Eine Frage der Zeit

Ab wann können Eltern ihr Kind bei den Großeltern schlafen lassen?

Die erste Nacht in einem fremden Bett, ohne Mama und Papa bei den Großeltern zu übernachten – für Kinder ist das ein aufregendes Abenteuer. Wir geben Tipps, wie es ohne Tränen klappt.

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Unsere Expertin

Dr. Heidemarie Arnhold ist Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung, der auch die bekannten Elternbriefe herausgibt. Die Pädagogin lebt in Berlin.

Endlich einmal wieder einen Abend und eine Nacht mit dem Partner alleine? Einmal durchschlafen und vor allem ausschlafen? Vielleicht sogar ein ganzes Wochenende … Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sich Kleinkindeltern nach dem "alten" Leben sehnen.

Oder es steht, wie bei der alleinerziehenden Marlene (38), eine Geschäftsreise an – die nicht aufzuschieben ist. Also entschloss sich die Controllerin aus Düsseldorf, ihre Tochter bei ihren Eltern übernachten zu lassen. Eineinhalb Jahre war Marie damals alt, und Marlene entschied sich vor der Geschäftsreise erst einmal für eine "Übungsnacht". Sie sei nervöser gewesen als ihre Tochter, erinnert sie sich.

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Woran man erkennt, ob das Kind so weit ist, auswärts zu übernachten

Ob ein Kind überhaupt schon so weit ist, lässt sich nicht pauschal mit dem Alter des Kindes beantworten, sondern hängt davon ab, wie eng der Kontakt des Kindes zu den Großeltern (oder anderen Bezugspersonen) ist. "Wenn Großeltern häufig mit den Kindern zusammen sind, sind sie keine Fremden, sondern ein Teil der Familie", sagt Heidemarie Arnhold, Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung. Eltern könnten die Übernachtungsbereitschaft daran erkennen, ob sich ihr Kind auf das neue Abenteuer freut, so die Pädagogin. Reagiert das Kind jedoch sehr zurückhaltend oder zeigt so gar keine Freude, sollten Eltern den Besuch erst einmal noch ein wenig zurückstellen. Wenn Kind und Großeltern eine enge Beziehung haben, dann sei so eine Übernachtung auch schon im jungen Alter kein Problem. Allerdings sollten es Eltern vermeiden, die erste Übernachtung mitten in eine Fremdelphase hineinzupacken.

Schritt für Schritt ans Neue gewöhnen

An die erste Nacht im fremden Bett sollte man sich langsam herantasten: So hat Marlene ihre Tochter Marie im ersten Schritt einen Nachmittag lang alleine bei Oma und Opa gelassen. Dann nach und nach die Zeit ausgedehnt, bis Marie von morgens bis abends bei den Großeltern blieb und sich auch von ihnen zum Mittagsschlaf hinlegen ließ. Ein ähnliches Vorgehen empfiehlt auch die Pädagogin Heidemarie Arnhold: "Bei einigen Kindern wird es sehr schnell gehen, manche Kinder brauchen für die Vorbereitung etwas länger." Ganz wichtig sei, das Kind nicht unter Stress zu setzen, wenn es beim ersten Mal nicht gleich klappt. Auch die Großeltern sollten die Eltern übrigens nicht unter Druck setzen. "Geduld heißt das Zauberwort", sagt Heidemarie Arnhold. Wichtig sei es, vor dem Kind immer positiv über die Übernachtung zu sprechen: "Wenn alle Beteiligten die Übernachtung für eine tolle Idee halten, wird das Kind es auch so empfinden."

Mit Dackel Paul bleibt keine Zeit für Heimweh

Eine Spielkiste im Wohnzimmer oder eine Spielecke im Garten erleichtert dem Kind den Besuch ohne Mama und Papa. Kleine Rituale bei Tagesbesuchen helfen ebenfalls, die Beziehung zu festigen. So kann zum Beispiel die Spielzeugkiste gleich als Erstes begrüßt werden oder aber das Haustier. Letzteres ist für Marlenes Tochter Marie das Highlight, auf das sie sich immer am meisten freut, wenn es zu den Großeltern geht: Sie liebt es, mit dem Dackel Paul zu spielen.

Das muss mit, wenn das Kind bei den Großeltern (oder woanders) übernachtet

  • Lieblingskuscheltier oder Kuscheldecke
  • Zahnbürste und Zahnpasta
  • Schlafanzug
  • Ausreichend Wechselkleidung
  • Windeln und Feuchttücher
  • Schlafsack oder gewohnte Bettdecke und Kopfkissen
  • Ggf. ein Buch zum Vorlesen beim Einschlafritual
  • Ein vertrautes Spielzeug

Und wenn doch Heimweh bei der Übernachtung aufkommt?

"Vor dem Übernachtungsbesuch ist es wichtig, genau zu besprechen, was zu tun ist, wenn das Kind weint oder zurück zu seinen Eltern möchte", rät Heidemarie Arnhold. "Sowohl Eltern als auch Großeltern sollten sich einig sein, welche Reaktion angemessen ist." Erst einmal sollten die Großeltern versuchen, ihr Enkelkind selber zu trösten und wieder zum Einschlafen zu bringen. Lässt es sich aber nicht beruhigen, sollten Mama oder Papa ihr Kind abholen. Unter Druck setzen sollten weder Eltern noch Großeltern das Kind, erst recht nicht beim ersten Versuch. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal! Ein vertrautes Kuscheltier oder die bekannte Kuscheldecke können das Heimweh lindern und dem Kind Sicherheit fürs Einschlafen geben.

Das Selbstbewusstsein wächst mit jeder auswärtigen Übernachtung

"Wenn Kinder bei ihren Großeltern oder anderen Bezugspersonen übernachten, hat das nicht nur den Vorteil, dass die Eltern einmal Zeit für sich haben, auch das Selbstbewusstsein des Kindes wird dadurch gestärkt", sagt Heidemarie Arnhold. Dadurch, dass Großeltern nicht mehr erziehen müssen und auch mal kleine Ausnahmen machen, lernen Kinder zudem, dass Erwachsene unterschiedlich sind und sie selbst auch unterschiedliche Umgangsweisen entwickeln können. Bei der kleinen Marie hatte die Probenacht auf Anhieb geklappt, und so konnte Mama Marlene ihre Geschäftsreise ohne Sorgen antreten. Seitdem hat Marie schon dreimal bei ihren Großeltern übernachtet. Und das ganz ohne Tränen.

Autorin: Nathalie Klüver

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