Bindungs-Booster

Corona schweißt Geschwister zusammen

Kinder verbringen in der Pandemie so viel Zeit zu Hause wie selten zuvor. Für Geschwister heißt das: mehr zusammen spielen – und mehr streiten. Beides ist wichtig für die persönliche Entwicklung und die geschwisterliche Bindung. Erste wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen bereits, dass Corona Brüder und Schwestern noch enger zusammenschweißt.

Homeoffice und Homeschooling werden seit der Corona- Pandemie viel und heftig diskutiert. Für Home-Kitaing gibt es nicht mal einen richtigen Begriff. Dabei ist die Situation natürlich auch für viele kleine Kinder schwierig. Mein Sohn und meine Tochter passen zum Glück gerade gut zusammen. Seit die Betreuung pandemiebedingt immer wieder ausfällt, hat sich ihr gemeinsames Spiel merklich verändert, ist viel intensiver geworden. Sie tauchen ab in ihre gemeinsame Fantasiewelt (eine "Paw Patrol"-Welt, wohlgemerkt) und haben vor lauter Rollenspiel eigentlich gar keine Zeit mehr zum Essen, Rausgehen oder Baden. "Mama, wir spielen gerade" – und die Tür des Kinderzimmers fliegt zu. In anderen Familien sieht es ganz anders aus. "Bei uns wird sich nur gezofft", berichten einige Freunde und Kollegen. Was macht diese Zeit also mit Geschwistern?

Geschwister geben Sicherheit

Dr. Alexandra Langmeyer vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) ist dieser Frage nachgegangen. An ihrer Studie "Kind sein in Zeiten von Corona" haben mehr als 20.000 Familien teilgenommen. Sie sagt: "Diese Zeit intensiviert die Bindung von Geschwistern." Vor allem Kindern etwa gleichen Alters, mit einem Unterschied von bis zu vier Jahren, falle die Umstellung auf weniger Außenkontakt leichter. Denn: Wenn die Kita-Gefährten fehlen, würde eben mit den Geschwistern gespielt. Ab einem Alter von etwa zwei Jahren ist der Austausch mit Gleichaltrigen wichtig für die kindliche Entwicklung. "Da können Geschwister einiges auffangen", so Langmeyer.

Kindliche Studienteilnehmer berichteten aus dem ersten Lockdown, dass sie sich nicht nur weniger allein, sondern wegen ihrer Geschwister in der neuen Lebenssituation auch sicherer fühlten. Ob und wie sich das langfristig auf die geschwisterliche Beziehung auswirkt, kann heute noch nicht untersucht werden. "Es deutet aber einiges darauf hin, dass sich die Bindung dadurch festigt", berichtet die Sozialwissenschaftlerin. Und das gilt tatsächlich auch, wenn zu Hause die Fetzen fliegen.

Streit ist kein Unglück

Viele Eltern machen sich Sorgen, dass Streit das Verhältnis von Brüdern und Schwestern langfristig negativ beeinflusst. Langmeyer gibt aber Entwarnung: "Anders als bei Erwachsenen ist Streit unter Kindern völlig normal. So lernen sie, mit Konflikten umzugehen und diese zu lösen." Gefühle wie Enttäuschung und Wut seien für Kinder nicht zwangsläufig negativ, so die Entwicklungsforscherin. "Kinder sind auch glücklich, wenn sie mal streiten." Eltern sollten natürlich ein Auge (oder Ohr) darauf haben, dass die Konflikte nicht ausarten. Vor allem, wenn der Stärkere seine Kraft vielleicht noch nicht richtig einschätzen kann. Aber generell sollten Kinder ihre Differenzen selbst austragen dürfen. "Erst wenn sich der Streit so gar nicht löst, sollten Eltern eingreifen", rät die Sozialwissenschaftlerin. "Dann ist es vorteilhaft, nicht für die Kinder zu entscheiden, sondern möglichst auf Augenhöhe zu vermitteln."

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Die Pandemie-Probleme

Doch ganz abgesehen von Streitigkeiten macht Corona vielen Familien auch ernsthafte(re) Probleme. Laut einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hat fast jeder dritte der im Winter Befragten psychische Auffälligkeiten wie Depressionen oder mentale Erschöpfung. Brisant: Im Zentrum der Untersuchung standen Sieben- bis 17-Jährige. Auch für Familien mit Baby und Kleinkind ist die Pandemie eine besondere Herausforderung. "In dieser Konstellation funktioniert das gemeinsame Spielen noch nicht.

Die Eltern können nur versuchen, ihre Aufmerksamkeit in Phasen von Kita- und Schulschließungen möglichst gut zu verteilen. Zum Beispiel dem älteren Geschwisterkind Alleinezeit zu schenken, wenn der Säugling schläft. Und sich selbst Hilfe zu holen, wenn sie zu erschöpft sind", rät Langmeyer. Einzelkindern sollte der Kontakt zu mindestens einem anderen Kind regelmäßig ermöglicht werden.

"Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass es für die Kinder in dieser Corona-Situation sicher ein Glück ist, wenn sie Geschwister haben. Auch wenn es manchmal Unstimmigkeiten gibt, überwiegt der große Gewinn, Spielpartner zu haben und sich im gemeinsamen Zusammensein weniger alleine zu fühlen", so das Fazit der DJI-Studie. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky hat es so formuliert: "Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides." Wie wahr.

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Unsere Expertin

Dr. Alexandra Langmeyer

... leitet als Sozialwissenschaftlerin die Fachgruppe "Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern" am Deutschen Jugendinstitut. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Familien- und Kindheitsforschung sowie der Entwicklungspsychologie.

Autorin: Merle von Kuczkowski

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