Familie im Paradies

Ein Leben wie im Dschungelbuch

Pia kommt aus dem Münsterland – und zieht ihre Kinder 9.300 Kilometer entfernt von ihrer Heimat auf: mitten im Urwald von Guatemala. Ihre Söhne Indy und Obi leben ein bisschen wie Mogli aus dem Dschungelbuch. Unsere Autorin hat die Familie besucht.

Kekchí ist die vierte Sprache, mit der Indy (4) und Obi (2) aufwachsen. Spinnen sind für die beiden Brüder nicht igitt, eher Spielkameraden. Der Dschungel ist ihr Spielplatz! Die Söhne von Pia (40) und ihrem Mann John (41, großer George-Lucas-Fan) haben nicht nur Namen wie in einem Abenteuer-Film. Ihr Zuhause ist ein Abenteuer! Es liegt mitten im Herzen Guatemalas: überall tropischer Wald. Es ist feucht, heiß. Immer zirpt oder raschelt es im Unterholz, ewig rauscht der Río Cahabón. Gleich am Ufer des Flusses betreiben die Eltern der Brüder eine Kakao-Farm und das "Utopia Eco Hotel". 

Das Bilderbuch-Paradies fernab städtischer Zivilisation liegt im Gebiet der Kekchí, einer der mehr als 20 indigenen Volksgruppen Guatemalas. Sie sind direkte Nachfahren der Maya. Lanquín, das nächste Dorf mit knapp 2000 Einwohnern, ist – je nach Wetterlage – in einer halben Auto-Stunde zu erreichen; vorausgesetzt, man hat Vierradantrieb. Das Naturwunder Semuc Champey, eine der wohl schönsten Flusslandschaften der Erde, liegt nur eine Wanderung entfernt.

Ein paradiesischer Spielplatz voller Möglichkeiten

Der Río Cahabón ist die Lebensader der Region. Für Indy und Obi ist der Fluss die aufregendste Ecke ihres Abenteuerlands. Während die Kekchí frühmorgens sich und ihre Wäsche am Ufer waschen und die Fischer durch die Fluten jagen, saust der Vierjährige in einem aufblasbaren Reifen den Fluss hinunter. Noch sitzt er auf dem Bauch seiner Mama, bald wird er groß genug sein, um alleine zu "tuben".

Unterdessen planscht Obi im seichten Wasser – immer unter den Augen einer seiner Nannys. Im Moment haben die Jungs gleich drei; doch der hohe Betreuungsschlüssel liegt eher an der Gutherzigkeit ihrer Eltern als am tatsächlichen Bedarf. "Auch an unserer Community geht Covid natürlich nicht spurlos vorbei", erzählt Pia. Als sie mitten in der Pandemie eine neue Nanny braucht, konnte Pia keiner Bewerberin absagen – und stellte alle drei ein. "Wir versuchen, nicht nur die Familien unserer Hotelangestellten, sondern auch die Community zu unterstützen, wo es geht." Ein medizinisches Zentrum für die Region ist Johns aktuelles Projekt. Währenddessen betreut Pia das Hotel quasi alleine. Ohne die Babysitter wäre das alles kaum möglich. Meist reden die Nannys Spanisch mit den Jungs, manchmal aber auch in ihrer Muttersprache. Indy und Obi verstehen alles! Besuchen Pias Knirpse die Nachbarskinder, wird ausschließlich in der Maya-Sprache gebrabbelt, die zu den meist gesprochenen indigenen Sprachen Guatemalas zählt.

Auch im Zuhause der beiden Wirbelwinde geht es bilingual zu: Pia redet Deutsch, Papa John Englisch. Er kommt aus den USA und hat das Hotel 2012 eröffnet. Pia war eine der ersten Gäste, sie reiste im Januar 2013 als Rucksacktouristin in den Dschungel. "Ich habe mich sofort in den Ort verliebt. Nicht in John, das kam erst viel später", sagt Pia und lacht. Sie heuerte als Volunteer im Hotel an, wurde bald befördert. "Einen Management-Job bekommt man schließlich nicht täglich angeboten, ich habe sofort zugesagt." Sie gab ihren Posten als Aufnahmeleiterin beim NDR auf, zog in den Dschungel und wenig später bei John ein. 2016 wurde sie schwanger.

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Kugelrund im Dschungel

"Bei meinem Ersten war alles einfach. Bis in den siebten Monat war ich im Fluss tuben, fünf Tage vor der Geburt saß ich noch im Büro", erzählt Pia. Ein für Notfälle angelegter Hubschrauberlandeplatz blieb ungenutzt. "Zum Glück ist der bis heute noch nie zum Einsatz gekommen. Die zweite Schwangerschaft mit Obi war allerdings eine Katastrophe", erzählt sie. "Strikte Ruhe" hat der Arzt verordnet, als Pia im siebten Monat Schmerzen im Unterleib plagten. "Die Untersuchung verlief am Telefon. Bis nach Guatemala City in die Praxis ist es viel zu weit", sagt Pia. Sieben Stunden fährt man bis in die Hauptstadt Guatemalas, wenn alles gut geht. Eine Ausnahme! Trotz Hotelbetrieb blieb Pia nichts anderes übrig, als den Anweisungen zu folgen.

Insgesamt war sie aber keine zehnmal beim Arzt. Während beider Schwangerschaften. Reibungslose Geburten inklusive! Und ihre Kinder haben auch nicht mehr Impfungen als andere. Sie wachsen aber mit dem Bewusstsein auf, dass die flauschig-lustigen Achtbeiner in der Küche keine Spielzeuge sind. Einfach ins Unterholz flitzen ist auch nicht – weil sie wissen, dass da Schlangen leben. Und kauend, lutschend die Dschungelwelt zu erkunden ist auch keine gute Idee. "Meine Jungs sind dschungelsicher, eine orale Phase gab es erst gar nicht", so Pia.

Angst kennen die zwei Abenteurer aber nicht, Pia erzieht sie in Respekt vor der Natur und ihren Bewohnern. Der Hubschrauberlandeplatz beruhigt natürlich. Und für die Alltäglichen Wehwehchen ist Pia bestens beraten. Ihre Hotelfamilie versorgt sie mit Erziehungstipps und der Heilkunst der alten Maya. "Viele der Tees und Salben helfen tatsächlich. Bei manchem Hokuspokus muss ich aber schmunzeln."

Ihr Haus soll ein Rückzugsort für Familien sein

Was der Dschungel-Familie derzeit auch hilft: Die Ruhe durch Covid! Vor der Pandemie beherbergte das "Utopia" vor allem Rucksackreisende. "Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Seit es ruhiger geworden ist, sind auch meine Jungs entspannter", erzählt Pia. Diese Ruhe soll nach der Pandemie bleiben. "Wir haben keine Schlafsäle mehr, die Bettenzahl halbiert, die Zeltplätze abgeschafft." Das "Utopia" soll ein Rückzugsort für Ruhesuchende und Familien sein.

Jetzt muss nur noch die Pandemie ausgestanden werden, damit auch wieder mehr Gäste kommen. Die Einschulung von Indy kann allerdings eine größere Herausforderung werden. Ein Modell aus Dorfschule, Homeschooling und Online-Unterricht steht zur Diskussion. Die praktische Umsetzung – noch offen. "Optimal wäre es, wenn ein Lehrer samt Familie zu uns in den Dschungel ziehen möchte", sagt Pia. Jeden Tag, wenn sie aufsteht, macht sie sich aufs Neue bewusst, welchen Traum sie und ihre Männer im Herzen Guatemalas leben. 

Urwald-Urlaub für 20 Euro

Mit dem Gummi-Reifen den Fluss hinunterrauschen, Kakao-Tour, Toben auf dem Spielplatz, Schwitzen beim Yoga, Entspannen in den Meditationsecken: Im "Utopia Eco Hotel" kann man die Seele baumeln lassen, ohne dass Langeweile aufkommt.

Das Doppelzimmer gibt’s ab 20 Euro die Nacht – täglich werden drei vegetarische Mahlzeiten (ab 4 Euro) serviert.

 

Wie unsere Autorin zu dieser Geschichte kam

Die Welt zu bereisen und von ihr zu erzählen – diesen Traum setzte die Hamburger Journalistin Michaela Morrison nach vielen Jahren als News-Redakteurin und kurz vor Corona in die Tat um. Die Pandemie zwang sie zu kleinen Planänderungen: Statt Spanischkurs in Argentinien und Yoga in Indien ging's mit dem selbst ausgebauten Bus nach Spanien. Als es dort im Winter zu kalt wurde, flog sie nach Guatemala, denn das Land galt mit 800 Neuinfektionen am Tag nicht als Hochrisikogebiet, stand auf der Karte der WHO auf Grün. Bei Einreise war zwar ein PCR-Test nötig, und überall gilt: Maske tragen, Hände waschen, Abstand halten. "Ansonsten geht der Alltag fast wie gewohnt weiter, die Menschen sind entspannt", sagt Michaela. "Ich reise langsam, meide große Städte, genieße die Natur. In einem dieser Paradiese habe ich Pia und ihre Familie kennengelernt ..."

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