Eine Mama berichtet

Empathie: Die Wunderwaffe gegen Mobbing

Mobbing ist bereits in Grund- und Vorschulen traurige Realität. Viele Kinder verfügen heute über einen mangelhaften Gemeinschaftssinn. Eltern sollten Mitgefühl und Hilfsbereitschaft deshalb nicht nur lehren, sondern vorleben – so früh wie möglich ...

"Heute will ich nicht in die Schule." Vermutlich hat jedes Schulkind diesen Satz schon einmal gesagt – ich selbst eingeschlossen. Doch grundsätzlich bin ich wirklich gern in die Schule gegangen. Bei unserem Sohn ist das anders. Als er in die Vorschule kam, hielt die Freude über die "Beförderung" vom Kitakind zum Schulkind gerade mal zwei Tage an – dann flossen die Tränen. Jeden Tag beim Abholen blickte ich in rot verweinte Augen. Jedes Mal brach es mir erneut das Herz. Abends beim Einschlafen weinte er weiter. Weil es nach dem Aufstehen wieder in die Schule geht. Und weil in der Kita alles irgendwie einfacher war.

Das Problem hat einen Namen

Zuerst waren wir sicher, dass es an der neuen Situation lag: Keiner seiner Kitafreunde war derselben Grundschule zugeteilt worden, er startete in das Abenteuer Schule also ohne bekanntes Gesicht. Wir haben daher ein wenig gebraucht, um herauszufinden, dass hinter den vielen Tränen noch etwas anderes steckte. Oder eher gesagt: jemand anderes.

"Ich kann meine HSV-Brotdose nicht mehr mit in die Schule nehmen, Ben findet den HSV doof", war eine der ersten Aussagen, die mich aufschrecken ließen. "Das musst du mir genauer erklären", bat ich meinen Sohn. Und lernte: Ben war so etwas wie der Anführer der Vorschulklasse B. Er entschied, wer mit wem befreundet sein durfte (und wer nicht), wer in der Pause Fußball spielen durfte (und wer zu schlecht dafür war) und offenbar auch, welche Bundesligamannschaft man anzufeuern hatte. „Ben bestimmt nicht, was du für eine Brotdose haben darfst“, probierte ich rational zu erklären. Keine Chance: Die Brotdose blieb zu Hause.

Was ist eigentlich Mobbing?

Ein blöder Spruch über die Brotdose eines anderen Kindes ist natürlich noch kein Mobbing. Doch es blieb nicht bei dieser einen Situation. Die Schikanen von Ben bekamen System: Er versteckte die Hausschuhe unseres Sohns. Er warf seine Sporttasche durchs Treppenhaus. Er nahm ihm seine Pokémon-Karten weg. Und vor allem: Er stachelte die anderen an, sich über unseren Sohn lustig zu machen. (Und das sind nur die Situationen, von denen unser Sohn uns erzählte.) Wir erkannten, dass die Angst und die Tränen in Wahrheit nicht der Schule galten, sondern Ben.

"Ein Kind wird zum Mobbingopfer, wenn es kontinuierlich und regelmäßig von anderen Kindern schikaniert, gequält und/oder seelisch verletzt wird“, erklärt Ralf Schmitz, Chef-Trainer bei der Sicher-Stark-Organisation. "Das Mobbingopfer ist dauerhaft den Handlungen ausgesetzt und kann sich nicht wehren oder meint, sich nicht wehren zu können." Der Experte: "Es besteht oft ein Ungleichgewicht. Das Mobbingopfer ist immer schwächer: körperlich oder geistig oder seelisch."

Warum schikanieren Kinder andere Kinder?

Ein Junge, der ohne Kitafreunde in die neue Klasse kommt und sich dadurch ohnehin unsicher fühlt, ist ein leichtes Opfer für solche Schikanen. Manchmal sind es einzelne Personen, die andere Kinder mobben. Häufig sind es ganze Gruppen, die sich gegen Schwächere zusammentun. Eine Frage bleibt in beiden Fällen: Wieso werden aus Kindern Mobbing-Täter und -Täterinnen? Und die noch wichtigere Frage: Was können wir Eltern dagegen tun?

Hilfsbereitschaft lässt sich positiv beeinflussen

Eltern können Einsatz ihrer Kinder gegenüber Schwächeren fördern

Hilfsbereitschaft ist gerade in Zeiten von Corona besonders wichtig. Je stärker die elterliche Hilfsbereitschaft ausgeprägt ist, desto größer ist der Anteil der Kinder, die dem positiven Vorbild der Eltern folgen.

Geben Eltern an, ihren Kindern beizubringen, Schwächeren zu helfen, so glaubt auch die große Mehrheit (73 Prozent) der Kinder: "Wenn andere Kinder geärgert werden, versuche ich zu helfen." Weitere 23 Prozent der Kinder sagen, dies "stimmt ein bisschen". Nur 4 Prozent der Kinder, deren Eltern dieser Aussage zustimmen, lehnen sie selbst ab.

Mitgefühl muss gelernt werden

Eltern kleiner Kinder erleben es jeden Tag: Empathie ist unserem Nachwuchs leider nicht in die Wiege gelegt. Die Veranlagung ist da, doch das Mitgefühl für andere muss erst mühsam erlernt werden. Deshalb nehmen sich Zweijährige gegenseitig die Schaufeln im Sandkasten weg – und verstehen nicht einmal, warum das andere Kind zu weinen beginnt. Studien haben zwar ergeben, dass empathische Reaktionen bis zum dritten Lebensjahr stark zunehmen. Doch bis ein Kind Werte wie Fairness oder Solidarität verstanden hat, dauert es Jahre länger. Wie ausgeprägt diese Werte verinnerlicht sind und gelebt werden, hängt davon ab, wie viel wir unseren Kindern davon mitgeben und vorleben – und sie so ganz automatisch zu hilfsbereiten, solidarischen und mitfühlenden Mitmenschen machen.

Empathie und Hilfsbereitschaft werden weitergegeben

Je empathischer Eltern sind, desto mehr Empathie empfinden in der Regel auch ihre Kinder. Das ist eines der Ergebnisse der Gemeinschaftssinn-Studie der Bepanthen-Kinderförderung und der Uni Bielefeld. Für die Studie wurden innerhalb der Familien – getrennt voneinander – fast 1.000 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren sowie die jeweiligen Eltern befragt. Beim Thema Empathie zeigte sich der Eltern-Einfluss besonders deutlich: Je höher der elterliche Empathie-Wert, umso größer ist der Anteil ihrer Kinder, die zum Beispiel der Aussage "Es macht mich traurig, wenn ich sehe, dass ein Junge verletzt wird" zustimmen. Bei den Jugendlichen mit Eltern, die einen hohen Empathie-Wert aufweisen, antworten 87 Prozent bei dieser Frage mit "stimmt". Bei den Jugendlichen, deren Eltern einen niedrigen Empathie-Wert aufweisen, sind es nur 58 Prozent.

Auch beim Thema Hilfsbereitschaft gegenüber Schwächeren lernen Kinder vom Vorbild ihrer Eltern: Geben diese an, ihrem Nachwuchs beizubringen, Schwächeren zu helfen, so sagt auch die Mehrheit (73 Prozent) der Kinder: "Wenn andere Kinder geärgert werden, versuche ich zu helfen." Nur vier Prozent der Kinder, deren Eltern dieser Aussage zustimmen, lehnen sie selbst ab (s.Grafik o.).

Geringe Solidarität überträgt sich

Was aber im Positiven funktioniert, automatisiert sich leider auch im Negativen: Eine unsolidarische Einstellung gegenüber Schwächeren wird der Studie zufolge von Generation zu Generation weitergegeben. Die Mehrheit der Kinder (sechs bis elf Jahre), deren Eltern wenig Solidarität aufweisen, zeigt sich ebenfalls nicht solidarisch – beispielsweise gegenüber Mitschülern, die ausgegrenzt werden. Und genau da liegt das Problem: Das Gemeinschaftsgefühl unserer Kinder ist heute erschreckend schlecht. Mehr als ein Fünftel der befragten Kinder (22 Prozent) verfügt über einen mangelhaft ausgeprägten Gemeinschaftssinn.

Unser Experte

Ralf Schmitz

... ist Cheftrainer bei der Sicher-Stark-Organisation. Der Autor und Mobbing-Experte hat in seiner 20-jährigen Berufspraxis zusammen mit seinem Team mehr als 50.000 Kinder und Eltern geschult und mit einfachen, aber sehr wirkungsvollen Tricks helfen können. Mehr Infos unter sicher-stark-team.de

Werte früh vermitteln – und selbst vorleben

Natürlich wird nicht jedes Kind, dessen Eltern unsolidarisch oder wenig hilfsbereit sind, automatisch zum Mobbing-Täter. Andersherum aber steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Mitschülerinnen und Mitschüler sich für ein Opfer starkmachen, wenn ihre Eltern ihnen die Wichtigkeit von Empathie und Hilfsbereitschaft nicht nur früh und intensiv vermitteln, sondern auch vorleben. Ein Kitakind, das seine Eltern dabei beobachtet, wie sie anderen Menschen helfen – ob im Straßenverkehr, beim Einkaufen oder auf dem Spielplatz –, wird diese Gesten des Mitgefühls als normal und richtig empfinden. Und dadurch, sobald es selbst in der Lage dazu ist, auch selbst empathischer handeln.

So erging es zum Glück auch unserem Sohn: Er hat zwei Freunde in der Schule gefunden, die sich auf seine Seite stellten und ihm halfen, sich zu wehren. Und mit denen der Schulalltag für ihn nicht nur erträglich, sondern hin und wieder sogar richtig schön wurde. Und für die Zeit nach den Sommerferien, wenn die erste Klasse startet, steht dank Gesprächen mit der Schulleitung zum Glück eines schon fest: Ben wechselt in die Parallelklasse.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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