Über falsche Vorstellungen

19 populäre Erziehungsirrtümer

Die Erziehung von Kindern kostet Nerven, Schlaf und manchmal auch Tränen. Ist aber auch glücklicherweise keine Raketentechnologie, findet Dreifach-Mama Beate Strobel. Diese Sätze hat sie im Laufe der Jahre aus ihrem Repertoire gestrichen.

Nummer 1: Kinder müssen beschäftigt werden.

Eltern sind keine Vollzeit-Animateure. Sie haben einen Job, Hobbys und ein Recht auf Ruhe. Kinder sollten deshalb lernen, sich auch alleine zu beschäftigen. Schon bei ihrem Baby tun Eltern gut daran, es in diesen Augenblicken nicht zu stören. Später reißen Kommentare wie "Was spielst du denn da?" jedes Mal ein Loch in den Schleier, den das Kind um sich und seine Welt gelegt hat. Tipp: Schlage älteren Kids bei Langeweile vor, den Geschirrspüler auszuräumen. Die Klage wird sicher leiser.

Nummer 2: Je hygienischer die Umgebung, desto besser.

Ein Kinderzimmer ist kein Reinraum, Lego kein OP-Besteck. Studien belegen, dass ein gewisses Maß an Keimen und Bakterien langfristig vor Allergien, Autoimmunerkrankungen und chronischen Darmentzündungen schützt. Also keine Panik, wenn dein Baby das Parkett ableckt oder den heruntergefallenen Schnuller wieder in den Mund steckt: alles Training fürs Immunsystem.

Nummer 3: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

Kinder verfügen über rund 10.000 Geschmacksknospen, Erwachsene nur noch über etwa 2000. Rosenkohl etwa schmeckt für Kinderzungen deutlich bitterer als für die der Eltern. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt? Diese Regel lässt sich modern interpretieren: Probiert wird, was auf den Tisch kommt. Aber wenn das Kind partout keinen Spinat mag, wird es auch ohne groß und stark werden.

Nummer 4: Kinder brauchen ein Haustier.

Hund, Katze, Maus lehren Verantwortung, sie sind Seelentröster in der Not und reduzieren den Stress beim Herrchen. Dennoch sollte Eltern klar sein: Ein Haustier lebt meist länger als der Wunsch danach. Wer eine Allergie gegen Tierhaare oder das Reinigen von Käfigen hat, darf sich gegen ein Haustier entscheiden. Das Lebensglück deines Kindes hängt von vielerlei Dingen ab. Für ein paar Jahre ein Lebewesen zu besitzen, spielt da eine eher untergeordnete Rolle.

Nummer 5: Kein Kind sollte ohne Geschwister aufwachsen.

Die Meinung, Einzelkinder würden zwangsweise zu Egomanen heranwachsen, hält sich hartnäckig. Doch Studien haben längst belegt, dass Einzelkinder sich hinsichtlich der sozialen Kompetenz praktisch nicht von Geschwisterkindern unterscheiden. Kein Kind ist eine Insel, es wächst in Krippe, Kita und Klassenzimmer auf.

Nummer 6: Kinder lässt man beim Spielen gewinnen.

Das Leben besteht nicht nur aus Gewinnen. Je früher dein Kind lernt, ein guter Verlierer zu sein, umso besser. Natürlich darf es sich ärgern, wenn es nicht vorne dabei ist – aber ohne etwas zu zerstören oder andere zu attackieren. Gehe mit gutem Beispiel voran – als guter Verlierer, aber auch als fairer Gewinner. Kinder fühlen sich zudem zu Recht nicht ernst genommen, wenn Erwachsene ihnen zuliebe schummeln. Ein "Mensch ärger dich nicht"-Männlein auch kurz vor dem Ziel rauszuwerfen, bedeutet nämlich auch: Ich traue dir zu, das zu verkraften.

Nummer 7: Was Hänschen nicht lernt ...

In der Vorstellung vieler Eltern öffnen und schließen sich in den ersten Lebensjahren jede Menge Lernfenster, beispielsweise für Chinesisch, Ballett, Klavier. Tatsache ist: In jungen Jahren lernen Kinder tatsächlich leichter, sofern der Prozess altersgerecht abläuft und der Spaß im Vordergrund steht. Doch sich und das Kind deshalb unter Druck zu setzen, hilft niemandem. Was Hänschen nicht lernt, kann Hans immer noch lernen. Das Gehirn ist zum Glück lebenslang lernfähig.

Nummer 8: Ein Klaps hat noch keinem Kind geschadet.

Jeder noch so leichte Schlag auf den Po, auf die Hand oder gar ins Gesicht schadet. Immer. Denn ein Klaps ist immer auch eine Demütigung. Er schmerzt in der Seele, und das mitunter lebenslang. Kinder, die mit körperlicher Gewalt aufwachsen, sind in der Regel nicht braver als andere. Sie haben aber gelernt: Andere zu schlagen, ist okay. Und: Man darf mich schlagen.

Nummer 9: Kinder muss man stets im Blick haben.

In den ersten Lebensjahren sind es vor allem die Kinder, die Mutter und Vater stets im Blick haben wollen. Ab dem Kindergartenalter dagegen ziehen sie sich gerne mal in ihr Zimmer oder ihr Kletterhaus im Garten zurück. Sie werden zu Geheimniskrämern, und das ist gut so: Sie lernen, sich von den Eltern abzugrenzen. Mütter und Väter sollten den Wunsch nach Privatsphäre respektieren. Und höchstens ab und an mal an der Tür nach verdächtigen Geräuschen lauschen.

Nummer 10: Vor Kindern darf man nicht streiten.

Wenn die Fetzen und womöglich Teller fliegen, wenn der Vater brüllt und die Mutter weint, empfinden Kinder das als existenzielle Bedrohung. Gleichzeitig spüren sie aber auch, wenn Eltern nur scheinbar auf "heile Welt" machen. Besser: streiten, aber richtig. Und das bedeutet, nicht zu brüllen, sich nicht gegenseitig verbal zu verletzten oder ins Wort zu fallen. Kinder lernen dann, dass Streit manchmal nötig und wichtig ist. Und dass man sich danach wieder vertragen kann.

Nummer 11: Kleine Kinder sollten nicht im Haushalt mithelfen müssen.

Viele Eltern erledigen ihre Alltags-Jobs, wenn das Kind schläft, die sogenannte "Quality-Time" miteinander soll nur dem Spiel gewidmet sein. Dabei helfen gerade kleine Kinder gerne beim Aufhängen der Wäsche, beim Gemüse-Schnipseln oder Ausräumen der Spülmaschine. Gönne deinem Kind den Spaß und erledigt den Haushaltskram gemeinsam. Wenn der Nachwuchs dann schläft, hast du mehr "Quality-Time" für dich.

Nummer 12: Strafe muss sein.

Die Forschung zeigt, dass Strafen nichts verbessern, im Gegenteil: Sie verhindern Einsicht. Denn sie bewirken vor allem, dass das Kind wütend ist und sich ungerecht behandelt fühlt. Besser als Strafen sind logische Konsequenzen: Wenn du wegläufst, kann ich dich nicht aus dem Buggy lassen. Wenn du den Jungen haust, musst du dich entschuldigen. Dabei stets den Grund erklären: Weil ich nicht möchte, dass du unters Auto kommst. Weil das dem Jungen wehgetan hat.

Lob dagegen muss sein. Versuche, dein Kind auch mal dabei zu ertappen, wenn es etwas gut gemacht hat. Lob ist wie die Lichtleiste auf dem Flugzeuglandeplatz: Hier geht es lang.

Nummer 13: Seine Kinder sollte man alle gleich behandeln.

Jedes Geschwisterkind ist eine eigene Persönlichkeit und verdient eine Spezialbehandlung: Das eine muss ermuntert, das andere eingebremst werden. Das eine braucht Kontrolle, das andere viel Freiraum. Entscheidender als Gleichbehandlung ist, jedem Kind das Gefühl zu geben, mit all seinen kleinen und großen Bedürfnissen wahrgenommen und akzeptiert zu werden.  

Nummer 14: Vater und Mutter müssen stets an einem Strang ziehen.

Wenn es um die großen Prinzipien und Werte geht, sollten Eltern sich einig sein. Denn das sind die Leitplanken, zwischen denen sie sich pädagogisch bewegen. Doch bei Alltagsfragen dürfen sie sich durchaus unterscheiden. Zu wissen, was bei wem okay ist, und dieses Wissen auch einzusetzen, ist eine wichtige Form der sozialen Kompetenz. "Aber der Papa hat gesagt, ich darf": Wenn dieser Satz fällt, müssen sich Eltern jedoch wieder einig sein – bezüglich der Regel "Es gilt, was zuerst entschieden wurde."

Nummer 15: Die anderen Eltern machen es besser.

Richtig ist: Alle anderen machen es nur anders. Weil deren Lebenssituation eine andere und ihr Kind anders ist. Weil sie selbst anders sind. Eltern müssen stets ihren eigenen Weg finden, und der wird immer von Versuch und Irrtum geprägt sein. Du musst nicht alles "richtig" machen, sondern nur so, wie es zu dir und deiner Familie passt. Wie es dein Kind, aber auch dich selbst glücklich macht. Dann hast du alles richtig gemacht.

Gute Nacht!

Die Ärztin und Elternberaterin Daniela Dotzauer stellt die wichtigsten Irrtümer zum Thema Schlaf richtig:

Nummer 16: Alle Kinder können durchschlafen.

Kein Kind schläft durch. Auch bei Erwachsenen besteht der Nachtschlaf aus mehreren Zyklen, zwischen denen man aufwacht und sich umbettet, ohne es wirklich mitzubekommen. Säuglinge können aber ihre Schlafposition noch nicht alleine wechseln. Zudem haben sie zumindest im ersten Halbjahr nachts schlicht Hunger. Danach allerdings können Babys nachts ohne Nahrung auskommen, sofern sie tagsüber genug Kalorien zu sich nehmen. Sie müssen nun lernen, alleine wieder einzuschlafen. Für die Eltern bedeutet das, möglichst nicht bei jedem Erwachen zu stillen und stattdessen lieber das Baby anders zu beruhigen, neu zu betten, wenn es wach wird, im Dunkeln den Po beruhigend zu klopfen, leise zu summen, etc.

Der Wunsch der Eltern, ihr Baby abends in den Schlaf zu begleiten, kann dann zum Problem werden. Denn wenn das Kind nachts aufwacht, ist es zu Recht irritiert darüber, dass es nicht mehr Mamas Hand hält oder vom Papa herumgetragen wird. Besser wäre, wenn Kinder frühzeitig lernen, selbstständig und im Liegen einzuschlafen, vielleicht mit einem Kuscheltuch oder dem Schnuller in der Hand. Beides können sie bald alleine im Bett finden, um sich selbstständig zu beruhigen.

Nummer 17: Kinder müssen nur müde genug sein, dann schlafen sie auch ein.

Um in den Schlaf zu finden, brauchen Kinder zweierlei: ausreichend Schlafdruck und Schlafbereitschaft. Sie müssen körperlich müde sein, aber auch willens, nun zu schlafen. Dieses Zeitfenster zu erkennen und nicht zu verpassen, ist wahre Eltern-Kunst. Denn übersteigt die Müdigkeit einen kritischen Punkt, werden Kinder überdreht und schlafen nicht ein, obwohl sie fix und fertig sind.

Nummer 18: Kinder muss man nachts auch mal schreien lassen.

Ein Kind, das schreit, befindet sich in maximaler Erregung. Es wird irgendwann auch einschlafen, schlicht aus Entkräftung und Erschöpfung. Besser aber ist, abends Zeit zu investieren, um das Kind zu entspannen und herunterzukuscheln: Leise, langsam und langweilig sollte die letzte gemeinsame Stunde von dem Schlafengehen ablaufen, etwa mit Singen, Wiegen, Streicheln.

Nummer 19: Am besten können Mütter die Kinder ins Bett bringen.

In den ersten Monaten haben stillende Mütter hier tatsächlich einen Vorsprung. Andererseits zwingt das die Papas dazu, sich ein größeres Repertoire zuzulegen und Alternativen zu finden, um das Kind zu beruhigen. Ein sattes, entspanntes Baby kann auch beim Vater einschlafen. Und gerade die gemeinsamen Abendrituale geben Männern die Chance, sich von ihrer soften Seite zu zeigen und so die Beziehung zum Kind zu stärken.

Autorin: Beate Strobel

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