Erzwungene Höflichkeit

Müssen Kinder Danke sagen?

Für das Gratis-Würstchen an der Fleischtheke wird Danke gesagt, wer ein anderes Kind ärgert, hat sich zu entschuldigen. Glasklar, oder? Kinder sagen jedoch oft gar nichts. Wie ihr dann am besten reagiert und ob die Frage nach dem "Zauberwort" wirklich zielführend ist, klären wir hier.

"Wie heißt das Zauberwort?"

"Was sagt man da?"

"Entschuldige dich sofort!"

Erkennt ihr euch wieder? Es gibt wohl kaum einen Elternteil, dem nicht mindestens einer dieser Sätze mehr oder weniger häufig über die Lippen kommt. Klar: Wir wünschen uns wohlerzogene, höfliche Kinder. Dass unser Kind die Gratis-Wurst wortlos entgegennimmt und abzischt, passt nicht in unser Bild.

Andere Szene, selbes Problem: "Mamaaaa, du musst mir die Schuhe zubinden." Die nun folgende Frage nach dem Zauberwort ist in den allermeisten Familien gesetzt. Denn natürlich heißt es: "Könntest du mir BITTE die Schuhe zubinden?"

Und dann? Seid ihr schlechte Eltern, wenn ihr diese Unhöflichkeit unkommentiert durchgehen lasst? Ihr könntet euer Kind zurückholen und zu einem Danke drängen, die Hilfe beim Anziehen verweigern, weil kein Bitte zu hören ist. Man hält euch doch für schlechte Eltern, wenn euer Kind weder Bitte noch Danke sagt und sich nie entschuldigt!

Ihr dürft euch entspannen, denn all das hat nichts mit schlechter Erziehung zu tun. Mehr noch: Kinder zu derlei Floskeln zu zwingen, bringt nichts. Im "worst case" erreicht ihr damit sogar das Gegenteil.

Zu jung für Höflichkeit

Kindern fehlen die kognitiven Voraussetzungen. Sie verstehen ganz einfach noch nicht, wann man Bitte, Danke oder Entschuldigung sagt. Bis ins Vorschulalter handeln Kinder noch nicht rational, sondern nach Gefühl. Sie erkennen keinen Zusammenhang zwischen verschiedenen Situationen.

Erzwingen wir also eine Höflichkeitsfloskel, lernen sie nicht "Wenn ich das nächste Mal eine Wurst geschenkt bekomme, muss ich Danke sagen", sondern "Wenn ich nicht das mache, was Mama sagt, ist sie verärgert." Euer Kind erlernt also keine aufrichtige Höflichkeit, die es auch auf andere Situationen anwenden könnte, sondern lediglich, wie es sich Ärger mit den Eltern erspart.

Leben & erziehen Abo + Geschenk

Dein Begleiter von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zum Alltag mit Kindern. Jetzt mit 25% Rabatt testen!

Scham statt Erziehung

Auch wenn vielen Eltern oder sogar völlig Fremden gerne mal ein "Wie heißt das Zauberwort?" oder ein "Entschuldige dich sofort!" über die Lippen huscht: Das ist der falsche Weg. Ihr selbst fühlt euch dann vielleicht besser, weil ihr bewiesen habt, dass ihr Wert auf gute Erziehung legt. Doch ihr bevormundet euer Kind und nehmt ihm die Chance auf Selbstbestimmung und Authentizität. Auch für kleine Kinder ist das demütigend.

Ähnlich verhält es sich bei einem Streit: Wird von einem Kind eine Entschuldigung erzwungen, ist auch das demütigend. Das Kind wird eher noch wütender, entschuldigt sich halbherzig und zugleich merkt das Opfer, dass diese Entschuldigung keine ernstgemeinte war. Es wird keine zehn Minuten dauern, bis sich die beiden wieder in die Haare kriegen.

Habt ihr dennoch das Bedürfnis, euer Kind anzuleiten, versucht es doch mal im Flüsterton: So bleibt es eine Sache zwischen euch beiden und niemand wird in die Ecke gedrängt.

Wie Eltern gutes Benehmen beibringen

Um aufrichtig höflich sein zu können, sind Respekt und Wertschätzung aller Mitmenschen unabdingbar. Das erreicht ihr aber nicht durch Erziehung. Es ist viel einfacher: Seid authentisch und damit ein gutes Vorbild. Lebt ihr als Eltern Werte wie Dankbarkeit, Wertschätzung oder Respekt im Alltag vor (auch und vor allem euren Kindern und eurem Partner gegenüber), wird euer Kind dies adaptieren.

Zudem gilt: Beobachtet euer Kind! Vielleicht sagt es nicht Danke, strahlt die Bedienung an der Wursttheke jedoch glücklich an? Vielleicht entschuldigt es sich nicht wörtlich, aber bietet das Lieblingsspielzeug zum Teilen an? Auch das ist sind Arten, Dankbarkeit bzw. Reue auszudrücken.

Ihr legt Wert auf verbale Höflichkeit? Dann los: Sagt Bitte, Danke, Entschuldigung so häufig es im Alltag geht! Euer Kind bietet euch ein Spielzeug an? Danke! Das Zimmer soll aufgeräumt werden? Bitte! Euer Kind hat ein anderes geärgert? Entschuldigt euch selbst! Hierbei wichtig: Sprecht nicht im Namen eures Kindes ("Es tut mir sehr leid, dass XY dich geärgert hat", statt "XY tut es sehr leid, dass …").

Je öfter ihr mit gutem Beispiel vorangeht, desto eher wird euer Kind verstehen, welches Verhalten wann angebracht ist.

Authentizität statt Konventionen

Selbst Erwachsene haben gelegentlich Probleme, gesellschaftliche Konventionen zu verstehen – oder widersetzen sich diesen ganz bewusst. Kinder lernen erst mit etwa zehn Jahren, was sich "gehört" und was nicht.

Also lehnt euch zurück und gesteht euren Kindern zu, sie selbst zu sein und eigene Erfahrungen zu machen. Letztendlich ist es doch viel schöner, wenn ein Kind das Geschenk freudestrahlend entgegennimmt, als dass es nach einer Ermahnung still und beschämt auf dem Würstchen herumkaut, oder?

Profilbild

Unsere Autorin

Nora Ritzschke

Als Kind wollte Nora Ritzschke Lektorin werden, doch dann kam das Internet dazwischen. Ob Artikel für die Website, Instagram oder der eigene Blog – online fühlt sie sich zu Hause.

Als Mama einer Dreijährigen kann sie Lieder über stundenlange Einschlafbegleitung, Kita-Eingewöhnung oder die ersten Schimpfwörter singen – als Teil des Content-Teams nun auch hier!

Teile diesen Artikel: