Kultur, Kamele, Karawanen

Tunesien: Immer noch Urlaub wie in 1.001 Nacht

Tunesien ist, aller Vorbehalte zum Trotz, ein echtes und noch dazu bezahlbares Familienziel. Und zwar nicht nur wegen seiner zotteligen Bewohner, auf denen man der Sonne entgegen reiten kann.

Die Karawane zieht weiter ... Die komische Karawane! Allen voran der Nachwuchs-Guide auf einem Esel, quer sitzend, dicht gefolgt von den Kamelen James und Joyce, die deutlich hörbar mit Blähungen zu kämpfen haben. Dazu zwei Pferde und zwei Hunde. So trottet der Tross gemächlich durch das Hinterland von Sousse,
Tunesiens drittgrößter Stadt. Der Sonne entgegen, vorbei an Olivenbäumen und
Kaktuszäunen. Der Berber-Hengst, auf dem ein Mädchen aus Bayern reitet, bleibt an jeder Ecke stehen, um sich ein paar vertrocknete Grashalme einzuverleiben. Aber die junge Reiterin, eine 14jährige Pferde-närrin, weiß, was zu tun ist: Sie schnalzt mit der Zunge, drückt beherzt die Beine zu – das Pferd gehorcht aufs Wort, macht einen Satz nach vorn, um dann schnaubend voraus zu traben. Sofien, der „echte“ Guide, ist ebenfalls hoch zu Ross unterwegs. Mit Flipflops an den Füßen und Smartphone in der Hand.

Entspannter als erwartet

Eine halbe Stunde später laben sich die Reiter auf der schattigen Veranda der Kamelfarm an einer kalten Cola, wo Kinder außer Kamelen auch noch allerlei andere Tiere bestaunen können. Das Kamel sitzt zwar nicht mit am Tisch, leert zur Belustigung aller dennoch ein Fläschchen der braunen Brause. „Jedes unserer 27 Kamele frisst 25 Kilogramm Kaktusblätter pro Tag und säuft bis zu 80 Liter – wenn es Durst hat“, sagt Sofien, der gut Deutsch spricht. Er kennt sich aus, arbeitet er doch auf der Kamelfarm, seit er denken kann. Sein Vater hat vor 42 Jahren damit angefangen.
Nach der Revolution geht es hier in Tunesien sehr entspannt zu. Anders, als es vielleicht Medienberichte und Infos des Auswärtigen Amts vermuten lassen, das auf seiner Seite nach wie vor auf mögliche Anschläge hinweist.
Wer mit dem Auto durch die Städte und Dörfer fährt, sieht Menschen, die einkaufen gehen, einen Plausch oder im Schatten eine Siesta halten. „Das hier ist der Alltag in Tunesien“, sagt Said Ben Youssef, Destination Manager bei DER Touristik, der in Sousse wohnt und Vater einer kleinen Tochter ist. „Hier lauert nicht an jeder Ecke ein Salafist.“ Seiner Meinung nach sind es vor allem die Medien, die ein negatives Image von Tunesien vermitteln.

Für Kinder gemacht

Nach dem Kamelritt wartet im Hotel das Buffet, das keine Wünsche offen lässt. Viele Häuser bieten spezielle Kinderbuffets an, mit allem, was das Herz der lieben Kleinen begehrt: Spaghetti, Pommes, Pizza, Eis; dazu gibt’s reichlich frische Früchte.
Die Hotels, eines größer als das andere, setzen fast ausnahmslos auf All-inclusive, bieten ein gutes Preis-Leistungsverhältnis und sind vergleichsweise günstig. Kinderbetreuung ist obligatorisch und meist gibt es auch Aquaparks, wo der Nachwuchs rutschen kann, bis der Arzt kommt.
Und der kommt bei Bedarf ganz schnell, verfügt doch fast jede Unterkunft über einen hauseigenen Doktor. Überhaupt ist die medizinische Versorgung in dem kleinen nordafrikanischen Land hervorragend.

Abseits des Touristentrubels

Wer sich zwischendurch eine Auszeit von den Touristenzentren Sousse, Hammamet und Yasmine-Hammamet gönnen möchte, fährt in die beschauliche 45.000-Einwohnerstadt Mahdia. Laut Said mögen die Deutschen das Städtchen insbesondere wegen des Strands. „So blau ist das Wasser nur hier in Mahdia“, sagt er. Stimmt. Das Wasser erstrahlt, anders als in Sousse, in einem tiefen Türkisblau. Dazu gesellt sich – wie überall an Tunesiens 1.148 Kilometer langer Küste – ein flach abfallender Strand mit feinem, beinahe karibischen Sand, aus dem man imposante Burgen erschaffen kann. Kein Wunder also, dass die meisten Erholungshungrigen wegen des Strandlebens nach Tunesien reisen. Die tunesische Tourismusministerin Amel Karboul will das ändern. Ihr Ziel ist es, den Kulturtourismus zu fördern. Schließlich hat das Land eine geschichtsträchtige Vergangenheit. Karthager, Römer, Türken und Andalusier haben ihr Erbe hinterlassen, das man sich bei einem Besuch nicht entgehen lassen sollte. In Mahdia lässt sich zum Beispiel die türkische Festung besichtigen, die sich direkt am Meer befindet. Und wenn man schon mal da ist, lohnt sich auch ein Besuch des Meeresfriedhofs, gleich unterhalb der Festung. Hier können sich Familien eine sanfte Meeresbrise um die Nase wehen lassen und die Ruhe genießen.
„Der Friedhof ist ein heller, freundlicher, kein trauriger Ort“, erklärt Said. Die weißen Gräber sind nach Mekka ausgerichtet, in den angrenzenden Wohnhäusern leben Menschen, ganz dicht bei ihren verstorbenen Angehörigen. Diese ruhen hier ganz sicher in Frieden. Unterhalb des Friedhofs: ein Bolzplatz, auf dem Said früher regelmäßig gekickt hat.

Shoppen, schuppern, Shisha rauchen

Vom Meeresfriedhof sind es ein paar Schritte zur Medina von Mahdia. Medina ist Arabisch und bedeutet übersetzt „Stadt“. Gemeint ist die Altstadt. Jede größere Stadt Tunesiens verfügt über eine Medina. Die von Tunis ist die größte des Landes und noch dazu UNESCO-Weltkulturerbe. In den Medinen findet man kleine Geschäfte, wo Händler tunesisches Kunsthandwerk feil bieten. Sowie „Adidass“, „Guci“ und andere vermeintliche Markenartikel. Blumenverkäufer preisen Mechmoum an, herrlich duftende Jasminblüten, die in aufwändiger Handarbeit zu einem Mini-Blumenstrauß zusammengebunden werden.
Die Einheimischen wohnen auch in den engen Gassen der Medina. Das Gassen-Labyrinth in traditionellem Blau-Weiß taugt für Kinder vortrefflich zum Versteckenspielen. Nach der Shoppingtour trinkt man in einem Shishacafé einen Tee mit Minze und frischen Mandeln und raucht Wasserpfeife. „Einfach nur sitzen, quatschen, Tee trinken und Shisha rauchen“, bringt es Said auf den Punkt und nimmt einen Zug. Ursprünglich waren es die Damen, die zusammen saßen und den aromatisierten Tabak rauchten. Heute ist es alltäglich, dass Männer wie Frauen mit riesigen Wasserpfeifen in den Cafés sitzen. Die Kids erfreuen sich derweil an selbst gemachter Limonade mit Eis oder frisch gepresstem Orangensaft.
Um als erwachsener Tourist beim Shisha-Rauchen so lässig auszusehen wie die Einheimischen, bedarf es Übung. Die bekommt man allerdings ganz schnell, wenn man seinen Urlaub in Tunesien verbringt.

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