Kolumne einer "ganz normalen Mama"

Wieso es bei mir keine Obstmandalas gibt

Freitag ist Kolumnen-Tag bei "Leben & erziehen"! Zum Start ins Wochenende lassen wir euch ein bisschen am Leben unserer Redakteurinnen und Redakteure teilhaben. Heute mit Nathalie Klüver, die erzählt, warum ihr keine hingebungsvoll drapierten Obstmandalas auf den Tisch kommen.

Es gibt etwas, wo ich in meinem Instafeed sofort weiterscrolle. Mit sofort meine ich sofort. Bloß weg. Kein Like. Ganz schnell weg. Dieses Ding nennt sich "Obstmandala". Noch nie gehört? Mandalas aus Obst sind kunstvoll gelegte Muster aus Obstschnitzen, mit denen Mütter ihre Kinder zum Obstessen animieren möchten. Und ganz nebenbei noch ein paar Herzen und eine große Portion Anerkennung auf Instagram kassieren möchten. Nur so kann ich mir die vielen tausend Likes für unter dem Hashtag #obstmandala geposteten Fotos erklären.

Ich bekomme ja schon bei einem "normalen" Mandala die Krise.

Ausmalen war noch nie meine Stärke. Nein, Ordung auch nicht. Symmetrische Muster, Dinge hübsch arrangieren? Dazu fehlen mir Zeit und Geduld. Obst hingebungsvoll in Form schnitzen und dann ebenso hingebungsvoll auf einem Teller arrangieren (und bestenfalls noch schnell ins optimale Licht rücken, um es zu fotografieren) – das würde ich nicht mal dann schaffen, wenn der Tag 28 Stunden hätte. Noch nicht einmal, wenn ich einen Butler hätte, der sich ums Tischdecken kümmert.

Ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, wozu ich mir die Mühe machen sollte?

Meine Kinder essen dadurch keine Blaubeere mehr, ganz zu schweigen davon, dass sie das kunstvolle Muster schätzen würden. Sie würden sich ihr Obst greifen, das Obstmandala dabei zerstören und ganz genauso darüber meckern, dass sie keine Banane mögen.

Nein, der Sinn eines Obstmandalas erschließt sich mir nicht.

Klar, das sieht schon nett aus, wenn man Blaubeeren, Äpfel und Melone im Regenbogenmuster auf dem Teller drapiert. Aber im Kreise gelegte Pralinen machen auch was her. Ein Obstmandala bei mir ist eher so: "Wirf Obst auf einen Haufen und lass die Kinder so viel wie möglich davon essen." Meine Kinder essen auch Obst vom Haufen.

Natürlich kann jede von uns machen, was sie möchte. Und ich möchte niemanden verbieten, den Nachmittag damit zu verbringen, meditative Obstmandalas zu legen. Wenn ihr Freude daran habt (es soll ja sogar Menschen geben, die Freude am Bügeln haben, wieso dann nicht auch an Obstmandalals), dann nur zu! Lasst euch nicht von mir abhalten. Obstmandalas sehen toll aus! Und Obst schmeckt gut! Obst ist gesund! Und das Auge isst mit!

Aber: Setzt um Himmelswillen nicht andere Mütter mit euren Instaposts unter Druck! Und noch viel wichtiger: Liebe Mütter, die ihr Obstmandalas genauso beknackt findet wie ich, lasst euch nicht von diesen vermeintlich perfekten Bildern unter Druck setzen! Denkt dran: Neben jedem Obstmandala liegt ein Berg von Schalen, Apfelknusten und Melonenkernen (denn wer will schon Melonenkerne im Regenbogen!).

Eine gute Mutter zeichnet sich nicht durch die A-Note im Legen von Obstmandalas aus.

Unter uns: Das Obstmandalalegen ist nämlich gar keine Disziplin in der Mütterolympiade. Die tun nur so. Es braucht keine Obstmandalas für eine glückliche Kindheit. Und auch nicht, um eine glückliche Mutter zu sein. Wer also nicht zu denen gehört, die im Drapieren von Blaubeeren ihre Erfüllung finden, darf ohne den Anflug eines schlechten Gewissens weiterhin alles Obst auf einen Haufen werfen.

Das gilt übrigens auch für die Brotbox. In Herzchenform ausgestochene Pausenbrote und in Regenbogenfarben gestaltete Obstspieße sind kein Garant für eine glückliche Kindheit. Spart euch die Zeit und tanzt lieber mit euren Kindern zu eurer Lieblingsmusik. In der Zeit, die ein Obstmandala braucht, schafft ihr drei Lieder. Mindestens.

KLÜVERS CHAOS-KOLUMNE

Nathalie Klüver ist Journalistin, Mama-Reporterin und bloggt als "Ganz normale Mama" von den Tücken des Alltags mit drei Kindern (zwei, sechs und neun Jahre alt). In ihrer Kolumne schreibt sie u.a., warum sie pastellfarbene Kinderzimmer bei Insta und Co. nicht mehr sehen kann. Und wieso es unperfekt viel besser ist.

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