora und Fauna zu sehr zu vermenschlichen?

Bestimmte Abläufe in der Natur folgen ja ähnlichen, wenn nicht sogar denselben Wegen. Im Wald lernt man, dass Natur nicht Kampf, sondern Solidarität ist, weil solidarische Systeme erfolgreicher sind. Kampf und Verdrängung ist ein völlig falsch interpretierter Begriff der Evolution. Heutzutage sagt die Biologie, dass es um das Einpassen in ein Ökosystem geht, das ist etwas ganz anderes. Das gilt für einen Buchenwald, aber auch für unsere Gesellschaft oder die Wirtschaft: etwa, dass sich der Verdrängungswettbewerb für alle weniger auszahlt als Kooperation. Man kann es sich eigentlich auch ganz leicht ausrechnen, dass etwa ein Handelskrieg nicht besonders intelligent ist.

Muss man nicht stark vereinfachen, um Kindern so etwas zu erklären?

Man könnte denken, man überfordert Kinder mit solchen Zusammenhängen – das ist aber überhaupt nicht der Fall. Man erklärt es vielleicht nicht bis ins kleinste Detail, aber das würde ja auch uns Erwachsene überfordern. Ich stelle immer wieder fest: Die Sachen, die für Erwachsene eingängig sind, sind auch für Kinder eingängig.

Haben Kinder heute ein stärkeres Bewusstsein für Umweltthemen?

Bei Fridays for Future sehen wir, dass es schon im Grundschulalter losgeht, weil die Kinder diese Debatte aufmerksamer verfolgen, als wir uns das so vorstellen. Der erste Schritt, sich da einzubringen, ist, etwas über die Natur zu erfahren. Daher freue ich mich über alle Kindergruppen, die zu uns in den Wald kommen.

Stimmt Sie das optimistisch, was die weitere Entwicklung betrifft?

Definitiv! Wer hätte vor einem oder anderthalb Jahren gedacht, dass Grundschüler es schaffen, die Bundesregierung vor sich herzutreiben? Ich bin mir ganz sicher, das Klimakabinett hätte es ohne Fridays for Future so nicht gegeben. Man hatte gedacht, das ist die Generation Handy, die ist quasi verloren. Aber nein – die gehen auf die Straße! Und sie bewegen politisch mehr als so manche Partei. Das ist unglaublich, und das macht mich natürlich hoffnungsvoll. Denn das sind ja die Entscheidungsträger von morgen, die zeigen, wo es langgeht.

Fürchten Sie nicht, dass auch die heutigen Kinder ihren Tatendrang verlieren werden, wenn sie erst einmal erwachsen sind?

Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Wenn man mal zurückgeht in die Zeit, in der  die Grünen groß geworden sind: Bei der Generation ist das Grundgefühl für Umweltschutz drin, und das geht auch bei den jetzigen Schülerinnen und Schülern nicht raus, zumal viele das ja noch viel intensiver praktizieren. Also, ich bin als Schüler nicht auf die Straße gegangen …

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Kann man sagen, dass die Kindergeneration heute ihre Eltern in Sachen Ökologie erzieht anstatt umgekehrt?

Zumindest teilweise. Das habe ich schon häufig erlebt. Viele Eltern, aber auch Großeltern, müssen sich vor ihren Kindern und Enkeln rechtfertigen, weil die eben sagen: Musst du unbedingt fliegen? Oder Auto fahren? Kannst du nicht die Bahn benutzen? Musst du eigentlich so viel Fleisch essen? Und warum kaufst
du nicht bio? Dieser Prozess ist viel besser, als wenn irgendwelche Gesetze geändert werden. Wer mag schon vor seinen Kindern – ich sag es mal übertrieben – als böser Mensch dastehen?

Was für Konsequenzen haben Sie für sich selbst gezogen?

Wir essen in unserer Familie vegetarisch, wenn auch erst seit einem Jahr, auch aus ökologischen Gründen. Aber ich sehe es nicht dogmatisch. Wenn jemand anderes Fleisch essen will, dann soll er es machen. Ich finde es immer ganz schlecht, wenn Ernährung zu einer Art Pseudoreligion wird. So wird schnell das Gesprächsklima vergiftet. Wir kaufen grundsätzlich überall da, wo es geht – und es geht bei fast allen Sachen –, Bio-Lebensmittel. Man muss aber sehen, dass das auch eine Kostenfrage ist. Man ist kein schlechter Mensch, wenn man es nicht macht; ich sage nur für mich: Das sind meine Möglichkeiten, und die nutze ich.

Interview: Rolf von der Reith

Film-Tipp

Bäume können fühlen, denken, schwitzen, sich erinnern und sich wie strenge Eltern verhalten. Dies alles und noch viel mehr erfahren die Zuschauer im Dokumentarfilm zu Peter Wohllebens Bestseller "Das geheime Leben der Bäume". Ab dem 23. Januar 2020 im Kino.

Foto: 2019 Constantin Film Verleih GmbH

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