Umstrittene Erziehungsmethode

Belohnungssysteme für Kinder: Nicht jeder Deal funktioniert

Hier ein Sternchen, da ein Smiley: Belohnungssysteme bei Kindern liegen voll im Trend. Experten halten dieses Erziehungsmittel aber für höchst problematisch. Lest hier wieso und wie es besser geht.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, Kinder zu motivieren, aufs Töpfchen zu gehen oder ihr Zimmer aufzuräumen. Vor allem wenn sie eigentlich keine Lust dazu haben. Zwar fühlen auch sie sich besser, wenn sie etwas geschafft haben, aber sie erst mal dahin zu bekommen, ist für Eltern mitunter eine echte Herausforderung.

Der Trend geht zur Belohnungstafel

Im Internet kursieren Vorlagen zum Selbermachen mit Smileys zum Ausdrucken und Ausschneiden, magnetische Belohnungstafeln, Sticker oder Sternchen zum Aufkleben – raffinierte Bonussysteme, mit denen Mütter und Väter ihre Kinder für ein erfolgreiches Verhalten nach ihren Vorstellungen belohnen. Das sogenannte Token-System kommt aus der Verhaltenstherapie und liefert Kindern systematische Anreize und positive Verstärkung nach einem Belohnungsplan. Mit Aussicht auf ein bestimmtes Ziel strengen sich Kinder nachweislich mehr an. In den sozialen Medien berichten Eltern stolz darüber, wie sie ihre Kids mit glitzernden Pappherzchen dazu bringen, rechtzeitig ins Bett zu gehen. Sie präsentieren gepimpte Prämienboxen voller Überraschungseier und Legofiguren als Goodies fürs Zähneputzen oder Schuheanziehen. Aber ist das wirklich sinnvoll?

Experten-Bild

Unsere Expertin

Dr. Sabine Scherz (55)

ist Kunstpädagogin und Psychologin , Encouraging-Trainerin und individualpsychologische Beraterin in Petershausen (Bayern).

Mehr Infos: sabine-scherz.de

Belohnungssysteme zerstören die Eigenmotivation der Kinder

Für Kunstpädagogin und Psychologin Dr. Sabine Scherz sind Belohnungssysteme "ausgeklügelte Pläne, mit denen Kinder bestochen werden sollen, sich so zu verhalten, wie es die Erwachsenen erwarten". Im Zweifel wird der Nachwuchs bald nichts mehr ohne ausgelobten Bonus aus eigenem Antrieb machen. "Wissenschaftlich erwiesen ist, dass Belohnungen die intrinsische Motivation, wenn also das Kind etwas von sich aus gerne tut, zerstören können." Mit einem Anreiz von außen reagiert das Kind in der gewünschten Weise. Leider funktionieren Belohnungssysteme besonders gut bei Kleinkindern, und viele Eltern halten es für ein gutes Erziehungsmittel. Das sei es aber definitiv nicht.

Sabine Scherz erklärt weiter: "Eltern möchten doch, dass ihre Kinder lernen, aus eigenem Antrieb etwas zu tun, was in einer bestimmten Situation erforderlich ist. Dafür brauchen Kinder Kreativität und müssen zu selbstständigem Denken erzogen werden. Für belohntes Verhalten brauche ich nicht kreativ zu sein und selber zu denken, und die Frage: 'Kriege ich dafür eine Belohnung?' zeigt, wie viel schon kaputtgegangen ist." Oft tun Kinder dann verständlicherweise nur noch das, wofür sie belohnt werden, und verhandeln geschickt über Höhe und Art der Belohnung.

Zudem schütten Belohnungen im Gehirn Dopamin aus, durch das Glücksgefühle entstehen. "Passiert das regelmäßig, werden Glücksgefühl und Selbstwertgefühl an die Belohnung gekoppelt." Das sei eine gefährliche Kombination! Kinder lernen dabei, dass sie nur etwas wert sind, wenn das, was sie getan haben, so gut ist, dass es belohnt oder gelobt wird. Letztlich werde dadurch das Selbstwertgefühl geschwächt.

Der 2019 verstorbene Pädagoge Jesper Juul ging noch weiter, sah in Belohnungen für Kinder eine Form der Bestrafung: Eltern würden mit solchen Boni ihre Kinder nicht nur manipulieren, sondern ihnen damit auch ihr Misstrauen aussprechen, von sich aus anpassungsfähig, kooperativ und hilfsbereit zu sein.

Mit Belohnungen "vertrauen wir in erster Linie auf ein Erziehungsmittel, das wir aus eigener Erfahrung kennen", weiß Erziehungsberaterin Sabine Scherz. Belohnungen seien leichter zu geben als Vertrauen. Denn vertrauen wir unseren Kindern, kommen wir auch mal ins Schwitzen und müssen uns überlegen, wie wir reagieren. Durch Belohnungen hoffen wir auf weniger Stress. Doch Belohnungen schüren eine Erwartungshaltung und prägen das kindliche Verhalten. "Wenn das Kind in Vorleistung geht und ein bestimmtes Verhalten zeigt, für das es sonst immer eine Belohnung bekommt, ist es enttäuscht, wenn diese ausbleibt. Dann kann es sein, dass es das gewünschte Verhalten in Zukunft nicht mehr freiwillig zeigen wird."

Dennoch versuchen so ziemlich alle Eltern mal, ihr Kind mit einer Belohnung zu motivieren. Das ist normal, völlig in Ordnung und wird dem Kind nicht schaden – solange es nur hin und wieder vorkommt.

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Nicht jeder Bonus funktioniert

Doch: Das beste Belohnungssystem taugt nichts, wenn nicht beide Seiten es akzeptieren. Wenn ein Bonus für ein Kind gefühlt zeitlich zu weit weg ist oder aufgrund fehlender Fähigkeiten unerreichbar erscheint, funktioniert er nicht. Ebenso, wenn der Bonus zu wenig wichtig für das Kind ist oder es sich damit von den Eltern unter Druck gesetzt fühlt. Auch Belohnungssysteme für sportliche Leistungen oder später für Schulnoten oder Hausaufgaben sehen Experten kritisch. Bei den ohnehin sehr leistungsorientierten und materiell überladenen Kids sei das keine gute Idee, raten Sozialpädagogen.

Wann Belohnungen erlaubt sind

Damit eine Belohnung sinnvoll ist, sollte sie sich statt auf ein konkretes Ereignis besser auf einen Prozess beziehen, hinter dem eine besondere Anstrengung steht. Die Zielsetzung darf dabei anspruchsvoll, muss aber machbar sein. Bei kleinen Kindern ab drei Jahren können Eltern mit ihnen gemeinsam überlegen, welche Ziele angestrebt sind, die belohnt werden sollten. Je älter die Kinder sind, desto mehr Eigenverantwortung sollten sie für ein zu belohnendes Ereignis tragen.

Der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE) zufolge müssen Kinder lernen, angemessene Aufgaben in der Familie zu übernehmen. Ganz wichtig: nie das Kind für Selbstverständliches loben oder belohnen. Den Tisch abräumen, Zähneputzen oder Händewaschen sollten selbstverständlich sein. Zudem stärken Aufgaben im Haushalt bei Kindern das Zugehörigkeitsgefühl.

Kleine Motivationsschübe durch Spieleabende, ein gemeinsames Kochevent oder einen Ausflug können den Familienzusammenhalt fördern. Wichtig ist, darauf zu achten, dass die Relation stimmt, und genau zu schauen, welcher Bonus individuell passt. "Kleine, immaterielle Belohnungen sind aus Sicht der Wissenschaft in Ordnung“, bemerkt die Erziehungsberaterin. "Ich nenne es eher Ermutigung: sich Zeit nehmen, aufmerksam zuhören, geduldig sein, das Gute sehen oder auch Humor einsetzen. Ich ermutige mein Kind, indem ich es anlächele oder es freundlich ansehe." Solche banal erscheinenden Verhaltensweisen können Wunder bewirken. Sie stärken die Beziehung, und das Kind merkt, dass es um seiner selbst willen geliebt wird. Das Selbstwertgefühl könne nur mit Liebe gestärkt werden, sagt Sabine Scherz, nicht mit Belohnung und Bestechung.

So motiviert ihr euer Kind

Zeit: Nehmt euch jeden Tag bewusst etwas Zeit, die ihr nur euren Kindern widmet. 

Geduld: Kinder entwickeln sich am besten mit positiver Unterstützung.

Zuspruch: Damit stärkt ihr den inneren Antrieb eurer Kinder. 

Den Kindern etwas zutrauen: Denn so werden sie selbstbewusster und fühlen sich angenommen.

Kinder bei altersgemäßen Aufgaben miteinbeziehen: Schon kleine Kinder lieben es zu helfen. Dadurch fühlen sie sich respektiert.

Kinder anleiten, selbstständig zu denken

"Wollen wir also Kinder, die nur das tun, wofür sie belohnt werden? Oder wollen wir Kinder, die eigene Ideen entwickeln und verfolgen? Wollen wir, dass unsere Kinder später im Hamsterrad in den Burn-out laufen, oder wollen wir Kinder, die Systeme hinterfragen, weil sie schon früh gelernt haben, selbstständig zu denken?" Diese Fragen gibt unsere Expertin Eltern mit auf den Weg.

Fakt ist: Belohnungen sind nicht der Schlüssel zum Glück unserer Kinder. Sie werden sich für einen Bonus nur anstrengen, wenn sie selbst davon überzeugt sind, das angestrebte Ziel zu erreichen. Dafür müssen sie fest an sich selbst glauben. Gestärkt werden sollte der innere Antrieb. Statt Belohnungen auszuloben, ist es der Psychologin zufolge sehr wichtig, Kinder auch auf eigenen Wunsch Aufgaben selbst übernehmen zu lassen. Die notwendige Geduld hierfür ist bestens investiert. Es gilt, Wege zu finden, wie sich das Kind altersgerecht einbringen kann. Was Zweijährige ebenso wie Fünfjährige (mit unterschiedlichem Erfolg) hinbekommen, sei Wäsche oder Socken sortieren. "Das schult die Sinne", sagt Sabine Scherz, "und kaputtgehen kann dabei auch nichts."

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Unsere Autorin

Antonia Müller

Schon als Schülerin hat Antonia Müller Bücher verschlungen, Theater gespielt, Geschichten geschrieben und Hörspiele vertont. Auf Germanistikstudium und Textschmiede folgten Redaktionsjobs für Internet, TV und Verlage.

Zwölf Jahre Kreation von erfolgreichen Ideen und Texten in der Werbung runden ihr Profil als Story Teller ab. Für Junior Medien schreibt sie heute Wissenswertes über Familie, Kind und Kegel. Was noch fehlt, ist ihre erste Romanveröffentlichung.

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