In den Bergen

Urlaub ohne Handy: Mama macht Digital Detox

Fünf Stunden Handy-Zeit täglich? Das war unserer Autorin zu viel. Sie beschloss, eine "Digital-Diät" zu machen – und verbrachte den Sommerurlaub an der Zugspitze ohne ihr Smartphone. In welchen Momenten sie es besonders vermisste und was die technikfreie Zeit mit ihr machte, lest ihr hier.

Ich sitze an dem mit Abstand schönsten See, den ich in Deutschland je gesehen habe, und atme tief ein. Was ich jetzt normalerweise tun würde: mein Handy zücken. Die Kinder fotografieren. Von vorne für die Familiengruppe bei WhatsApp, von hinten für die Story bei Instagram. Schnell noch ein Selfie hinterher vielleicht.

Doch nichts davon geht. Mein Handy liegt im Hotelsafe – die ganze Woche. Ich mache Digital Detox. Und deshalb kann ich loriotgetreu einfach nur hier sitzen. Das türkisfarbene Wasser bestaunen und Deutschlands höchsten Berg, der im Hintergrund in den swimmingpoolblauen Himmel ragt. Den Kindern dabei zusehen, wie sie über die Steine klettern. Realisieren, wie gut diese Ruhe hier tut, nach dem anstrengenden und nicht enden wollenden Homeoffice-/Schooling-Mix. 

Aber von vorn: Den Beschluss, in diesem Sommerurlaub komplett offline zu sein, fasste ich an einem sonnigen Sonntag im April. Mein iPhone zeigte mir die durchschnittliche Nutzungsdauer von 5 Stunden und 13 Minuten an und sorgte dafür, dass in meinem Kopf mehr als nur eine Alarmglocke schrillte: Konnte das stimmen?!

Smartphones gefährden die Eltern-Kind-Bindung

Tatsächlich kommen Smartphonebesitzer in Deutschland im Schnitt auf eine tägliche Nutzungsdauer von 3,7 Stunden. Je jünger der Mensch, desto länger die Online-Zeit, Frauen hängen etwas länger vor den Mini-Bildschirmen als Männer – und ich habe ganz offensichtlich eine noch deutlich intensivere Beziehung zu meinem Telefon als die meisten anderen. Die Erkenntnis an sich ist bitter genug – das Interview aber, das ich mit Eltern-Kind-Coach Ingeborg Häuser-Groß zu diesem Thema führe, spitzt mein schlechtes Gewissen erst so richtig an. "Smartphones schädigen die Eltern-Kind-Bindung im Ernstfall nachhaltig, weil die Kleinen sich nicht wertgeschätzt fühlen, wenn das Handy ständig wichtiger zu sein scheint", erklärt die gelernte Erzieherin aus Obrigheim (Rheinland-Pfalz).

Ich höre mir bei meinem Rechtfertigungsversuch zu: Es liege ja mitunter auch viel an den Jobs – und daran, dass wir es spätestens seit Beginn der Pandemie gewöhnt sind, eben auch zu Hause und auf dem Spielplatz noch schnell ein paar Mails zu beantworten. "Die Technik bestimmt aber auch den Urlaub der meisten Familien", hakt Ingeborg Häuser-Groß ein. "Wenn die Eltern in den Ferien alles mit dem Smartphone planen, dokumentieren, in sozialen Netzwerken verbreiten – und die Kinder in dieser Zeit mit dem Tablet beschäftigt werden: Wann bleibt dann noch Zeit für Urlaub?"

Schachmatt, sie hat recht. Ich beschließe, dass sich was ändern muss – und dass ich in der nächsten Arbeits-Auszeit eine Art kalten Entzug von dem kleinen Teil brauche, auf dem viel zu oft der Fokus liegt. Unser Urlaubsdomizil, ein Familienhotel am Fuße der Zugspitze, erscheint mir der perfekte Ort für meine Digital-Diät. 

Als wir das Zugspitz Resort ein paar Wochen später betreten, sind unsere Zwillinge Elli und Theo kaum zu bremsen. Sie toben über den Spielplatz, testen die resorteigene Kartbahn, flitzen über die Hotelflure. Zeit für mich, noch schnell die letzten Nachrichten zu verschicken, eine Abwesenheitsnotiz einzurichten. Und dann verschwindet nicht nur mein Handy, sondern auch mein iPad und das MacBook im Tresor. Tschüss, ihr drei, bis nächste Woche.

Tag 1: Kein Kaffee ohne Corona-App

"Here Comes The Sun" ist der Song, der seit Jahren mein Handyweckerlied ist. Heute klingelt nichts, dafür ist der Titel Programm, Sonnenstrahlen kitzeln mich wach. Instinktiv greife ich zum Nachttisch, um einen Blick auf die Handyuhr zu erhaschen – nichts. Ich erinnere mich an den Tresor, schaue meinen Lieblingsmenschen neben mir beim Schlummern zu, anstatt wie sonst als erste Tat des Tages auf das Display. Nach dem Frühstück wandern wir. Auf steinigen Wegen durch saftige Wälder trällern wir Lieder, laufen im Hopserlauf. Kleiner Dämpfer: Einkehren in der hübschen Gams-Alm geht nur mit Impfnachweis. Und der ist – praktischerweise, Ironie aus – in der Corona-App auf meinem Handy…

Tag 2: Miese Laune am Gipfelkreuz

Der Tag mit dem schönsten Wetter beginnt mit der schlechtesten Laune. Der Mann ist genervt von der für Pandemie-Verhältnisse deutlich zu voll gestopften Gondel. Oben angekommen auf Deutschlands höchstem Berg streiten wir, weil ich ihn mangels technischer Geräte drei- bis zehnmal zu oft bitte, noch schnell ein Foto mit seinem Handy zu schießen – Elli ist genervt von der Maskenpflicht am Gipfelkreuz, dann gibt's Tränen nach einem Heiße-Schokolade-Massaker im Bergsteiger-Imbiss. Nur Theo hat gute Laune, weil er auf der Rückfahrt die Gondel-Knöpfe drücken darf. Der Nachmittag versöhnt auch uns drei Miesepeter: Der Eibsee sah schon aus 2962 Meter Höhe sensationell aus. Und hat aus der Vogelperspektive nicht zu viel versprochen. Baden mit Zugspitzpanorama: wow. 

Tag 3: Hilfe, Herr Google, Sie fehlen!

Wieso heißen Palatschinken eigentlich Palatschinken? Wo ist die größte Gondel der Welt? Die Antworten verschiebe ich – meinen Freund und Helfer Google vermissend – auf später. Während die Kinder gefühlte 237-mal ins Wasser springen und ihrer Lieblingspuppe im Babybecken das Tauchen beibringen, ziehe ich meine Bahnen und merke, dass die anfänglichen Handy-Phantomschmerzen nachlassen, ich mich immer freier fühle. Plötzlich ist da so viel Zeit. Ich lese zwischendurch auf einem der riesigen Daybeds vor und das erste Mal seit einer halben Ewigkeit endlich auch mal wieder selbst ein Buch. Tut gut!

Tag 4: Sport ohne App & Kidsmassage

Ich realisiere, dass ich auch beim Thema Sport abhängiger von meinem Telefon bin als gedacht: Auf die Gefahr hin, dass ich nie wieder zurückfinde, wage ich mich ohne meine Lauf-App in den Wald. Es tut gut, in Sachen Geschwindigkeit mal auf meinen Körper zu hören und nicht auf die Stimme der digitalen Trainerin. Blöd nur: Es regnet Bindfäden, und ein Donnern höre ich auch. Also zurück zum Hotel. Von dem YouTube-Workout, das ich schon ca. 500-mal gemacht habe – und auf das ich offline natürlich keinen Zugriff habe – fällt mir nicht mal die Hälfte ein. Ich lande auf dem Laufband im Hotelfitnessraum: besser als nichts. Belohnung im Anschluss: eine Massage, im Spa gibt's sogar die Kids-Variante. Elli und Theo lieben es!

Tag 5: Schluchtspaziergang im Regen

Vorteil, wenn man die Wetter-App nicht ständig checkt: Die Aussicht für die nächsten Tage verdirbt einem nicht die Stimmung. Wenn es dann mal wieder schüttet, ist es halt so. Heute kann der Regen uns mal: Wir packen uns dick ein, bestaunen den laut rauschenden Wildbach in der Partnachklamm. Und ich beginne mich daran zu gewöhnen, Erinnerungen wieder mit dem Herzen festzuhalten anstatt mit einem Boomerang-Video. Auf dem Rückweg kurzer Shopping-Stopp, denn morgen haben die Zwillis Geburtstag. Das, was ich normalerweise noch schnell bei Amazon bestellt hätte, kaufe ich ganz klassisch im einzigen Spielwarenladen in der Umgebung. Haken: Ich zahle seit Jahren fast ausschließlich per ApplePay, habe die Pins für diverse EC-Karten vergessen. Glücklicherweise kommt der Geistesblitz in letzter Sekunde.

Tag 6: Wolke 7 am siebten Geburtstag

Heute vor unglaublichen 2555 Tagen bin ich Mama geworden – und es ist großartig, zum ersten Mal am Ehrentag der beiden einfach keinen Handschlag in der Küche tun zu müssen. Elli und Theo schweben nach der Bescherung im Hotelbett passend zum siebten Geburtstag auf Wolke 7, denn nach dem Frühstück gibt's eine Schatzsuche an der "Highline 179", einer der weltweit längsten Fußgängerhängebrücken im Tibetstyle – und abends nach Pommes und Pizza auch noch hotelhausgemachten Zugspitzkuchen mit Mini-Feuerwerk. In diesen letzten Urlaubsstunden genieße ich es ganz besonders, dass das Handy aus ist. Ich feiere den Ehrentag der beiden bewusst wie selten zuvor. Und die wichtigsten Glückwünsche kommen über das Handy meines Liebsten auch so an.

Tag 7: Die unangenehme Quittung

Abreise – und der Tag, an dem ich die Technik aus dem Tresor befreie. Bis zum Nachmittag zögere ich den Moment hinaus, in dem ich die Geräte wieder anschalte. Denn jetzt, auf halber Strecke irgendwo zwischen Ehrwald und Hamburg, kommt die Quittung für mein digitales Abtauchen: 93 unbeantwortete Nachrichten bei WhatsApp, mehr als 500 ungelesene Mails. Letztere haben auch bis Montag noch Zeit. Aber allein die privaten Antworten, auch auf diversen anderen Kanälen, beanspruchen auf der Rückfahrt mehrere Stunden.

... und jetzt?

Ich brauche Tage, bis alles "abgearbeitet" ist – und das stresst mich, nimmt mir einen Teil der Urlaubserholung, die sich in dieser Woche dank des Digital Detox deutlich schneller eingestellt hat. Immerhin: Ich habe nicht einmal ein Zehntel so viele Urlaubsbilder wie sonst. Das ewig-lange Sortieren entfällt also. Ansonsten haben die sieben Offline-Tage mir eindrücklich vor Augen geführt, für wie viel ich das Smartphone inzwischen nutze, als sei es nie anders gewesen. Bezahlen, navigieren, Informationen in Sekundenschnelle; All das will ich nicht mehr missen. Klar ist aber auch, dass mindestens 50 von gefühlten 100 Handy-Checks am Tag (vor allem auf diversen Social-Media-Kanälen) schlicht nicht sein müssen. 

Genau das – ein Bewusstsein dafür zu entwickeln – sei Schritt Nummer eins, sagt Eltern-Kind-Coach Ingeborg Häuser-Groß. Sie rät, das Handy-Verhalten zu analysieren, sich Notizen zu machen, was wegfallen kann. Und dann die Bildschirmzeit Schritt für Schritt zu reduzieren. "Es hilft, die Notifications auszuschalten, nicht immer alles sofort zu beantworten, sondern sich bewusst einen Slot am Tag dafür zu blocken", sagt sie. "Ich empfehle außerdem technikfreie Zonen wie das Bett und Tage, an denen das Handy ausbleibt, es mal nur um die Kinder geht. Sie werden es einem danken."

Tatsächlich fanden auch Elli und Theo meine Digital-Diät richtig gut, verlangen mehr davon. Sie hatten mich zu 100 Prozent in dieser Woche – so wie ich meine Eltern damals in unseren Urlauben, die zu den mit Abstand besten Kindheitserinnerungen zählen. Am kommenden Wochenende geht's in meine nächste handyfreie Runde ...

Urlaub im Zugspitz Resort

Mit atemberaubendem Blick auf Deutschlands höchsten Berg aufwachen: Das geht aus vielen der 47 neuen Zimmer und Suiten (ab 167 Euro p.P. & Nacht) im Zugspitz Resort. Insgesamt hat das 4-Sterne-Urlaubsresort, das auf der Tiroler Seite am Fuße der Zugspitze in Ehrwald liegt, 83 Zimmer sowohl im modernen als auch im traditionellen Stil – außerdem gehört ein 5-Sterne-Campingplatz mit 150 Stellplätzen (ab 62 Euro/2 Personen) dazu.

Kinderclub (9 bis 21 Uhr), Spaßbad (mit Piratenschiff, Babybecken und fünf Wasserrutschen), Kino, Kartbahn, Indoor-Spielplatz (700 qm mit Bällebad und Boulderwand), Jugendraum (mit Kicker, Airhockey-Tisch und Spielkonsolen) und Spa-Bereich stehen allen Gästen zur Verfügung.

Mehr Infos unter:  zugspitz-resort.at

Autorin: Claudia Weingärtner

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