Lebensmittel im Verruf

Alarm in der Küche

Noch nie war das Angebot an Lebensmitteln so groß wie heute. Aber auch noch nie die Skepsis vor dem Essen so hoch. Wir klären auf, wann das mehr schadet als nützt.

Wenn Christina R. Spaghetti kocht, muss sie zweimal Nudelwasser aufsetzen. Einen großen Topf für die Hartweizen-Pasta und einen kleinen für die glutenfreien Spezialnudeln. Denn während sie, ihr Mann und ihre Tochter Nudeln mit Soße essen, braucht ihr Sohn eine Spezialkost. Konstantin hat Zöliakie, eine Unverträglichkeit gegen Getreide-Eiweiß. Vor gut zwei Jahren ging es los. Der damals Fünfjährige hat keinen Appetit mehr, klagt ständig über Bauchschmerzen und Durchfall. Die Diagnose Zöliakie – ein Schock! Denn die Krankheit ist nicht heilbar. Verzichtet Konstantin auf alle glutenhaltigen Lebensmittel, kann er ohne Beschwerden leben. Aber schon kleine Mengen können wieder Symptome hervorrufen. Für Mama Christina ist das eine logistische Meisterleistung. Sie muss glutenfreies Brot, Nudeln oder Kuchen kaufen, was ins Geld geht. Sie muss die Zutatenlisten von allen Lebensmitteln überprüfen, denn auch Pommes, Joghurt, Wurst oder Chips können Gluten enthalten. Sie muss selbst bei Kleinigkeiten aufpassen: So darf Konstantins Brot nicht mit dem gleichen Messer abgeschnitten werden, wie das Vollkornbrot für den Rest der Familie.

Angst vorm Weizen

Glutenfrei ist im Trend, der Weizen in Verruf geraten. Immer mehr Menschen glauben, das Getreide nicht zu vertragen, nicht zuletzt durch das Buch "Die Weizenwampe“ des US-Autors William Davis. "Mal den Weizen weglassen“ liest man in Gesundheitsforen, wenn man sich müde und abgeschlagen fühlt, es im Bauch rumort. Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund hält davon gar nichts. "Weizen macht nicht per se krank und auch nicht dick, sondern oft ist der Grund ein Zuviel an beispielweise ungesunden Weißbrot, Aufbackbrötchen oder Gebäck“. Das uralte Getreide pauschal zu verteufeln, hält die Ökotrophologin für gefährlich, vor allem ohne gesicherte Diagnose. Denn nur ein Arzt kann durch spezielle Tests feststellen, ob eine Zöliakie vorliegt.

Zöliakie

Was passiert im Körper? Der Dünndarm ist mit sogenannten Zotten, winzigen Ausstülpungen, ausgekleidet. So entsteht eine große Oberfläche, um Nährstoffe aus der Nahrung aufzunehmen. Bei einer Zöliakie reagiert das Immunsystem auf Gluten und löst eine Entzündungsreaktion im Darm aus. Die Darmzotten schrumpfen, eine glatte Oberfläche entsteht. Die Folge: Weniger Nährstoffe werden aufgenommen.

Welche Beschwerden treten auf? Bauchschmerzen, Durchfälle und Blähungen. Oft untypische Symptome wie Wachstumsstörungen, Gelenkbeschwerden, Müdigkeit

Wie stellt der Arzt die Diagnose? Durch einen Antikörper-Bluttest und eine Dünndarmspiegelung mit Entnahme einer Gewebeprobe

Was kann man dagegen tun? Lebenslange glutenfreie, strikte Diät: Das Klebereiweiß ist enthalten in heimischen Getreidesorten wie Weizen, Dinkel, Gerste, Roggen und Hafer

Die allermeisten Kinder vertragen Milch gut

Ebenso in Mode gekommen ist die Lakose-Intoleranz. Milchzucker hat Schuld am Bauchgrummeln nach einem Latte macchiato oder einem Kräuterquark. Die Lebensmittelindustrie reagiert auf den wachsenden Markt: mittlerweile gibt es laktosefreie Milch, Joghurt, Frischkäse, Schokolade – um einiges teurer als die normalen Produkte. Sollten Eltern vorsorglich zu den Spezialprodukten greifen, wenn Kinder oft Bauchschmerzen oder Durchfall haben? "Auf gar keinen Fall“, sagt Sonja Lämmel. "Die Laktose-Intoleranz kommt bei Kindern gar nicht so häufig vor“. Was viele nicht wissen: Muttermilch enthält Laktose. Daher können Babys und Kinder den Milchzucker erstmal sehr gut verdauen. Mit zunehmendem Alter nimmt diese Fähigkeit dann ab. Lämmel sagt: "Auch bei einer echten Laktose-Intoleranz werden viele normale Milchprodukte vertragen“. So enthält Schnittkäse wie Gouda oder Emmentaler weniger Milchzucker als Frischkäse. Und in Natur-Joghurt steckt zwar viel Milchzucker, der wird aber wegen der Milchsäurebakterien besser abgebaut. Gut ist es, wenn sich Eltern dafür Hilfe bei einer Ernährungsfachkraft holen. Fallen Milch- und Milchprodukte weg, fehlen Nährstoffe wie Kalzium, Vitamin D und B12, die Kinder für die Entwicklung brauchen. Nur ein professioneller Ernährungsplan kann Mangelerscheinungen vorbeugen.

Laktose-Intoleranz

Was passiert im Körper? Der Zucker in der Milch, die Laktose, wird nicht verdaut. Ursache: der Körper bildet zu wenig Laktase. Dieses Enzym spaltet den Milchzucker in kleinere Bestandteile, die im Dünndarm ins Blut aufgenommen werden. Wird er nicht gespalten, landet er im Dickdarm. Dort zersetzen ihn Bakterien und bilden Gase.

Welche Beschwerden treten auf? Blähungen, Krämpfe, Durchfall

Wie stellt der Arzt die Diagnose? Durch einen Wasserstoff-Atemtest. Schnelltests für zu Hause sind nicht zu empfehlen!

Was kann man dagegen tun? Milch, Buttermilch, Molke, Frischkäse, Joghurt und Quark reduzieren bzw. meiden. Butter und Schnittkäse sind enthalten wenig Laktose. Achtung: auch in Backwaren, Fertigsuppen, Ketchup und Wurst steckt der Zucker.

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Zu viel Fruchtzucker

Und wenn es nach einem Glas Apfelsaft im Magen drückt? Dann kann eine Fruktose-Malabsorption vorliegen – Fruchtzucker wird nicht vertragen. Liegt nicht die seltene angeborene Form, die sogenannte hereditäre Fruktose-Intoleranz vor, ist das relativ harmlos. Denn manchmal liegt es nur schlicht daran, dass der Darm zu viel zu tun hat: "Obst in großen Mengen, Fruchtsaft und zu viele Kinderlebensmittel mit Fruktose überfordern den Darm“, sagt Sonja Lämmel. Das Fatale: Fruchtzucker klingt gesund, ist daher vielen Lebensmitteln zugesetzt. Genauso wie der Zuckeraustauschstoff Sorbit, der ebenfalls schlecht vertragen wird. Was dann hilft? Eine Pause einlegen vom Süßen: Säfte, Smoothies, Limos, Nektare, Marmeladen und Süßigkeiten streichen. Obst nur Mini-Portionen und in Kombination mit Joghurt essen. Wenn sich nach vier Wochen keine Besserung zeigt, sollten Eltern mit einem Kinderarzt sprechen.

Fruktose-Malabsorption

Was passiert im Körper? Fruktose (Fruchtzucker) wird von den Zellen im Dünndarm aufgenommen und mittels eines Transporters ins Blut befördert. Bei einer Fruktose-Malabsorption ist dieser Transport gestört, sodass der Zucker unverdaut in den Dickdarm gelangt. Dort wird er von Bakterien zersetzt, Gase entstehen. 

Welche Beschwerden treten auf? Blähungen, Krämpfe und Durchfall

Wie stellt der Arzt die Diagnose? Durch einen Wasserstoff-Atemtest

Was kann man dagegen tun? Meistens hilft es schon, fruchtzuckerhaltige Lebensmittel für eine gewisse Zeit einzuschränken, um den Fruchtzucker-Transporter zu schonen.

Wirklich gefährlich: Allergien

Wenn die Reaktion auf ein Lebensmittel ganz plötzlich auftritt, kann eine Allergie vorliegen. So wie bei der einjährigen Leonie. Ein paar Minuten, nachdem die Kleine vom Rührei probiert, tauchen rote Flecken am Mund auf. Die Flecken werden zu Quaddeln, die Augen schwellen an. Mama Franziska reagiert richtig: ab ins Krankenhaus. Sie ist allergisch, verträgt Nüsse und Äpfel nicht und weiß, dass es schnell zur Atemnot kommen kann. Leonie geht es zum Glück bald wieder gut, die Kleine kann nach einer kurzen Untersuchung nach Hause. Aber ein Bluttest bestätigt eine Allergie gegen Hühnereiweiß – Leonie hat die Veranlagung von ihrer Mutter geerbt. Dazu kommt: bei Kindern arbeitet die Verdauung noch nicht so gut, Eiweiße werden schlechter gespalten. Sie haben deshalb häufiger Lebensmittel-Allergien als Erwachsene. "Milch, Ei, Erdnuss, Hasel- und Walnuss sowie Weizen sind die häufigsten Allergie-Auslöser“, sagt Sonja Lämmel. Vorsorglich Lebensmittel zu streichen, kann aber mehr schaden als nutzen. "Das Immunsystem muss trainiert werden, es braucht den Kontakt mit vielen verschiedenen Lebensmitteln“, sagt die Ökotrophologin. Passiert das nicht kann es sein, dass das Kind das Lebensmittel später tatsächlich nicht verträgt. Die gute Nachricht: Eine Allergie kann sich verwachsen: in gut dreiviertel der Fälle ist sie bis zum Grundschulalter wieder verschwunden.

Lebensmittelallergie

Was passiert im Körper Das Immunsystem bekämpft normalerweise harmlose Stoffe (meistens Eiweiße) in Lebensmitteln. Er bildet spezielle Antikörper gegen die vermeintlichen Feinde. Wird das Lebensmittel erneut verzehrt, kann das eine allergische Reaktion auslösen.

Welche Beschwerden treten auf? Juckreiz und Schwellungen (z. B. an Lippe, Mund, Rachen), Quaddeln oder Neurodermitis, Bauchschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Asthma oder Atemnot.


Wie stellt der Arzt die Diagnose? Antikörper-Test (IgE) im Blut, Hauttests

Was kann man dagegen tun? Das Lebensmittel konsequent vom Speiseplan streichen. Ein Jahr später wieder beim Arzt testen.

Experten-Bild

Sonja Lämmel

ist Diplom Ökotrophologin beim Deutschen Allergie- und Asthmabund e. V. (DAAB). Ihr persönlicher Tipp an Mütter: "Zur Vorbeugung von Unverträglichkeiten und Allergien sollten Babys mindestens vier bis sechs Monate voll gestillt werden“.

www.daab.de

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