Reisen während Corona

Ist es verantwortungslos, jetzt in den Urlaub zu fliegen?

Diese Frage hat sich unsere Autorin gestellt ... und sich dann doch für einen Urlaub in Portugal entschieden. Wie Reisen sich in Zeiten von Corona anfühlt, berichtet sie in der Freitags-Kolumne von Leben & erziehen.

Juli 2020: Eigentlich wollten wir drei Wochen an der Ostsee verbringen. Doch dann machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Während wir also im Ferienhaus drinnen hockten und es draußen schüttete, scrollte ich durch meinen Instagram-Feed und entdeckte einige Urlaubsbilder aus Portugal. Die Strände schön und unglaublich leer, das Wetter warm und sehr sonnig, die Urlauber glücklich und gut gelaunt. Genau das will ich auch, meldete mein Kopf. Aber jetzt fliegen? Mit Kind? Wie passen Urlaub und Corona zusammen? ... meldete sich mein Bauchgefühl. 

Meinen Mann musste ich nicht lange überzeugen: Die Aussicht auf Flip-Flop-Wetter und ein entspannt planschendes Pool-Kind ließen uns abends zusammen mit den Rechnern im Bett hocken. Nach einigen Abwähnungen (dazu mehr im Kasten ganz unten) stand unsere Entscheidung fest: Wir fliegen an die Algarve. 

Auf nach "Portugeil"!

Über ein halbes Jahr waren wir nicht am Flughafen. Obwohl Sommerferien in Schleswig-Holstein und Hamburg sind, ist an diesem Tag nicht viel los. Nach unserem Flug um 15 Uhr starten bis zum Abend gerade noch einmal 15 andere Flieger. Wir sind überpünktlich, drei Stunden vor Abflug, der Schalter hat noch nicht einmal geöffnet. Aber wer weiß schon, was einen in Zeiten von Corona am Flughafen erwartet? Fliegen war in eine so weite Entfernung gerückt und nun stehen wir hier. Ich belausche ein paar Gespräche anderer Urlauber um uns herum –  eine Mischung aus Ungewissheit und Vorfreude liegt in der Luft. Mir geht es ganz genau so. Die Abfertigung klappt relativ reibungslos. Das Bordpersonal ist bemüht, dass die Reisenden den Abstand zueinander einhalten, was mal mehr, mal weniger gut klappt. Aber eine Maske tragen alle konsequent – zumindest hier noch. 

Nachdem wir die Sicherheitskontrolle passiert haben, macht sich der Lockdown der letzten Wochen bemerkbar. Nur ganz wenige Geschäfte haben geöffnet – die Zeitschriftenläden, in denen ich mir noch schnell ein Buch besorgen wollte, sind alle verrammelt. Am Gate sind die Sitzbänke so zusammengeschoben, dass die Passagiere nicht zu nah aneinander sitzen. Auf den gesperrten Bänken und darunter liegt eine dicke Staubschicht. Ein seltsames Gefühl, dass der sonst so belebte Flughafen so ruhig und verwaist wirkt. Die Abgeschiedenheit am Gate nutzen einige Gäste, um vor dem dreistündigen Flug noch einmal die Maske abzunehmen. Idioten gibt es ja leider überall ... 

Wir nutzen die Wartezeit vor dem Abflug, um noch schnell einen Videoanruf bei der Oma zu machen. Bei der Frage, wo es hingeht, ruft unser knapp dreijähriger Sohn: "Nach Portugeil!" Das muss eine Vorahnung gewesen sein, denn tatsächlich sollte unser Urlaub in Portugal wirklich ziemlich geil werden ... 

Kaum Passagiere an Bord

Unser Flugzeug ist erstaunlich leer, viele Reihen bleiben frei, Abstand halten ist kein Problem. Das Fliegen fühlt sich an wie immer, bis auf die Maske. Ja, sie nervt, macht aber Sinn. Und zumindest im Flieger haben die meisten Passagiere sie wirklich auf, vermutlich auch wegen der Anwesenheit der Stewardessen, die durch die Gänge laufen. Vor der Landung müssen wir noch ein Dokument mit persönlichen Angaben zur Person und zum Reiseverlauf ausfüllen – zur Nachverfolgung einer möglichen Coronainfektion. Am Flughafen passieren wir eine Wärmebildkamera, es wird aber niemand bei uns aus dem Flieger rausgewunken. Das wars. Wir sind da. Der Urlaub kann beginnen. 

Eine herrliche Hotelanlage

Unser Hotelkomplex ist wunderschön, sehr weitläufig und – wie zuvor schon das Flugzeug – unglaublich leer. In der ersten Woche haben wir alle neun Pools fast für uns alleine. Und das in der Hauptreisezeit! Wir wohnen in einem Apartment, verpflegen uns selber und würden wir nicht jeden Morgen vom Balkon aus den Mitarbeiter beobachten, der alle Liegen mit Desinfektionsmittel besprüht und ein Schild "Safe & Clean" daran befestigt, könnte man denken, es gäbe hier kein Corona. Die Maske brauchen wir nur, wenn wir in den Supermarkt gehen oder uns ein Eis an der Poolbar holen. Maskenpflicht beim Strandspaziergang wie beispielsweise in Spanien gibt es hier nicht. Die Mitarbeiter hingegen sind verpflichtet, den ganzen Tag, draußen und drinnen, einen Atemschutz zu tragen. Bei 30 Grad und mehr sicherlich nicht immer angenehm. Aber eine Maßnahme, die man gerne einhält, so lange dafür die Touristen wiederkommen und Arbeitsplätze gesichert sind, erzählt mir ein junger Mitarbeiter, der von 10 Uhr bis 18 Uhr die Rutschen am Kinderpool bewacht. 

In unserer zweiten Woche sind deutlich mehr Urlauber vor Ort, hauptsächlich aus Holland, Frankreich, Belgien und Spanien, aber immer noch so wenige, dass es nie eng am Pool oder Strand wird. Mein Facebook-Feed hingegen zeigt mir, dass an der Ostsee schon wieder Strände für Tagestouristen wegen Überfüllung geschlossen wurden. 

Für uns geht nach zwölf Tagen einer der entspanntesten Urlaube zu Ende, die wir je gemacht haben. So ruhig, so leer, so erholsam hatten wir es noch nie in den Sommerferien zur Hauptreisezeit. 

Fazit

Haben wir uns sicher gefühlt?
Die Sicherheitsvorkehrungen wurden an den Orten, die wir besucht haben, sehr ernst genommen. Die Strände sind durch ein Ampelsystem vor Überfüllung geschützt, die Urlauber und auch Einheimischen haben alle viel Rücksicht genommen und immer geschaut, dass man sich nicht zu nah auf die Pelle rückt. In einem großen Einkaufszentrum in der Nähe von Faro mussten wir uns beim Betreten jedes Ladens gründlich die Hände desinfizieren – so genau wird es hier in Hamburg zum Beispiel nicht genommen. In der Altstadt von Albufeira wurden auch öffentliche Bänke und Geländer desinfiziert. 

Was war uns bei der Buchung wichtig?
Die nächste Coronawelle kann jederzeit kommen, darüber sollte man sich im Klaren sein. Daher wollten wir auch auf keine Insel fliegen, um im Notfall gegebenenfalls noch per Auto ausreisen zu können. Zudem sollte man vorher unbedingt bei der Reisekrankenversicherung nachfragen, was alles im Umfang enthalten ist (Rücktransport, Behandlung, Unterkunftskosten für Quarantänezeit, etc.). 

Würden wir wieder fliegen? 
Viele Experten sagen, Fliegen sei sicher, weil die Luft im Flugzeug regelmäßig gereinigt wird. Und hätte die Bundesregierung den Luftverkehr wirklich wieder freigegeben, wenn es so unsicher wäre? Natürlich bleibt ein Restrisiko – aber dann dürften wir zu Hause auch nicht mehr Bus und Bahn fahren. Bei unserem Sohn haben wir versucht auf maximale Hygiene zu achten, sprich ihm so oft es geht die Hände zu desinfizieren und darauf zu achten, dass er sich nicht die Finger in den Mund steckt. Letztlich gibt es Corona aber ja nicht nur weit weg, sondern auch um die Ecke. Und in der Kita wird vermutlich keine Erzieherin die ganze Zeit neben ihm stehen und die Hygienevorschriften so umsetzen, wie wir es getan haben. 

Würden wir die Reise wiederholen? 
Sofort! Wäre das Wetter besser gewesen, hätten wir diesen Sommer der Ostsee zwar den Vorrang gegeben, aber Portugal hat uns nach den anstrengenden Coronawochen im Homeoffice mit Kind die lang herbeigesehnte Erholung mit viel Sonne, Baden und Buddeln im Sand geschenkt. Zudem haben wir für relativ wenig Geld wirklich eine fantastische Hotelanlage gehabt – ein kleines Schnäppchen, das es ohne Corona so sicherlich nicht gegeben hätte. 

Hier noch ein paar Urlaubsbilder von der Algarve:

KOLUMNE KALLA YOUR LIFE

Unsere Online-Chefredakteurin Jana Kalla plant eigentlich gerade eine große Weltreise – und hofft sehr, dass Corona ihr keinen Strich durch die Rechnung macht. Wie sie sich auch vorher die Welt ein bisschen bunter macht, das erzählt sie in ihrer farbenfrohen Kolumne.

Familienhund Meier, der immer dabei ist, hat den Urlaub in Portugal übrigens auch sehr genossen. Er brauchte nach der Rückkehr erst einmal eine Wäsche, da er voller Sand und Sonnencreme war. 

Teile diesen Artikel: