Völlig übertrieben

Mit Maske joggen – muss das sein?

Ab heute tritt in den meisten Bundesländern die Maskenpflicht in Kraft, insbesondere beim Einkaufen und im öffentlichen Nahverkehr. Unsere Autorin findet das gut – aber ist auch der Meinung: Übertreibt es nicht! Ein Kommentar.

Es ist ein paar Tage her, da begegnete ich auf meiner abendlichen Laufrunde durch den Wald einem maskierten Mann. Noch vor ein paar Monaten hätte er mir – hier, in der Dämmerung, fernab der Zivilisation – vermutlich gehörig Angst eingejagt. In dieser Situation aber wurde mir auch aus 15 Metern Entfernung klar, dass dieses tarnfarbengeprintete Teil, mit dem er Mund und Nase verdeckte, vermutlich eher nicht mit einem geplanten Überfall zu tun hatte. Sondern mit der Pandemie.

Seit heute gilt in den meisten Bundesländern Maskenpflicht, ab sofort dürfen wir nicht mehr ohne Mundschutz einkaufen gehen oder Bahnfahren. Es mag ja sein, dass wir uns dadurch gegenseitig schützen, vor allem dort, wo viele Menschen aufeinandertreffen – auch ich habe mir von einer Studentin aus der Nachbarschaft rote und blaue Stoffmasken für die ganze Familie nähen lassen.

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Aber im Wald?!

Wir besprechen das Thema in einer unserer morgendlichen Konferenzen, und meine Kollegin Jana erzählt von einem Video, das das Wissenschaftsmagazin "Quarks" die Tage bei Facebook gepostet hatte.

In diesem Video heißt es, dass die gängige Annahme, wir seien mit zwei Metern Abstand sicher vor den Tröpfchen anderer, nicht stimme. Das gelte nur dann, wenn wir nebeneinander laufen, uns gegenüberstehen. Doch wenn wir uns bewegen, sei größerer Abstand sinnvoll: Denn ausgeatmete Tröpfchen sind leicht, bewegen sich nicht mit uns – und brauchen ihre Zeit, bis sie zu Boden fallen. Wer demnach hinter uns läuft, rennt womöglich direkt durch unsere Atemwolke. Deshalb seien einer Studie zufolge beim Spazierengehen fünf Meter Abstand besser – und beim Joggen sogar zehn.

Doch das gelte nur bei Windstille. Dem Windschatten einer Person solle man Experten zufolge deshalb grundsätzlich ausweichen. Als ich das hörte, zog ich einen Teil meiner Verurteilung zurück, die ich dem Maskenmann aus dem Wald in dem Moment unseres Aufeinandertreffens innerlich an den Kopf geworfen hatte.

Dennoch: Wäre es nicht schön, wenn wir uns zumindest in der Natur ein Stückchen Normalität bewahren? Ist es nicht in jedem verdammten Wald der Welt machbar, sich beim Spazierengehen und Joggen so aus dem Weg zu gehen, dass nicht alle auch hier noch vermummt sein müssen?

Masken dort, wo sie Sinn machen: von mir aus. Aber bitte: Übertreibt es nicht! Gebt zumindest den Wäldern die Chance, ein Rückzugsort zu sein, an dem man diesen ganzen Mist mal vergessen kann – und sei es nur für eine halbe Stunde.

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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