Verzicht auf tierische Lebensmittel

Kinder vegan ernähren: "Das Risiko eines Nährstoffmangels ist groß"

Vegetarisches und veganes Essen liegt voll im Trend, die Supermarktregale sind voll mit Fleischersatzprodukten. Doch: Eltern, die am Familientisch komplett auf tierische Produkte verzichten wollen, sollten sich der Risiken vor allem für Babys und Kleinkinder bewusst sein. Eine Ernährungsexpertin erklärt, worauf man achten sollte.

Dass es aus vielen Gründen eine gute Idee ist, weniger Fleisch zu essen, bezweifeln im Jahr 2021 die wenigsten. Aber was ist mit unseren Kindern? Brauchen sie tierische Produkte für ihre Entwicklung – oder geht’s auch ohne? "Es spricht absolut nichts dagegen, Kinder mit einer vegetarischen Ernährung aufwachsen zu lassen", sagt Ernährungsexpertin Sarah Schwietering.

Wichtig sei dabei: "Wenn die Kost gesund sein soll, dann braucht sie ebenso viel Aufmerksamkeit, wie eine Kost, die Fleisch beinhaltet. Allein durch das Weglassen von Fleisch und Wurst lebt man nämlich nicht automatisch gesund." Puddingvegetarier nennt man diejenigen, die zwar kein Fleisch essen, aber statt Gemüse Pommes oder Schokopudding vorziehen. Klar, diese Puddingvegetarier leben nicht gesünder als Menschen, die zwar Fleisch essen, aber sich ansonsten ausgewogen ernähren. Und das gilt im besonderen Maße auch für Kinder, die gerade in der Wachstumsphase auf einen gut gedeckten Nährstoffbedarf angewiesen sind.

Auch Kinderärzte sehen in einer ausgewogenen lakto-ovo-vegetarischen Ernährung (wenn also Eier und Milchprodukte ebenfalls auf dem Speiseplan stehen) eine Alternative zur Mischkost. Bei guter Zusammenstellung bekämen Kinder die nötigen Nährstoffe für ein normales Wachstum und eine altersgerechte Entwicklung. Bei täglichem Verzehr von Milchprodukten, Eiern und Hülsenfrüchten sei nicht mit einer Unterversorgung zu rechnen. 

Anders ist das bei einer veganen Ernährung. Eltern sollten sich in diesem Fall sehr intensiv mit dem Nährstoffhaushalt befassen. Der Vorsitzende der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Berthold Koletzko, sagt: "Das Risiko eines Nährstoffmangels ist umso größer, je restriktiver die Ernährung ist und je mehr Lebensmittelgruppen aus der Ernährung ausgeschlossen werden." Zu beachten sei, dass nicht jedes Kind Tofu, Linsen, Kichererbsen und Sojamilch oder Rote Bete möge – hier gebe es zwar das Angebot, aber die Nährstoffbilanz gerate dadurch schneller außer Balance als bei Erwachsenen, die in der Regel auch ohne tierische Produkte nicht fehl- oder mangelernährt sind. 

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Unsere Expertin

Sarah Schwietering

... ist Ernährungswissenschaftlerin und Diätassistentin. Sie berät u.a. Familien an einer Kinderklinik in Gelsenkirchen.

 

Veganer brauchen Vitamin B12

Ohne konsequente Supplementierung führe vegane Ernährung über einen längeren Zeitraum zu einem Mangel an Vitamin B12, da dieses für die Entwicklung wichtige Vitamin nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt, warnen Kinderärzte. Ein Vitamin B12-Mangel kann bei Säuglingen zu schweren Beeinträchtigungen bis hin zur dauerhaft bestehenden neurologischen Schädigung führen.

Nicht willkürlich Vitaminpräparate zuführen

Neben Vitamin B12 muss auch auf die Versorgung mit Eisen, Proteinen, Calcium, Jod und Zink geachtet werden. Aber bitte: Auf keinen Fall willkürlich Vitaminpräparate zuführen, ohne mit dem Arzt zu sprechen. Ernährungsexpertin Sarah Schwietering betont: "Eine gänzlich vegane Ernährung ist für Babys und Kinder nicht geeignet." Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät dringend davon ab.

Übrigens: Schon ab dem Kleinkindalter fangen Kinder an, sich dafür zu interessieren, wo ihr Essen eigentlich herkommt. Das könne man ihnen nicht nur mit kindgerechten Büchern vermitteln, sondern auch, indem man mit ihnen Gemüse anbaut, so Schwietering. Wenn Kids von sich aus kein Fleisch mehr essen wollen, ist es sinnvoll, familientaugliche Kompromisse zu finden – und den Konsum z.B. auf einmal pro Woche zu beschränken.

Vegane Ernährung für Kinder – der Ausgleich macht's

  • Pflanzliche Lebensmittel mit viel Eisen: Rote Bete, Hafer, Hirse, Hülsenfrüchte, Spinat, Himbeeren
  • Tipp: Wenn diese Lebensmittel mit Vitamin-C-haltigen Lebensmitteln wie Orangen kombiniert werden, kann der Körper das Eisen besser aufnehmen
  • Pflanzliche Lebensmittel mit viel Proteinen: Sojaprodukte, Lupinenprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Kartoffeln, Vollkorngetreide
  • Tipp: Am besten gezielt verschiedene Eiweißquellen zur optimalen Verfügbarkeit für den Körper kombinieren, z. B. Kartoffeln und Hülsenfrüchte oder Soja mit Vollkorngetreide.

Was haltet ihr davon, Kinder vegan zu ernähren?

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland verzichten komplett auf tierische Produkte im Essen – das sind 41 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Aber ist dieser Trend auch für unsere Kinder eine gute Idee? Das haben wir Eltern gefragt.

"Vegane Ernährung ist für mich die einzige vertretbare Lebensweise"

Sina möchte durch den Verzicht auf tierische Produkte unnötiges Tierleid vermeiden: "Wir Menschen in der westlichen Welt sind heutzutage nicht mehr auf den Konsum von Fleisch, Milchprodukten und Eiern angewiesen, um uns gesund und vollwertig zu ernähren. Die Bedingungen, unter denen die allermeisten Tiere ihr gesamtes Leben gehalten werden, sowie die Art und Weise, wie sie dann für den menschlichen Konsum getötet werden, stehen für mich in keinem Verhältnis zu den vielleicht 15 Minuten "Genuss" des Menschen. Ich denke, vegane Lebensweise ist die einzige Möglichkeit, unseren Planeten zu retten.

Da wir als gesamte Familie vegan leben, ernähren wir unsere Tochter selbstverständlich auch vegan. Ich bin davon überzeugt, dass es für sie, genauso wie für uns, eine gesunde und vollwertige Ernährung ist, wenn nicht sogar in einigen Punkten gesünder als die allgemeine westliche Mischkost – wir achten natürlich darauf, dass sie keine Mangelerscheinungen zeigt. Für mich hat es absolut nichts damit zu tun, meinem Kind meine Meinung ,aufzuzwingen‘, wie es veganen Eltern ja oftmals unterstellt wird. Für mich ist es nicht nur eine Ernährungsform, die ich an meine Tochter weitergebe, sondern ich möchte ihr wichtige Werte vermitteln. Deshalb ist es mir auch wichtig, dass sie weiß, woher ihr Essen kommt und wie es hergestellt wird."

Sina (29), Logopädin aus Mainz, Tochter (18 Monate)

"Wir verzichten zu Hause komplett auf tierische Produkte"

Lisa ist seit 15 Jahren Vegetarierin und legt immer wieder vegane Phasen ein. Ihre Kinder essen zu Hause auch vegan oder vegetarisch: "Da weder Vater noch meine Eltern in der Nähe wohnen, treffe ich die Kaufentscheidungen – sodass meine Kinder automatisch ebenso ernährt werden. Während des Lockdowns habe ich mit meiner älteren Tochter viele Dokus geschaut, unter anderem welche über Massentierhaltung. Danach hat sie sich selbst bewusst für eine vegetarische Ernährung entschieden. Meine kleine Tochter ist noch zu jung, um den Sachverhalt zu verstehen. Sie ernährt sich bei mir vegan, weil es bei mir nun mal keine andere Auswahl gibt, isst aber in der Kita das, was sie möchte. 

Wenn man sich selbst für eine vegane Lebensweise entscheidet, ist es wichtig, sich über die Nährstoffe und die speziellen Bedürfnisse von Kindern zu informieren. Da es mir eine zu große Verantwortung wäre, dies in einer rein veganen Ernährung meiner Kinder zu sichern, habe ich mich für den Mittelweg entschieden und lasse sie außerhalb von zu Hause das essen, was sie möchten. Das ist für uns der beste Weg, der gut funktioniert."

Lisa (26), Studentin aus Leipzig, zwei Töchter (3 und 6, schwanger mit dem dritten Kind)

"Tierische Eiweiße sind elementar für die Entwicklung der Kinder"

Brigitte ist gegen eine vegetarische oder gar vegane Ernährung von Kindern: "Ich esse selbst sehr gern Fleisch und Wurst. Außerdem glaube ich, dass tierische Eiweiße essenzielle Bausteine für unsere Entwicklung darstellen. Der Mensch ist Zeit seiner Existenz ein Lebewesen, das sich von pflanzlichen, aber vor allem auch von tierischen Produkten ernährt hat. Die Natur hat unseren Körper sich so entwickeln lassen, dass wir eben genau das alles verwerten, brauchen und vertragen. 

Ich bin der Meinung, dass besonders Kinder, die sich noch voll entwickeln sollen, nicht rein pflanzlich ernährt werden sollen. Würde mein Kind sich dazu entscheiden, kein Fleisch mehr zu essen, würde ich tatsächlich versuchen, es ihm sachlich auszureden, um Mangelerscheinungen zu vermeiden. Wichtig finde ich allerdings das leidige Thema Tierwohl. Dieses Argument von Vegetariern und Veganern kann ich durchaus gut nachvollziehen. Deshalb finde ich auch, dass man Fleisch und tierische Produkte nur bewusst und in Maßen zu sich nehmen sollte. Das ist so ein gesellschaftliches Thema, was grundlegend reformiert gehört – und wo jeder mit mehr bewusstem Fleischkonsum bei sich selbst anfangen kann."

Brigitte (33), Apothekerin aus Schwerin, eine Tochter (3 Jahre)

"Ich finde es wichtig, dass meine Tochter alles probieren darf"

Jeder Mensch habe das Recht, selbst zu wählen, was er essen möchte, findet Andrea, und deshalb schreibt sie ihrer Tochter nicht vor, wie sie zu essen hat – obwohl sie selbst Vegetarierin ist: "Meine Tochter kennt den Unterschied zwischen Bio-Lebensmitteln und konventionellen Produkten, artgerechter Haltung und Massentierhaltung. Beim Einkauf achte ich auf Qualität und Nachhaltigkeit, bei tierischen Produkten besonders auf die Herkunft und Tierhaltung. Meine Tochter darf natürlich selbst entscheiden, ob sie tierische Produkte isst oder nicht. Wir haben meist Geflügelwurst da, die ich auf dem Markt kaufe – aber wenn die verzehrt ist, gibt es erst wieder freitags welche. Bei Freunden und den Großeltern isst sie liebend gerne Blutwurst und solche Dinge. Nur wer alles mal probiert hat und über die Herstellung unserer Lebensmittel Bescheid weiß, kann schließlich auch qualifizierte Entscheidungen treffen. 

Ich bereite tierische Produkte meist separat zu, esse die Suppe dann ohne Wiener Würstchen, meine Tochter mit. Aktuell interessiert sie sich fürs Kochen, sodass sie das Fleisch dann zeitnah vielleicht auch schon selbst zubereiten kann."

Andrea (41), Vertriebsmitarbeiterin aus Heidelberg, eine Tochter (7 Jahre)

Autorin: Nathalie Klüver

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