Nepal

Zu Besuch bei Yak und Yeti

Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt. Und doch hat es seinen kleinen und großen Besuchern einen Reichtum zu bieten, der unbezahlbar ist.

Abenteuerspielplatz zwischen Achttausendern

Die Herausforderung für die Geruchsnerven ist gewaltig. Der Duft von scharfem Curry, Müll und Patchouli strömt durch die enge Einkaufsgasse von Thamel, Kathmandus Touristenzentrum. Menschen, Taxis, Rikschas – alle quetschen sich durch. Dass hier Linksverkehr herrscht, lässt sich nur erahnen.

Eine Nepalesin überquert mit ihrem Kind an der Hand die Straße, während sie gedankenverloren auf ihrem Handy herumtippt. Prompt wird sie von einem Taxi angehupt. Wo Touri-Mamis (von denen gibt es hier einige!) sich und ihren Nachwuchs mit einem Hechtsprung zur Seite retten würden, schaut diese Mutter nicht einmal auf.

Das mag daran liegen, dass das Hupen in Nepals Hauptstadt einfach zum guten Ton gehört. Dabei geht es nicht darum, auf eine Gefahr aufmerksam oder den Weg frei zu machen. Gehupt wird immer. Rikschas haben übrigens eine ganz besondere Hupe: Eine leere Plastikflasche mit einer Tröte. Wer glaubt, man könne diesem Konstrukt Marke Eigenbau keinen einzigen Ton entlocken, wird schnell eines Besseren belehrt.

Kulturschock in Kathmandu

Auf den ersten Blick wirkt die Metropole wenig familienfreundlich. Sie ist dreckig, laut, überlaufen. Knapp 900.000 Einwohner leben hier, die meisten sind Buddhisten und Hinduisten. Die Religion ist überall präsent: Bunte Gebetsfahnen flattern im Wind. Und an jeder Ecke gibt es Gebetsmühlen, die gutes Karma versprechen, wenn man sie dreht.

Ein blonder Junge scheint vom guten Karma nicht genug zu bekommern und dreht die quietschenden Büchsen immer wieder. Bis er von einem Ball getroffen wird. Ein kleiner Nepalese kommt angelaufen. Er schaut seinen blonden Altersgenossen an, legt die Handinnenflächen aneinander und sagt: „Namaste“. So sagt man in Nepal „Guten Tag“.

Berührungsängste haben Nepalesen keine. Sie gehen offen auf Fremde zu und sind freundlich – vor allem kinderfreundlich. Der blonde Junge tritt gegen den Ball. Das Fußballmatch auf dem „Durbar Square“ ist eröffnet.

Die Tempelanlage im Herzen der Altstadt unweit von Thamel ist eine Hauptsehenswürdigkeit Kathmandus. Der Eintritt von 300 Rupien (etwa drei Euro) lohnt sich, denn der Platz ist autofreie Zone, sodass die lieben Kleinen dort unbeschwert spielen können. Versteckenspielen geht in der verwinkelten Tempelanlage übrigens besonders gut.

Gewaltige Giganten

„Am nächsten Tag fallen ihnen die Berge quasi ins Haus“, steht im Reiseführer. Von wegen. Dhaulagiri, Annapurna und Manaslu – drei Achttausender, die man vom Aussichtspunkt Sarankot 1.500 Meter oberhalb der Stadt Pokhara, die etwa 200 Kilometer von Kathmandu entfernt liegt, sehen kann, verstecken sich an diesem Morgen hinter dicken Wolken. Auch vom kleinen Bruder, dem knapp sieben Kilometer hohen Machhapuchhare, keine Spur.

Wenigstens im Osten ist die Sicht klar, sodass man der aufgehenden Sonne zusehen kann, während man auf der Terrasse der „View Top Lodge“ frühstückt. Der Blick über Pokhara-Tal und Phewa-See ist überwältigend.

Am Tisch nebenan sitzt eine Familie aus – Hamburg. Mario und Patricia haben mit ihren Kindern Louiz und Stella in der „View Top Lodge“ übernachtet, nachdem sie zuvor von Pokhara aus losgewandert sind. Pokhara ist Ausgangspunkt vieler Trekkingtouren. Von dort bis Sarankot sind es etwa drei Stunden Fußmarsch – wenn man ohne Kind unterwegs ist.

„Wir haben doppelt so lange gebraucht“, sagt Mario. „Aber wir wussten ja, worauf wir uns einlassen. Urlaub in Nepal ist anders als Urlaub in Österreich oder auf Mallorca.“ Für den Rückweg hat die Familie Tarun engagiert. Sollten Stellas und Louiz’ Füße streiken, befördert er sie in einem Doko, einem Weidenkorb. Tarun arbeitet seit sechs Jahren als Träger.

Wenn er gerade keine Kinder transportiert, schleppt er ein Dutzend Hühnerkäfige, das Gepäck westlicher Touristen und auch mal einen kompletten Hausstand durch den Himalaja. Mit dem Auto kommt man im höchsten Gebirge der Welt nämlich nicht weit. Für Westler ist es unvorstellbar, wie ein Mensch solche Lasten tragen kann. Vor allem, wenn er wie Tarun und die meisten seiner Kollegen Badelatschen trägt.

Dem Yeti auf der Spur

Gemächlich geht es bergab. Weihnachtsstern und Rhododendron wuchern am Wegesrand. Wenn nicht gerade ein Esel den Weg kreuzt, der Louiz’ und Stellas Aufmerksamkeit erregt, jagen die Geschwister Schmetterlingen hinterher.

Das Klima Pokharas ist so mild, dass hier tropische Schmetterlingsarten zu Hause sind. Außerdem kann man überall Echsen beobachten, die sich auf Steinen sitzend an der Sonne wärmen.

Für Kinder wie Louiz und Stella ist Nepal ein großer Zoo. „Und wo ist der Yeti?“, will Stella wissen. Die Frage ist: Gibt es den Yeti überhaupt? Tarun glaubt – wie viele seiner Landsleute – fest daran: „We’re above 1.000 metres. That’s too low for Yeti. But at heights of 3.000 metres, keep your eyes open!“ Ob der Schneemensch wirklich existiert, ist nicht eindeutig geklärt.

Einige Wissenschaftler meinen, er sei mit dem Tibetischen Braunbären identisch. Und im Kloster Khumjung in der Nähe des Mount Everest kann man einen Yeti-Skalp besichtigen, der in Wahrheit jedoch von einer Ziege stammen soll.

Eine Frage der Zeit

„Da vorne läuft ein Busch!“, stellt Louiz fest. Der „Buschmann“ entpuppt sich allerdings als Frau, die schätzungsweise 50 Kilogramm Reispflanzen auf ihrem Rücken transportiert. Ein gemeinsames herzliches Lachen, dann geht jeder seiner Wege.

Im Hotel packt der Hotelier, der gleichzeitig Koch und Zimmermädchen ist, erst mal den Staubsauger aus: „Sorry, but this morning there were so many people I had no time to clean the room.“ Die Nepalesen sind zweifelsohne ein humorvolles Volk.

Und ein Volk, das Zeit hat. Wenn man durch Pokharas Touristenviertel Lakeside bummelt, sieht man die Verkäufer oft vor ihren Läden sitzen und potenzieller Kundschaft hinterher schauen. Außerdem dauert es oft ewig, bis in Restaurants das Essen serviert wird. Dafür sind alle Speisen frisch zubereitet. Das Nationalgericht ist Daal Bhaat – Linsen mit Reis. Gegessen wird in Nepal mit der rechten Hand – die linke gilt als unrein.

Bad im Lichtermeer

Es ist dunkel geworden. Nur Kerzen, die die Einheimischen auf Straßen und in Hauseingängen drapiert haben, erhellen die Nacht. Eine Gruppe Jungen und Mädchen in bunten Trachten platziert mitten auf der Straße einen Lautsprecher.

Der Verkehr kommt zum Erliegen. Die Kinder drehen die Musik auf und tanzen. Nach dem Auftritt sammeln die kleinen Tänzer Geld und ziehen weiter. So geht es fünf Tage lang, wenn die Menschen in Nepal „Tihar“ feiern, das Lichterfest zu Ehren der Göttin Lakshmi.

Man feiert gern und viel in Nepal – das Jahr hat mehr Feier- als Kalendertage. Für diesen Abend gehen die Lichter langsam aus. Nur noch ein paar Kerzen flackern vor sich hin. Aber morgen ist ja auch noch ein (Feier-)Tag.

Reisetipps

Infos: www.welcomenepal.com, www.auswaertiges-amt.de
Familienreisen: Hauser Exkursionen, www. hauser-exkursionen.de,
travel-to-nature, www.familien-reisen.com

Reisezeit: März bis Mai, Oktober bis November

Reisepass: Erwachsene benötigen einen Reisepass, der noch sechs Monate gültig sein muss. Kinder brauchen seit Juni 2012 ebenfalls eigenen Reisepass; der Eintrag in den Reisepass der Eltern ist ungültig.

Visum: Ein Touristenvisum für 30 Tage kostet etwa 40 Euro. Erhältlich bei der
Botschaft oder bei der Einreise am Flughafen Kathmandu

Gesundheit: Bei der Einreise aus Deutschland und den Nachbarländern sind keine Impfungen vorgeschrieben. Das Auswärtige Amt empfiehlt unter anderem: Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Polio, Hepatitis A/B sowie Tollwut. Bei Aufenthalten in tiefer gelegenen Regionen besteht ein mittleres Malaria-Risiko. Vorab beim Tropeninstitut beraten lassen

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