Zweisprachig aufwachsen

Bilingual erziehen: Miguel sagt Bonjour und Hallo

Wenn Kinder stressfrei, spielerisch und mit viel Freude an zwei Sprachen herangeführt werden, wird die bilinguale Erziehung (meist) ein Erfolg. Wie gelingt das Abenteuer Zweisprachigkeit? Wir haben beim deutsch-französischen Ehepaar Piquet-Veldhoen und ihrem Sohn Miguel nachgefragt.

Miguel ist Fußball-Fan. Na klar, schließlich wohnt der 13-Jährige in Bochum. Ein Foto der deutschen Weltmeister-Mannschaft von 2014 sucht man an den Wänden seines Kinderzimmers allerdings vergebens. Stattdessen lachen die Helden der Équipe Tricolore – Weltmeister von 2018 – den Besucher an. Der Gymnasiast hat sich fantechnisch für das Heimatland seiner Mutter entschieden. Nathalie Piquet stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Laval im Nordwesten von Frankreich. Sie kam als junge Frau nach Deutschland, um Germanistik zu studieren, und blieb – der Liebe wegen. Miguels Vater, Markus Veldhoen, ist Jurist mit holländischen Wurzeln.

Als Miguel kleiner war, sprach Nathalie Piquet mit ihrem Sohn konsequent Französisch, sein Vater Deutsch. Mittlerweile ist die Familien­sprache eher Deutsch. "Je kleiner die Kinder sind, desto eher sollten die Eltern ihre Muttersprache verwenden“, erklärt Nathalie. "Alles andere würde sich allzu künstlich an­hören.“ Außerdem hat die 50-Jährige immer Wert darauf gelegt, dass ihr Sohn Französisch so spielerisch wie möglich erwirbt. "Wir wollten unseren Sohn nicht stressen. Deshalb musste er bei uns auch nicht Französisch
lesen oder schreiben. Und ständig korrigiert habe ich ihn auch nicht. Das mache ich als Lektorin an der Uni ohnehin schon den ganzen Tag.“ 

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Keine Frage: Bei den Piquets geht es locker zu. Nicht die Bildung steht im Vordergrund der zweisprachigen Erziehung, sondern der Spaß an gelungener Kommunikation. "Uns war es einfach wichtig, dass Miguel sich mit seinen französischen Großeltern und seinen Cousins und Cousinen gut verständigen kann. Wir glauben nämlich, dass eine zweite Sprache für Kinder einen praktischen Wert haben muss. Sonst finden sie keinen Spaß an der Sache und wenden sich irgendwann von der weniger dominanten ab. Deshalb haben wir auch nicht darauf gepocht, dass ­Miguel auf eine bilinguale Schule geht." Stattdessen haben die Piquets kleine Tricks angewandt, um den kindlichen Sprach­erwerb zu fördern. Französischsprachige Filme etwa werden bis heute nur in der ­Originalsprache angeschaut. ­Nathalie Piquet sagt: "Das war sehr einfach, solange Miguel noch klein war. Da wusste er einfach nicht, dass es auch eine deutsche Fassung gibt. Heute akzeptiert er es, dass wir Filme erst beim zweiten Durchgang auf Deutsch anschauen."

Sobald zweisprachig aufwachsende Kinder in die Kita oder in die Schule kommen, wird die Mehrheitssprache ohnehin dominanter. In der Schule wählte Miguel – natürlich – Französisch statt Latein. Mit seiner Lehrerin hat er Glück. Sie bildet gerne ein Team mit dem Jungen. Nathalie Piquet ist darüber sehr froh, denn sie kennt auch andere Beispiele: "Manchmal fühlen sich Lehrer, die eine Fremdsprache unterrichten, von einem zweisprachigen Kind in ihrer Kompetenz bedroht. Das ist dann für beide Seiten nicht besonders schön." Miguel nickt und sagt: "Meine Lehrerin ist toll. Auch wenn ich manchmal als Aushilfslehrer herhalten muss." Das findet der Teen­ager genauso nervig wie manche Mitschülerinnen und Mitschüler: "Sag mal Arztkittel auf Französisch! Und manchmal will jemand ein Schimpfwort auf Französisch wissen, nur um das Wort dann gleich dem Lehrer zu petzen." Normalerweise hält ­Miguel die beiden Sprachen strikt auseinander. Nur wenn ihm ein Wort gar nicht einfallen will, benutzt er die deutsche Entsprechung. Lustig findet er eher Papas Sprachschnitzer. Nathalie Piquet nickt lachend: "Auf unserer Hochzeit ging es um die Blumendekoration. Statt nach Reißzwecken – "punaises" – zu fragen, fragte mein Mann nach "puces“ – Flöhen. Solche Verwechslungen sind mir im Deutschen früher aber auch passiert. Da wollte ich mir bei der Nachbarin schon mal einen Hubschrauber statt eines Staubsaugers ausleihen."

Hat sich Miguel irgendwann mal geweigert, Französisch zu sprechen? Nathalie Piquet sagt: "Nicht direkt verweigert, aber eben lieber deutsch geantwortet! Ich denke, dass unsere französische Verwandtschaft – wir sind als Familie zwei- bis viermal im Jahr in Frankreich – bislang dafür sorgt, dass die Sprache ihm wichtig bleibt." Ebenso wie die Tatsache, dass seine Französischkenntnisse ihm schon Türen geöffnet haben. Zum Beispiel beim Fußball. Der Gymnasiast hat Anthony Losilla, Franzose in Diensten des VfL Bochum, bei dessen Start im Ruhrgebiet einfach mal einen Brief geschrieben. "Anthony hat uns dann zu Hause besucht und sogar ein Fußballspiel von mir angeschaut!", erzählt Miguel begeistert. "Wir lagen null zu zwei hinten, und dann habe ich – weil ich Anthony am Spielfeldrand sah – noch die Treffer zum Sieg gemacht", erzählt er stolz.

Autorin: Annette Lübbers

Kinder bilingual erziehen – worauf Eltern achten sollten

Die Globalisierung macht es möglich – immer mehr Babys und Kinder wachsen zweisprachig oder sogar mehrsprachig auf. Viele Eltern sehen darin eine Chance, andere sorgen sich: Lernt unser Kind richtig sprechen? Es kommt auf das Wie an, sagen Experten. Dazu folgende Beispiele: 

  • Zwei Sprachen gleichzeitig: Die Mutter spricht deutsch, der Vater spanisch. Wenn sie konsequent bei ihrer Muttersprache bleiben, lernt Tochter Anna beide Sprachen – unterschiedlich schnell. Mag sein, dass Anna zum Sprechenlernen etwas länger braucht als andere Kinder und dass sie mit vier, fünf Jahren Fehler macht, weil sie Regeln einer Sprache in die andere überträgt. Aber das wächst sich mit der Zeit aus.
  • Bitte nicht mischen: Luca soll Deutsch lernen. Seine italienische Mutter, die ihn versorgt, beherrscht das aber nicht perfekt. Dann soll sie die Sprache benutzen, die ihr am Herzen liegt, rät Dietlinde Schrey-Dern vom Bundesverband für Logopädie. Wenn die Mutter sich für Deutsch entscheidet, darf sie das Schlaflied oder die Fingerverse trotzdem auf Italienisch singen. Sie soll nur nicht willkürlich Brocken aus beiden Sprachen vermischen.
  • Lernen mit Spielkameraden: Sezens Eltern sprechen nur wenig Deutsch, sie soll die Sprache aber lernen. In diesem Fall bleiben die Eltern am besten bei ihrer Muttersprache, sorgen aber dafür, dass Sezen viele Kontakte zu deutschen Kindern findet. Kindergarten und Schule allein schaffen das nicht alleine!
  • Eltern sind keine Sprachlehrer: Beide Eltern sind Deutsche, Paul soll aber früh Englisch lernen. Ein zweisprachiger Kindergarten wäre dann toll, auch Ferien im Ausland oder englische Lieder bieten erste Lernanstöße. Dagegen raten Experten Eltern davon ab, sich selbst als Sprachlehrer zu betätigen. Das führe oft zu unnatürlichen Situationen und könne sogar die Eltern-Kind-Beziehung beeinträchtigen.

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