Pro und contra

Frühe Einschulung: Kann das gut für Kinder sein?

Ob Kinder mit fünf Jahren wirklich schon bereit für die Schule sind und ob eine frühe Einschulung in manchen Fällen vielleicht sogar vorteilhaft ist – darüber diskutieren hier unsere Leser.

Kinder sind unterschiedlich. Dennoch ist das Schulsystem zum Teil auf einheitliche Regeln angewiesen. Ob eine frühe Einschulung Vor- oder Nachteile hat, hängt vom Kind und seiner individuellen Entwicklung ab. Unsere Leserinnen haben ihre eigenen Erfahrungen gesammelt, die sie hier mit euch teilen.

Pro-Stimmen: Ja, eine frühe Einschulung ist gut

1. "Für mich war es gut, mit fünf eingeschult zu werden"

Tiziana (46), Italienischdozentin und Kidix-Leiterin aus Dortmund, zwei Töchter (8 und 11): "Ich bin selbst mit fünf Jahren eingeschult worden und habe davon eigentlich immer nur profitiert. Schon in der Schulzeit, später aber auch im Studium, habe ich nie Druck gespürt, sondern immer, dass ich genug Zeit habe, mich auszuprobieren, auch mal Fehler zu machen und mich umzuentscheiden.

Allerdings ist es natürlich ganz wichtig, sich jedes Kind einzeln anzusehen und zu schauen, ob es schon bereit ist. Die Einschulung mit fünf Jahren kann für Kinder genau das Richtige sein. Denn einige sind bereits weit genug und würden sich ein Jahr länger in der Kita einfach langweilen. Sie hätten dann auch keinen Spaß mehr, sondern würden ihre Zeit dort einfach absitzen. Aber natürlich gibt es auch Kinder, die mit fünf eben noch nicht so weit sind, die vielleicht verträumter sind und denen das Jahr mehr im Kindergarten guttut. Es ist in jedem Fall wichtig, da auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen. Und ganz sicher ist es nicht richtig, dass die Kleinen in einigen Bundesländern zwanghaft mit fünf eingeschult werden."

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2. "Frühe Einschulung wird zu Unrecht kategorisch abgelehnt"

Marion Arnold (48), Grundschullehrerin aus Braunschweig, kein Kind: "Ich bin mit fünf Jahren in die Schule gekommen und bin noch heute dankbar dafür, dass ich mich nicht länger im Kindergarten langweilen musste. Heute bin ich selber Lehrerin mit Leib und Seele und finde es schade, dass frühes Einschulen oder das Überspringen eines Schuljahrganges so abgelehnt werden. Von Lehrerseite her hatte ich bereits einige Schüler, die früher eingeschult wurden und für die das die richtige Entscheidung war. Ebenso hatte ich Schüler, die erfolgreich ein Jahr übersprungen haben.

Ich bin froh, dass wenigstens auf der anderen Seite das Stigma von Förderunterricht und freiwilligem Wiederholen fast weg ist. Kinder sind nämlich nicht genormt. Manche lernen im atemberaubenden Tempo, andere brauchen mehr Zeit. Manche benötigen Unterstützung und Hilfsmittel, andere langweilt der normale Stoff. Das Alter ist bei alldem nur ein ungefährer Richtwert. Ich kann immer nur empfehlen, im engen Kontakt mit der Schule zu bleiben, dann finden sich auch Lösungen. Wir sind Experten für alles, was Schule betrifft, Eltern sind Experten für ihr Kind. Zusammen schaukeln wir das Kind."

Contra-Stimmen: Eine frühe Einschulung ist schlecht fürs Kind

1. "Zu frühe Einschulung führt zu Frustration und Misserfolgen"

Dörte (41), selbstständige Apothekerin und Mitinitiatorin der Petition zur Stichtagsänderung in NRW aus Ahaus, ein Sohn (2): "Mit fünf Jahren haben Kinder einfach noch nicht genug (Lebens-)Zeit gehabt, um schulreif zu sein. Ein gesundes fünfjähriges Kind ist grundsätzlich natürlich in der Lage, die klassischen schulischen Kompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen zu erlernen – aber es konnte in der Regel die für die Schule und die Unterrichtssituation nötigen sozialen und emotionalen Kompetenzen noch nicht ausreichend entwickeln.

Deshalb kann es bestimmten schulischen Anforderungen einfach noch nicht gerecht werden. Was daraus unvermeidlich folgt, sind Misserfolge, Frustration und das Gefühl, 'nicht gut genug' zu sein. Wenn wir Kindern eine Chance auf einen fairen Start in ein glückliches und erfolgreiches Schulleben geben wollen, müssen wir ihnen Zeit geben. Und deshalb finde ich es wirklich bedenklich, Kitas entlasten zu wollen, indem man noch nicht schulreife Kinder einfach in die Schule 'verschiebt', um für andere Platz zu machen und sich so vor dem Einklagen eines Rechtsanspruchs zu schützen!

2. "Niemand sollte mit fünf in die Schule gezwungen werden"

Lisa (40), Journalistin und Bloggerin (Stadt Land Mama), eine Tochter (15), zwei Söhne (13): "Es gibt bestimmt Kinder, die mit fünf schulreif sind. Ich finde aber, niemand sollte zu einer so frühen Einschulung gezwungen werden. Früher, schneller, effizienter – unsere Kinder sind doch keine Maschinen. Was bringt es, sie durch ihre Kindheit zu hetzen?

In unserem Fall war der Stichtag der 30. September, und unsere Zwillingsjungs sind knapp davor geboren. Ausgerechnet waren sie erst für Oktober, und wir wollten sie gern zurückstellen lassen. Doch weder die Kita noch der Kinderarzt sahen Bedarf. Es wäre also ein Kampf geworden. Andere Eltern erzählten uns, das sei ein sechs Monate andauernder Vollzeitjob gewesen. Also wurden sie mit fünf eingeschult, was ihnen bis heute Nachteile beschert, einfach weil so früh so viel von ihnen verlangt wurde. Wir haben dann irgendwann die Reißleine gezogen und sie freiwillig die fünfte Klasse wiederholen lassen. Um dieses Gefühl des Hinterherhinkens zu minimieren. Das hätten wir ihnen so gern erspart. Hätten sie einfach noch ein Jahr reifen dürfen, hätten wir sicher viele Konflikte nicht austragen müssen. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Autorin: Andrea Leim

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