Familienbesuch trotz Coronavirus

"Mama, darf ich zu Papa fahren?"

Für getrennt lebende Familien ist die Corona-Krise eine ganz besondere Herausforderung. Eine Mama hat eine tolle Lösung gefunden.

In normalen Zeiten hätte ich diese Frage ganz simpel beantworten können, doch jetzt dreht sich mir der Magen um. Viele Gedanken schießen durch meinen Kopf. Eine rationale Entscheidung muss getroffen werden. Aber was ist die richtige Entscheidung in diesem Ausnahmezustand?

Meine Tochter sitzt, wie viele andere Kinder und auch Eltern, seit zwei Wochen zu Hause. Corona-Pandemie, Ausnahmezustand, Kontaktsperre. Neben digitaler Schule, digitalem Kontakt zur Familie, auch digitaler Kontakt zu den Freunden – das Handy glüht. Klar, man hat sich mit den Freundinnen viel zu erzählen und der Drang zu sozialen Kontakten ist groß für ein elfjähriges Mädchen, aber auch die Sehnsucht, ihren Papa zu treffen und Zeit mit ihm zu verbringen.

Aber gerade jetzt?! Die allgemeine Kontaktsperre aufgrund des Coronavirus besagt, man solle im engsten Familienkreis bleiben. Also gefährde ich nun meine Tochter, wenn ich sie zu ihrem Vater lasse? Damit vergrößert sich ja der Kreis der Kontaktpersonen und der Vater saß sicher nicht die ganze Zeit alleine zu Hause. Die potenzielle Übertragungs- oder Ansteckungsgefahr wird also größer, wenn ich sie zu ihm lasse ...

Lily war es nie verboten, am Wochenende zu ihrem Papa zu fahren. Eine steife Konstruktion "alle zwei Wochen bei Papa" gibt es aus vielen Gründen bei uns nicht mehr. Zu Beginn unserer Trennung, Lily war damals acht Monate jung, erfüllte mich Hass und Wut ihm gegenüber, was mich zu blind machte, um eine gute Lösung für Lily zu erarbeiten und zu leben. Gerichtsverhandlungen, Aussprachen beim Jugendamt und diverse (böse) Auseinandersetzungen später erkannte ich, dass es meine Missgunst war, die Lily in ihrer Beziehung zu ihrem Papa blockierte. Und das wiederum hielt mich davon ab, mein Versprechen zu halten, immer im Sinne von Lilys Glück zu handeln.

Leben & erziehen Abo + Geschenk

Dein Begleiter von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zum Alltag mit Kindern. Jetzt mit 25% Rabatt testen!

Lily entscheidet selbst, wo sie ihr Wochenende verbringt

Genau aus diesem Grund entschied ich nun, nie wieder eine Schere zwischen dem Papa-Tochter-Band zu sein. Denn er ist und bleibt ihr Papa, ganz egal, welche Gedanken und Gefühle ich ihm gegenüber habe. So entwickelte sich in all den Jahren eine ganz einfache Lösung zum Thema "Besuchsrecht": Wir überlassen Lily die Entscheidung, wann sie welches Wochenende wo verbringen möchte. Organisatorisch hat sich das gut entwickelt. In jüngeren Jahren habe ich aktiv bei Lily nachgefragt, ob sie Papa besuchen möchte. Da Kinder wirklich schnell lernen, erhalte ich die Antwort nun schon seit Jahren ohne Nachfrage.

Aktuell organisiert Lily ihre Wochenenden selbstständig, indem sie bei uns beiden nachfragt, was am Wochenende geplant ist, um ihre Entscheidung treffen zu können. Ich bin stolz auf sie, denn sie schafft es, trotz zwei getrennter Familien keine Familienfeier zu verpassen.

Ich kann die gemischten Gefühle vieler Mamas verstehen, die ihre Kinder die ersten Male nach der Trennung zu Papa geben. Ich wünsche mir jedoch für alle Kinder, dass der Fokus auf ein glückliches Kind den getrennten Eltern nicht verloren geht und die Gefühle zwischen den Eltern nicht auf den Schultern der Kinder ausgetragen werden.

Und da sitze ich nun mit meinem Zwiespalt und mir gegenüber meine Tochter, die mit hoffnungsvollen Augen auf die Erlaubnis wartet, während der Kontaktsperre ihren Papa besuchen zu dürfen. Ich höre auf mein Herz und trenne das Papa-Tochter-Band nicht.

Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

Teile diesen Artikel: