Tipps vom "Mamsterrad"

Wie kann ich Geschwisterzoff am besten schlichten?

Geschwisterstreit kommt vor – mal mehr, mal weniger heftig. Dabei fliegen jedoch nicht nur zwischen den Kindern die Fetzen, sondern auch die elterlichen Nerven in hohem Bogen aus dem Fenster. Unsere Autorinnen, Judith und Imke vom "Mamsterrad"-Podcast, geben Tipps, wie ihr eure Kleinen besänftigt.

Stell dir vor, du hast zwei Kinder und möchtest zur Feier des Tages beiden gerade eine Apfelschorle eingießen. Versehentlich gießt du in einen Becher aber ungefähr einen halben Millimeter mehr Saft ein – nur Eltern können die Tragik hinter dieser Aussage verstehen. Aber: Hättest du dauernd für Gerechtigkeit sorgen wollen, wärst du schließlich Schiedsrichterin geworden! Als die Wogen sich gerade wieder geglättet haben, geht der Streit um den Teller los. Beide Kinder wollen natürlich den gelben Teller haben, schließlich isst es sich von dem nun mal am allerbesten. Du atmest hörbar aus und willst einfach den zweiten gelben Teller aus der Küche holen, um ihn gegen den grünen auszutauschen. Dafür musst du ihn kurz aus dem Geschirrspüler fischen und abspülen … Da hörst du plötzlich wildes Geschrei. Als du zurückkommst, siehst du, was passiert ist. Ein Becher ist umgekippt, sein Inhalt verteilt sich über den gesamten Tisch und tropft inzwischen auch auf den Boden. Es ist irre laut, dabei schimpft ein Kind, das andere weint. Du warst doch nicht mal zwei Minuten weg! Warum müssen die Kinder eigentlich immerzu streiten? Dein Puls schnellt in die Höhe, und du meckerst los.

Kinder dürfen, ja müssen, sich streiten

Der Wunsch danach, gerecht behandelt zu werden, ist menschlich. Doch im Gegensatz zu uns Erwachsenen wissen Kinder noch nicht, dass sich kleine Ungerechtigkeiten, zum Beispiel etwas mehr Saft in dem einen Glas, über die Zeit meistens wieder ausgleichen – sie empfinden es darum als immens wichtig, sich sogar für solche Kleinigkeiten (in unseren Augen) mit ganzer Kraft einzusetzen.

Darüber hinaus haben sie noch keine Strategien entwickelt, mit größeren Ungerechtigkeiten, beispielsweise wenn ein jüngeres Kind eher ins Bett muss als das ältere, umzugehen. Der Streit wirkt auf dich allerdings auf den ersten Blick wahrscheinlich schlimmer, als er sich für deine Kids anfühlt. Kinder, die sich nahestehen, dürfen, nein, müssen sich sogar aneinander reiben – das gilt besonders für Geschwister. So lernen sie das soziale Miteinander und den Umgang mit Auseinandersetzungen.

Spannend ist, dass ein Streit für Kinder meistens genauso schnell wieder verfliegt, wie er gekommen ist: Während wir noch lange daran knabbern, spielen die Kinder längst schon wieder einträchtig weiter. Möglicherweise hat eines deiner Kinder (oder gar beide) den Tag bisher auch ruckelig erlebt, und seine "Bedürfnis-Tanks" für "Gesehen-Werden" oder "Nähe"  wurden noch nicht ausreichend gefüllt. Gerade, wenn eins deiner Kinder generell noch mehr Unterstützung benötigt als das andere, können sich Ungleichgewichte über den Tag anstauen und entladen sich irgendwann im Geschwisterstreit. Der kann dann auch mal sehr heftig ausfallen, obwohl es augenscheinlich vielleicht nur um eine Kleinigkeit geht.

Mutter seid ihr ganz ohne Ausbildung geworden – kein Wunder, dass ihr da manchmal an eure Grenzen geratet und nicht mehr weiterwisst. Da wird plötzlich rumgekeift und dem Kind mit Gute-Nacht-Geschichten-Entzug gedroht – obwohl ihr nie so eine Mutter sein wolltet.

Von "Ich will das nicht anziehen!" über "Mama, noch mehr Schoki!" bis hin zu "Meeeeiiiins!" erklären Judith Möhlenhof und Imke Dohmen in ihrem neuen Buch nicht nur, was hinter diesem Verhalten von Kindern steckt, sondern vor allem auch, warum wir Eltern oft unverhältnismäßig darauf reagieren – und es in Zukunft besser machen können.

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Wer Schuld war, ist gar nicht wichtig

Wenn die eigenen Kinder gefühlt pausenlos streiten, puh, das zehrt an den Nerven. Nicht nur die Lautstärke ist herausfordernd, auch die Themen, um die es bei den Auseinandersetzungen geht, und die Art und Weise, in der unsere kleinen Lieblingsmenschen dabei miteinander umgehen, zerreißt uns manchmal schier das Herz. Die Familie ist einer unserer wertvollsten Schätze, und wir können es nur schwer ertragen, wenn die von uns angestrebte Harmonie zu Hause von Gewitterwolken verdunkelt wird.

Einen Zustand der Uneinigkeit wollen wir schnellstens beseitigen, das vermeintliche Problem der Kinder beheben und mit einer gerechten Lösung den lieben Frieden wiederherstellen. Dabei ist es nicht immer leicht, einen wirklich gerechten Weg auszumachen. Nicht selten nehmen wir dabei gleichzeitig die Rolle des Detektivs, der Polizei und der Richterin ein. Dabei neigen wir dazu, das jüngere Kind in Schutz zu nehmen und das ältere zur Verantwortung zu ziehen. Das passiert übrigens häufig, ohne dass wir Indizien für die "Schuld" haben, einfach, weil wir an das ältere Kind höhere Erwartungen stellen. Dass es im Grunde selbst noch relativ klein ist, übersehen wir dabei manchmal.

Übrigens: Weil viele von uns es aus der eigenen Kindheit so kennen, versuchen wir automatisch, immer jemandem die Schuld zuzuweisen, wenn es Streit gibt. Viel wichtiger wäre doch aber, herauszufinden, warum überhaupt gestritten worden ist. So kann beim nächsten Mal vielleicht frühzeitig gegengesteuert werden. Und sollte "das Kind schon in den Brunnen gefallen" sein, können wir unsere Kleinen während des Konfliktes dabei unterstützen, eigene Lösungsideen zu entwickeln, denn sie müssen erst noch lernen, mit Streitereien, Unzufriedenheiten und Ungerechtigkeiten umzugehen.

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Kinder erst einmal machen lassen

Auch wenn es dir anfangs schwerfällt, mische dich nicht sofort in den Streit ein. Deine Kinder erwarten gar nicht, dass du mit einem Lösungsvorschlag zur Stelle bist. Gib ihnen die Zeit, selbst zu einem Konsens zu finden. Sollte das nicht passieren, warte ab, bis sie auf dich zukommen (Ausnahme: Es wird körperlich, und ein Kind ist dem anderen unterlegen). Versuche dann, beiden unvoreingenommen und neutral zu begegnen: Höre dir zunächst jede Seite an, versuche, dich in die jeweilige Lage hineinzuversetzen, und zeige Verständnis für beide.

Dann geht es darum, mit deinen Kindern gemeinsam eine Einigung zu erzielen – das hat den Vorteil, dass diese von beiden als gerechter empfunden wird als eine von dir vorgegebene. Kinder dabei zu begleiten, eigene und kreative Kompromisse zu erarbeiten, stärkt ihr Selbstvertrauen und ihre Streitkompetenz. Manchmal gibt es auch Tage, die es ordentlich in sich haben. Da merkt man deutlich, dass es für ein oder mehrere Familienmitglieder besonders anstrengend war. Dann hilft nur, sich noch mehr in Nachsicht zu üben und Verständnis für alle (auch sich selbst!) zu zeigen. Lasst Fünfe einfach mal gerade sein! Wichtig ist dann nämlich nur noch, den Tag mit möglichst wenig Druck zu beenden.

Warum Eltern das Drama oft noch größer machen

Zunächst mal: Atme tief durch und wappne dich gegen die Lautstärke. Wichtig ist, dass du auf dich und deine Grenzen achtest, damit du deine Kinder in dieser Situation gelassen begleiten kannst. Dann erinnere dich daran: Du bist nicht grundsätzlich für das Schlichten eines Streits verantwortlich. Je jünger deine Kinder sind, desto intensiver müssen sie in Auseinandersetzungen von dir begleitet werden. Nimm dabei eher die Position eines Coaches als die einer Richterin ein. Je älter sie sind, umso eher darfst du sie aber auch dazu auffordern, den Streit selbst im Kinderzimmer auszutragen.

Der eigene Anspruch, für alles und jeden immer sofort eine Lösung parat zu haben, ist eine Bürde, die wir Mütter uns selbst auferlegen. Es kommt erschwerend hinzu, dass unsere vorgefertigten Lösungen unserer erwachsenen Perspektive entspringen und wir die kindliche Sichtweise dabei oft vernachlässigen. Darum führen unsere Entscheidungen oftmals zu noch größerem Drama, obwohl wir doch eigentlich nur helfen (und Ruhe und Frieden) wollen. Löse dich von deinem Anspruch und vertraue darauf, dass deine Kinder auch eigene Ideen und Kompromisse entwickeln können, wenn ihnen die Möglichkeit dazu gegeben wird. Übe dich auch hier in Geduld. Je öfter deine Kinder eine eigene Lösung erarbeiten dürfen, desto einfacher werden zukünftige Streitigkeiten ohne deine Anstrengungen beigelegt werden.

Unsere Autorinnen

Imke Dohmen und Judith Möhlenhof sind Mütter von insgesamt vier Kindern im Alter von drei bis acht Jahren. Imke ist Mama-Coach und Gründerin von Mutterhelden. Judith schreibt bereits seit zehn Jahren ihren Blog judetta.de.

In ihrem Podcast "In 15 Minuten aus dem Mamsterrad" geben sie regelmäßig Tipps, wie ihr den stressigen Eltern-Alltag mit mehr Leichtigkeit meistern könnt. Mit "Gemeinsam aus dem Mamsterrad"* (16,95 Euro, Junior Medien, z.B. via Amazon) kommt ihr Wissen nun auch in den Buchhandel.

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