Bulli-Urlaub in Deutschland

Wohnmobil mit Kindern: Unser Hotelzimmer hat vier Räder

Nie zuvor wollten so ­viele mit dem Wohn­mobil oder Campervan in den Sommerurlaub wie ­derzeit. Unsere Autorin hat ein Schnupperwochen­ende mit ihren Kindern ­gemacht – und verrät, wie ihr auch spontan noch bewohnbare Fahrzeuge bekommt.

Eigentlich bin ich ein Camperkind. Die Urlaube, die damit begannen, dass meine Eltern meine Schwester und mich schlafend in unseren bordeauxroten Bulli packten und wir morgens dort aufwachten, wo das Wetter schöner und der Himmel blauer war, zählen zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Trotzdem sahen die Ferien, die ich bislang mit meinen eigenen Kindern machte, anders aus. 

Aber fliegen und wie in den vergangenen Jahren eine Finca mit Freunden mieten – das ist in diesem Sommer pandemiebedingt ja nicht gerade die beste Idee. Also: back to the roots! 

Corona sorgt für Camper-Boom

Die Vorstellung, in den Ferien quasi ausschließlich an der frischen Luft zu sein, öffentliche Räume meiden und die Route spontan anpassen zu können, finde offenbar nicht nur ich gut. Nach einer heftigen Stornierungswelle in den ersten Corona-Wochen boomt die Branche gerade wie selten zuvor. "Die Nachfrage nach Urlaub im Wohnmobil speziell im eigenen Land ist stark angestiegen", bestätigt mir Alexander Kastl, Geschäftsführer von Europas größter Wohnmobil-Vermietung McRent. "Die Urlauber sind unabhängig, flexibel und können abseits der Massen ihre Ferien genießen."

Die Entscheidung steht also, die Frage ist nur: Was genau will ich eigentlich? Den Campervan wie damals? Ein Wohnmobil? Einen Wohnwagen? Ich beschließe, es mit der kleinsten Variante auszuprobieren, eine Schnuppertour übers Wochenende zu machen – und miete mir bei roadsurfer.com ein "Travelhome". Kostenpunkt: 95 Euro pro Nacht, dazu kommt eine Servicepauschale von 89 Euro. An einem der ersten sommerlichen Samstage holen wir den Bus an der Hamburger Filiale ab, die eine von insgesamt zwölf Stationen in Deutschland ist. Der Bus ist komplett ausgestattet: Kühlschrank, Gasherd, Spüle, dazu eine große Box mit Campinggeschirr und -besteck, im Kofferraum klemmen Klappstühle und Tisch, und die mobile Campingtoilette kann man für 35 Euro dazu mieten. Das Problem: So richtig viel Stauraum ist deshalb nicht mehr. Für unsere Schlafsäcke, die Lebensmitteleinkäufe, Buddelzeug und Ball ist noch Platz – aber die drei Koffer müssen wir hier lassen, den Inhalt in den Schubladen und Fächern verstauen, sonst würde es zu voll.

Meine fünfjährigen Zwillinge finden's trotzdem super. Während der Fahrt an die Ostsee malen sie bunte Bullis am ausgeklappten Tisch, den man praktischerweise verschieben kann. Als wir am Campingplatz "Am Strande" in Neustadt (Holstein) ankommen und das Dach ausfahren, sind die beiden total aus dem Häuschen. Sie klettern gefühlte 27-mal rauf und wieder runter, flitzen über die große grüne Wiese, die fürs Wochenende unser Garten ist, wollen unbedingt im Bus Kartoffeln kochen anstatt Pizza essen zu gehen – und schlafen nachts wie Steine da oben im Bullibett. 

Hier gibt’s Bullis

Bei roadsurfer.com (Stationen u. a. in München, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Köln) gibt es acht verschiedene Modelle zu mieten (z. B. Mercedes Marco Polo, VW T6 California, Ford Nugget). Die Fahrzeuge kosten zwischen 75 und 129 Euro pro Nacht, haben Platz für bis zu fünf Personen. Mindestmietdauer: 3 Nächte. Bis 48 Stunden vorher kann man (gegen Wertgutschein) stornieren.

Vieles ist schon ausgebucht

Nach unserer Schnuppertour beschließen wir: Im großen Sommerurlaub wollen wir es mit einem "echten" Wohnmobil probieren, in dem etwas mehr Platz (und ein richtiges Bett für mich) ist. Das Problem: Durch die hohe Nachfrage ist vieles ausgebucht. "Unsere Buchungssaison startet im Dezember, ein Großteil der Fahrzeuge war auch in den vergangenen Jahren im Juni schon vergeben", sagt Frieder Bechtel von CamperDays. "Wer jetzt noch ein Wohnmobil mieten will, muss schnell sein. Es hilft, wenn man bei Reisedaten und Abholstation flexibel ist."

Oder man geht zu "PaulCamper" – dem Airbnb für bewohnbare Fahrzeuge. Auf der Plattform vermieten mehr als 6.000 Besitzer ihre Vans und Wohnmobile. "Unser Vorteil ist, dass sich die Flotte jede Woche vergrößert, man deshalb auch spontan buchen kann", erklärt mir Geschäftsführer Dirk Fehse. "Außerdem sehen die Fahrzeuge nicht alle gleich aus, sondern sind teils echte Raritäten, vom restaurierten Hippie-Bus bis zum Hightech-Wohnmobil ist alles dabei."

Im Vergleich zu kommerziellen Anbietern spart man beim Campersharing tatsächlich rund 20 Prozent. In der Hauptsaison fallen für ein Wohnmobil trotzdem schnell mehr als 100 Euro pro Nacht an. Hinzu kommen Sprit und Campingplatzkosten – günstiger als die Finca wird das also nicht. Aber: Ich spare die Flüge und biete meinen Kindern ein Abenteuer, an das sie vielleicht eines Tages so gern zurückdenken wie ich an unsere Touren damals.

7 Tipps für einen entspannten Wohnmobil-Urlaub mit Kindern

Britta und Dirk Matysiak aus Hattingen (NRW) sind echte Camper-Experten – die beiden haben seit zehn Jahren ihr eigenes Wohnmobil, touren wann immer es geht mit ihrer Tochter Smilla (6) und ihrem Sohn Johan (4) durch Europa. 

  1. Bucht die Campingplätze im Voraus! Gerade jetzt in der Corona-Zeit ist die Auslastung teils beschränkt, in den Sommerferien hat man ohne Reservierung kaum eine Chance.
  2. Achtet bei der Auswahl des Stellplatzes darauf, dass ihr nah am Spielplatz seid. So habt ihr die Kleinen im Blick und könnt trotzdem relaxen.
  3. Packt nicht zu viel Spielzeug ein! Das Leben findet draußen statt. Rad oder Roller, Buddelzeug – mehr braucht man nicht.
  4. Nehmt einen Gasgrill mit! Holzkohle ist wegen Funkenflug oft verboten.
  5. Achtet bei der Wohnmobilmiete auf versteckte Kostenfallen. Geschirr, Stühle, Tische werden meist als Paket extra berechnet.
  6. Haltet euch an die zulässige Zuladung! Man überschreitet die erlaubten 3.500 kg schneller, als man denkt.
  7. Badelatschen, Bademantel und Föhn für die Kids nicht vergessen. Und Achtung: Wegen Corona sind auf einigen Plätzen die Waschhäuser dicht.
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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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