Die allgegenwärtige Ablenkung

Wie Social Media unseren Familienurlaub verändert

Urlaub heißt: Familienzeit – wären da nicht die Smartphones ... Viele von uns lassen sich auch in den Ferien ständig ablenken, obwohl eigentlich die Kinder unsere Aufmerksamkeit verdient haben. Unsere Autorin denkt darüber nach, wie Facebook, Instagram & Co. die schönste Zeit des Jahres beeinflussen. Und hat eine gute Lösung.

"Maaaammaaa!"

Ja, Moment“, rufe ich, während ich die Lichtverhältnisse auslote, um meine Kokosnuss am Strand in Szene zu setzen. Ein Foto, kurz mal auf Instagram hochgeladen als kleinen Gruß an die Liebsten, dass wir gut angekommen sind. Ein Ersatz für die Postkarte. Das Gefühl, die Freude des Moments mit der Welt teilen zu müssen.

"Maammaaa“, ruft die Dreijährige energischer. 

Ich, leicht genervt, versuche die Rufe zu ignorieren. Filter ausgesucht, #fernweh #reisenmitkind #urlaub #beachlove, hochladen fehlgeschlagen, nochmal. Jetzt. Erledigt.

Die Dreijährige steht sauer vor mir. Sie wollte mir stolz zeigen, dass sie sich nun traut, mit Taucherbrille ihr Gesicht ins Wasser zu tunken. Im Hintergrund weint ihre kleine Schwester. Sie sitzt leider nicht mehr auf der Schaukel, sondern liegt im Sand. Ein schlechtes Gewissen kommt auf.

Unser Buch-Tipp

Wo liegt das Paradies? Bin ich ein echter Aben-eurer? Warum ist der Strand auf Instagram immer schöner? Diese und weitere Fragen hat Autor Philipp Laage sich für sein Buch "Vom Glück zu reisen" (19,50 Euro, Reisedepeschen) gestellt. Die Antworten hat er auf 304 Seiten zusammengefasst. Beste Reiselektüre!

Das Smartphone als Familienmitglied

Ich erinnere mich an einen Artikel des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, der einleuchtend erklärte, wie Kinder das Smartphone wahrnehmen. Er bezeichnet die elektronischen Geräte als "Familienmitglieder", weil sie viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, damit ungesund für die familiären Beziehungen sind. Umfragen haben ergeben, dass Kinder sich mehr ungestörte Zeit mit ihren Eltern wünschen. Der Familienurlaub soll ja genau das sein: ohne berufl iche Verpflichtungen und Ablenkungen gemeinsam Zeit verbringen. Seit einigen Jahren allerdings auch mit dabei: das elektronische Familienmitglied alias Smartphone.

Wie praktisch ist das aber auch! Den Stadtplan immer parat haben, Restaurantbewertungen abrufen, Tische online reservieren, das Menü per App übersetzen, Tickets für Museen ohne Anstehen erwerben. Von Flugtickets und Unterkunftsbuchungen ganz zu schweigen. Oma und Opa kann man direkt Fotos schicken und sogar per Videocall am Urlaub teilhaben lassen. Früher hat man Stunden mit Warten und Verirren zugebracht – man könnte also meinen, das Smartphone helfe uns, mehr schöne Zeit zur Verfügung zu haben. Ein Trugschluss. Philipp Laage, Autor und Reisejournalist, analysierte den Einfluss des Smartphones auf unser Reiseverhalten in seinem Buch "Vom Glück zu reisen" sehr treffend. Er sieht vier Gründe:

  1. "Der permanente Zugriff auf Social Media füttert eine kaum zu bezwingende Selbstbezüglichkeit.
  2. Die Bewertungskultur des Netzes verunmöglicht zunehmend die Überraschung, das Abenteuer.
  3. Das Smartphone verführt zur ständigen Rückkehr in die Heimat. Denn der permanente Einfall des Vertrauten verhindert die Verortung in der Fremde.
  4. Die Beschäftigung mit dem Smartphone beschädigt gezielt die Fähigkeit, uns einer Sache ausgiebig und ohne Ablenkung zu widmen.“

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Eine Auszeit ohne Empfang

Im Gegensatz zu meiner Generation, die Anfang der 1980er geboren wurde, kann die jüngste Generation die Familien- und Reiseerfahrung mit und ohne Smartphone gar nicht mehr vergleichen. Für meine Töchter ist dieses Gerät ein normaler Bestandteil unseres Haushaltes, früh konnten sie es intuitiv bedienen, und schnell wurde den Kleinen klar: Das muss ja was ganz Besonderes sein, wenn Mama und Papa das Ding ständig in der Hand halten. Der "Auch!"-Schrei ist das Resultat. Die Nutzung von Smartphones und Tablets ist für Babys und Kleinkinder nachweislich schädigend, die Lösung kann also nicht lauten: "Hier habt ihr es, jetzt dürft ihr auch damit spielen." Wie in allen anderen Bereichen sind wir als Eltern Vorbilder für unsere Kinder. Während wir uns kräftig bemühen, in Anwesenheit von Kindern nicht bei Rot über die Ampel zu gehen, scheint uns die vorbildliche Nutzung des Smartphones vor gravierende Probleme zu stellen. Es hilft, sich smartphonefreie Zonen einzurichten, der Esstisch zu Hause, das eigene Bett. Warum nicht auch der Urlaub mit den Kindern? Früher ging das ja auch, unsere Eltern haben Reisen auch ohne Internet gewuppt. Zugegebenermaßen ist das leichter gesagt als getan, denn Tickets, Notfallkontakte, Bezahlmöglichkeiten,Ausweise und Versicherungsnachweise stecken alle dort drin, und die Verlockung ist groß, doch mal eben das tolle Foto zu verschicken – oft wird das ja sogar erwartet. Uns entgeht dabei aber, dass unsere Kinder nicht das Gefühl haben, diesen Moment mit uns erlebt zu haben, sondern dass wir Eltern diesen Moment mit dem anderen Familienmitglied, dem Smartphone, erleben.

Für uns als Familie lautet der Ausweg, Urlaubsziele ohne Handyempfang zu präferieren: Mindestens einmal im Jahr machen wir zwei Wochen Urlaub an einem schönen Strandfleckchen, das bislang keinen Empfang bietet. So bleibt das Gerät nutzlos und ausgeschaltet. Die ersten zwei Tage befällt uns hin und wieder etwas Unruhe – kommt nicht vielleicht doch gerade eine wichtige Mail rein? Ab Tag drei tritt eine tiefe Entspannung ein, weil die Welt sich tatsächlich weiterdreht. Die Kinder und wir als Eltern lieben diesen Ort, vielleicht liegt es auch ein wenig daran, dass dieser eine riesige smartphonefreie Zone ist – wir gemeinsam dort sind und nicht verstreut und abgelenkt im Internet.

Unsere Autorin

Marianna Hillmer und Johannes Klaus sind nicht nur Eltern von zwei Töchtern, sondern auch Geschäftspartner: Sie gründeten zusammen den Reisedepeschen Verlag – und veröffentlichen Bücher rund um das Thema Urlaub

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