Achtung Erstickungsgefahr

Keine Nüsse für Kleinkinder!

14 Kleinkinder sind 2017 an einem "eingeatmeten Fremdkörper" erstickt. Was viele Eltern nicht wissen, Ärzte aber bestätigen: häufig handelt es sich bei den verschluckten Gegenständen um Nüsse. Wir klären über Unfallrisiken auf und geben Tipps, wie du dein Kind schützen kannst.

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Unser Experte:

Kinder- und Jugendarzt Dr. Klaus Rodens aus Langenau

Wer einmal auf jüngere Kinder aufpasst, stellt bald fest, wie schnell Dinge in den kleinen Mündern verschwinden. Alles, was in Reichweite ist und eine einigermaßen mundgerechte Größe hat, wird nicht nur mit den Händen ertastet, sondern auch probiert. Ein Moment der Unaufmerksamkeit reicht leider schon aus, damit eine Nuss, eine Münze oder eine Murmel im Kindermund verschwindet und zur tödlichen Gefahr wird. Innerhalb von Minuten besteht akute Lebensgefahr. 2017 sind in Deutschland vier Kinder unter einem Jahr und zehn Kinder zwischen einem und vier Jahren erstickt (lt. Unfallstatistik des Statistischen Bundesamtes).

Viele Ärzte berichten, dass es häufig Nüsse sind, die von kleinen Kindern versehentlich eingeatmet werden. Aspirationen von Gegenständen, bei denen es sich nicht um Chemikalien oder giftigen Stoffe handelt, werden in Deutschland aber nicht systematisch erfasst. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat zuletzt Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Pneumonologie von 2004 bis 2005 ausgewertet und dabei festgestellt, dass das Unfallrisiko von Nüssen zu anderen Kleinteilen deutlich erhöht ist: Von 98 gemeldeten Fremdkörperaspirationen handelte es sich in 50 Fällen, also mehr als der Hälfte, um Nüsse oder Teile davon. Mediziner schätzen, dass jährlich in Notfallaufnahmen circa 30 schwere Aspirationsunfälle bei Kindern in Zusammenhang mit Nüssen stehen. Durch ihre Form, die geringe Größe und die glatte, ölige Oberfläche können Nüsse schnell versehentlich eingeatmet werden.

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Was passiert bei einer Aspiration?

Die Luftröhre bei Kindern ist dünner als bei Erwachsenen, wodurch das Verschlucken, auch von kleineren Fremdkörpern, für sie besonders gefährlich ist: Eingeatmet können sie die Atemwege verschließen. "In den meisten Fällen wird nicht schon oben die gesamte Luftröhre durch den Fremdkörper verschlossen, sondern er rutscht weiter unten in einen Bronchialast, der zu einem der beiden Lungenflügel führt", sagt Kinder- und Jugendarzt Dr. Klaus Rodens aus Langenau. Verschließe zum Beispiel eine Erdnuss die Verbindung zum rechten Lungenflügel, werde immerhin der linke Lungenflügel weiterhin belüftet. Der Sauerstoffmangel verlaufe schleichender, über Stunden oder Tage hinweg. Anders, wenn ein Fremdkörper oben die gesamte Luströhre verschließe, diese Situation führe innerhalb von Minuten zum Ersticken, sollte der Gegenstand nicht entfernt werden können, so der Experte.

Erste Hilfe, wenn sich ein Kind verschluckt

Bemerkbar macht sich das Verschlucken durch plötzlich auftretenden, anhaltenden Husten, rasselnde oder pfeifende, auffällige Atemgeräusche und Atemnot. Dann sollte sofort der Notruf 112 angerufen werden. Sitzt der Gegenstand oben in der Luftröhre, ist die Erstickungsgefahr zwar akuter, jedoch ist die Chance ihn heraus zu bekommen auch größer. Je weiter unten, desto schwieriger lässt sich der Gegenstand entfernen.

Erste Hilfemaßnahmen – Schritt für Schritt

  • Auffordern zu husten.
  • Das Kind in eine Position kopfüber bringen: Kleinstkinder kopfüber auf den Unterarm, größere Kinder über das Knie legen.
  • Mehrmals mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter klopfen. Der Druck sollte dabei in etwa der sein, mit dem man einem Erwachsenen auf die Schulter klopft.

Der Heimlich-Handgriff

  • Hinter das Kind stellen und den Oberkörper des Kindes nach vorne beugen.
  • Das Kind von hinten umfassen: Die Faust einer Hand unterhalb des Brustbeins ablegen und mit der anderen Hand umfassen.
  • Fünf Mal in einer ruckartigen Bewegung nach innen und oben drücken.

Obwohl vor allem der Heimlich-Handgriff das Risiko birgt, das Kind versehentlich zu verletzen, zählen bei einem schweren Aspirationsunfall Momente, bis die Situation zum Erstickungstod führen kann. Auch wenn der Fremdkörper sich entfernen lässt, sollten Eltern mit ihrem Kind unbedingt einen Arzt aufsuchen. Durch das Klopfen auf den Rücken und den Heimlich-Handgriff können unbeabsichtigt Prellungen oder Verletzungen im Bauchraum oder den Rippen die Folge sein. Je länger ein Fremdkörper zudem in den Atemwegen feststeckte, desto höher ist auch das Risiko einer Infektion. Eine Lungenentzündung ist keine unübliche Folge.

Erste-Hilfe-Kurse

Verschiedene Anbieter bietet spezielle Kurse für Erste Hilfe am Kind an. Für Eltern, Erzieher, Babysitter und andere Aufsichtspersonen lohnt es sich generell, einen solchen Kurs zu besuchen, um in einer Notsituation schnell und sicher eingreifen zu können. Auch das Verhalten bei Aspirationsunfällen ist dabei ein fester Bestandteil. Zum Beispiel bietet das Deutsche Rotes Kreuz oder der Arbeiter-Samariter-Bund Kurse an vielen Standorten zu vielen Terminen an. Die Kosten für die eintägigen Kurse betragen circa 50 Euro.

Unfällen Zuhause vorbeugen

Mit Kindern im Haushalt sollten Eltern darauf achten, dass Kleinteile unbedingt außerhalb der Reichweite neugieriger kleiner Händen aufbewahrt werden: Am sichersten sind sie in verschlossenen Schränken oder weiter oben gelegen aufgehoben. Aber auch eine einzelne Erdnuss, die beim letzten Fernsehabend heruntergefallen ist, ist für krabbelnde Kinder verlockend und gefährlich. 

Beim Einkaufen aufpassen

Bei Spielzeugen gibt es bereits eine Kennzeichnungspflicht, die auf die Verschluckungsgefahr hinweist. Bei Lebensmitteln gibt es diese Verpackungshinweise nicht. Daher ist es ratsam, Inhaltsangaben auf Lebensmitteln zu prüfen und zu schauen, ob zum Beispiel das Müsli Nüsse enthält.

Auch Weintrauben oder Heidelbeeren sind von ihrer Form her prädestiniert zum Verschlucken. Hier hilft es, die Früchte zu halbieren, bevor sie Kindern angeboten werden: Die Oberflächenspannung wird dadurch gebrochen und die Früchte können nicht mehr die Atemwege verschließen. 

Alternativen zur ganzen Nuss

Nüsse gelten als Superfood, sie enthalten wertvolle ungesättigte Fettsäuren, Eiweiß, Ballaststoffe, Mineralstoffe und Vitamine. Eltern müssen bei der Ernährung ihrer Kinder aber nicht auf die wertvollen Inhaltsstoffe verzichten: Gemahlen können Nüsse als Mehl oder Mus angeboten werden. Nussmehl eignet sich gut zum Backen, Nussmus verfeinert den Brei und schmeckt auch gut als Brotaufstrich. Beides gibt es zum Beispiel im Reformhaus und Bioladen, oder kann mit einem Pürierstab auch selber hergestellt werden. Zur Verarbeitung eignen sich gut Mandeln, Haselnüsse und Cashews.

Ab wann dürfen Kleinkinder Nüsse essen?

Tipps für Eltern: 

  • Ist das Gebiss vollständig entwickelt und benutzt das Kind die Backenzähne?
  • Kommt das Kind mit anderen härteren Lebensmitteln gut zurecht, zum Beispiel Fleischstückchen?
  • Sitzt das Kind aufrecht, ist ruhig und auf das Essen konzentriert?

Eltern sollten ihren Kindern Nüsse erst etwa ab dem vierten Lebensjahr anbieten und auch im Haushalt darauf achten, dass sie kleineren Kindern nicht zugänglich sind.

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Unsere Autorin

Anna Ludewig

Anna Ludewig hat Germanistik und Soziologie studiert und ist durch und durch Familienmensch. Bei Themen rund um den Alltag mit Kindern geht ihr das Herz auf.

Seit Januar 2020 ist sie Content Manangerin bei Leben&erziehen und schreibt mit Begeisterung über alle bunten Facetten des Familienlebens.

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