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Die unsichtbare Gefahr

Cybermobbing

Seit Facebook & Co. gibt es Mobbing nicht mehr nur auf dem Schulhof. Was ist Cybermobbing und wie schützen sich Familien davor?

 

Cybermobbing“, „Cyberbullying“, „Internetmobbing“, „Mobbing 2.0“ oder „Aggression 2.0“ – verschiedene Begriffe, die dasselbe meinen. Sie alle beschreiben das Phänomen, Menschen nicht nur in der Schule oder im Büro, sondern auch im Internet oder über das Handy gezielt zu beleidigen, zu demütigen und bloßzustellen. Cybermobbing ist also eine spezielle Form des Mobbings. Dabei fallen Kinder, die im Schulumfeld gemobbt werden, eher auch dem Cybermobbing zum Opfer als Kinder, die noch kein Mobbing erlebt haben.

 

Cybermobbing im Alltag

Die zehnjährige Marlene trägt zum ersten Mal ihren neuen, knallroten Pulli. Doch schon am selben Abend liest sie eine Notiz auf ihrer Pinnwand im Internet, die ein Mitschüler hinterlassen hat: „Marlene hat Sachen aus der Altkleidersammlung an.“ Klar ist sie gekränkt. Und irgendwie ist es ihr peinlich, diesen Kommentar zu lesen. Sie beschließt aus Scham, niemandem davon zu erzählen.

Im Laufe der Woche hinterlassen noch weitere Mitschüler ähnliche Kommentare, sodass Marlene sich immer mehr zurückzieht und am liebsten gar nicht mehr in die Schule gehen möchte. Was der Grund dafür sei, fragt ihre Mutter, ob sie sich krank fühle? Doch Marlene zuckt nur traurig mit den Schultern.

Der zwölfjährige Paul muss erleben, dass seine Mitschüler ihn vom Chat ausschließen – ohne ersichtlichen Grund. Sie machen ihm klar, dass er unerwünscht sei und versuchen, ihn mit Beleidigungen zu vergraulen. Dabei stacheln sie sich gegenseitig so lange an, bis Paul tatsächlich genug hat.

Auch er schämt sich. Doch er besitzt den Mut, sich seiner Mutter anzuvertrauen. Sie meldet den Vorfall sofort dem Klassenlehrer, der im Stuhlkreis behutsam diese Art der Schikane thematisiert und die Täter zur Rede stellt.  Beides Fälle, in denen Opfer und Täter sich kennen. Doch gerade die Anonymität in Chatrooms öffnet Mobbing Tür und Tor. „Man kann für jedes Forum und jeden Chatroom einen neuen Benutzernamen wählen. Wer sich hinter diesen Pseudonymen sicher fühlt, kann Hemmschwellen leichter überwinden”, betont die Buchautorin Françoise D. Alsaker. Außerdem sei die demütigende Wirkung im  Internet wesentlich umfangreicher als im echten Leben, da ein größeres Publikum erreicht wird.

„Die Anonymität des Internets verleitet zu größerer Aktivität“, weiß auch Martin Kohn, ebenfalls Autor eines Buches über Mobbing. Der Täter „baut sich eine andere Identität auf, die ihn zu Schritten bewegt, die er im realen Leben nicht unternehmen würde“, sagt Kohn.

 

Wie sozial sind soziale Netzwerke?

Gerade die als „soziale“ Netzwerke bezeichneten Portale wie „Facebook“, „SchülerVZ“ oder „MySpace“, aber auch andere Foren und Chatrooms bieten eine ideale Plattform für Cybermobbing – wie nicht nur Marlene und Paul erleben müssen.

Das Schlimme daran: Die Opfer sind der Demütigung über elektronische Medien hilflos ausgesetzt und bekommen sie oft noch nicht einmal unmittelbar mit. Zum Beispiel, wenn sie einen Kommentar über sich noch nicht gelesen haben. Außerdem können sie sich nicht räumlich zurückziehen, denn das Internet ist Tag und Nacht benutzbar und verfolgt sie noch nach der Schule.

 

Häufig passiert es, dass Kinder einen Mitschüler, über den man etwas Böses im Internet liest, plötzlich in der Schule meiden oder auslachen, so auch bei Marlene. Hier vermischt sich traditionelles Mobbing mit dem der virtuellen Welt. Gerade junge Menschen, deren Selbstwertgefühl noch nicht ausgereift ist, wissen oft nicht damit umzugehen und vertrauen sich nur selten jemandem an.

 

Welche Folgen sind möglich?

Daher ist es umso wichtiger, dass die Eltern wachsam und sensibel sind. Erste Anzeichen dafür, dass ein Kind Cybermobbing erlebt hat, können Ängste, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Schlafstörungen sein. Aber auch Verhaltensänderungen wie bei Marlene sind typisch: Die Zehnjährige wirkt angespannt und ist ungewohnt verschlossen. Selbst als ihre Mutter Verdacht schöpft und sie gezielt fragt, ob im Internet etwas passiert sei, spielt Marlene das herunter und meint, es sei nicht so schlimm. Die starke emotionale Belastung führt jedoch häufig zu Konzentrationsproblemen, Leistungsabfall in der Schule und Appetitlosigkeit. Ein Teufelskreis aus Gehänseltwerden, Schulverweigerung und sozialer Isolation entsteht. Auch Paul ist seine Negativerfahrung auf den Magen geschlagen. Ihm hilft allerdings, dass er sich seinen Eltern anvertraut und sich nicht alleine fühlt.

In schweren Fällen kann Mobbing dazu führen, dass Kinder sich aus Hilflosigkeit selbst verletzen oder sogar Selbstmordgedanken entwickeln. Oft verbleiben auch nach erfolgreicher Therapie Langzeitschäden, weil das Selbstbewusstsein Risse bekommen hat.

 

Was tun, um vorzubeugen?

Grundvoraussetzung ist wie so oft ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Eltern. Der Nachwuchs sollte nie das Gefühl bekommen, bestraft zu werden, wenn er von seinen Erfahrungen als Mobbing-Opfer berichtet. Vielmehr müssen Kinder spüren, dass ihre Eltern hinter ihnen stehen. Im Internet sollte man keine persönlichen Informationen preisgeben. Denn: Das Internet vergisst nicht. Suchmaschinen können auch längst gelöschte Inhalte – wie peinliche Fotos, die private Adresse oder Dinge, die jemand anderes veröffentlicht hat – wesentlich später noch finden. Auch wichtig: dem Nachwuchs das Chatten nicht verbieten. Verbote führen zu einem Vertrauensverlust und verleiten dazu, heimlich zu handeln.

 

Und wenn es einen dennoch trifft?

Mobbing-Experte Martin Kohn rät Eltern: „Seien Sie jederzeit für Ihr Kind ansprechbar.“ Ganz wichtig: Familien sollten sich nicht provozieren lassen. Am besten raten Eltern ihrem Kind, nicht auf Cybermobbing-Nachrichten zu reagieren – denn genau das will der Täter. Wird er hingegen ignoriert, gibt er schneller auf. Mobbing- und Cybermobbing Fälle im Klassenumfeld sollten die Eltern auf jeden Fall der Schule melden. Eventuell steht ein Schulpsychologe oder Vertrauenslehrer beratend und unterstützend zur Verfügung.

Wenn ein Kind bedroht wird, muss man den Website-Betreiber und die Polizei einschalten. Bei Erpressung, Drohung oder Nötigung handelt es sich um eine Straftat. Cybermobbing-Vorfälle sollte man dokumentieren, indem man alle entsprechenden Nachrichten speichert oder Screenshots (Bildschirmfotos) anlegt. Das hilft beim Kontakt mit der Polizei.

Grundsätzlich sind eher ältere Kinder und Jugendliche gefährdet als jüngere. Wichtig ist es aber, beim Nachwuchs schon früh ein gesundes Bewusstsein für mögliche Gefahren im Umgang mit den elektronischen Medien zu entwickeln. Marlene spricht am Ende doch mit ihrer Mutter und merkt, wie gut ihr das tut. Ein klärendes Gespräch in der Schule führt sogar dazu, dass sich die Klassenkameraden bei ihr entschuldigen.

 

Mehr Informationen

Rat und Hilfe: www.cybermobbing-hilfe.de

Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz: www.klicksafe.de
 

Buchtipps

„Tatort Schule“ von Martin Kohn, Humboldt 2012, 16,95 Euro.

„Mutig gegen Mobbing“ von Françoise D. Alsaker, Huber 2012, 29,95 Euro.

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