Wie Eltern mit Wutausbrüchen umgehen können

Hilfe, mein Kind trotzt

Trotzanfälle sind keine böse Absicht! Eltern, die diese Erkenntnis von Psychologen und Pädagogen kennen, halten den Wutausbruch ihres Kindes im Supermarkt leichter aus. Was sonst noch hilft.

"Motivation verhindert erfolgreich Machtspiele." Das sagt die Psychologin Helga Kernstock-Redl aus Wien. Und nennt als Beispiel einen Dreijährigen, der partout nicht nach Hause laufen, sondern getragen werden will. Statt Endlosdiskussionen rät die Expertin, ein attraktives Ziel vorzuschlagen: "Willst du zu Hause im Innenhof die Kaninchen besuchen?" Und schon rennt der Kleine los... Unsere Expertinnen Helga Kernstock-Redl, Psychologin, Emotions-Coach und Buchautorin in Wien, und Birgit Haubenschild-Löchel, Pädagogin und Leiterin der Familienbildungsstätte München/Bogenhausen geben Tipps, wie Eltern ihrem Kind helfen können.

Warum haben Kinder Trotzanfälle?

Frau Kernstock-Redl: Das ist eine heftige Mischung aus unangenehmen Gefühlen. Einerseits Zorn: Kleinen Kindern gehen da rasch die Worte aus, dann bleiben nur Schlagen und Schreien. Die Tränen sind Zeichen von Trauer, Hilflosigkeit und Verzweiflung. In einem Trotzzustand kämpft ein junger Mensch um etwas für ihn enorm Wichtiges – und trauert gleichzeitig darüber, dass der Kampf (gegen die Eltern) schon verloren ist.
Frau Haubenschild-Löchel: Es gibt nur wenige Auslöser. 1. Ich bekomme nicht, was ich will. 2. Ich kann nicht, was ich will. Oder 3. Etwas ist nicht mehr so, wie es war. Kinder können und müssen solche Situationen viele Male am Tag aushalten, meist bringt dann eine Kleinigkeit das Fass zum Überlaufen.

Kann man als Eltern überhaupt helfen?

Frau Kernstock-Redl: Indem man nicht noch zusätzlich schimpft. Ihr Kind leidet schon genug. Wenn Eltern zeigen, wie "sich beruhigen" geht, wird es dankbar dafür sein, auch wenn es ihm anfangs selbst noch nicht gelingt. Frau Haubenschild-Löchel: War der Auslöser ein Verbot: während des Wutanfalls bei seinem Standpunkt bleiben. Kinder müssen sich auf das Wort der Eltern verlassen können und Wut darf nicht belohnt werden. Lieber danach in entspannter Atmosphäre darüber reden.

Muss man sich Sorgen machen, wenn ein Kind nicht trotzt?

Frau Kernstock-Redl: Nur, wenn es aus Angst nicht wagt zu kämpfen oder zu trauern. Trotzanfallfreie Kinder sind vielleicht nur besonders robust. Oder es sind zufriedene Persönchen, die bekommen, was sie brauchen, und die in kleinen Portionen lernen, Frust auszuhalten.

Was tun, wenn mein Kind mich haut?

Frau Kernstock-Redl: Das Schlagen während des Wutanfalls hat nichts mit Gewalt zu tun. Das Kind will niemanden verletzen, es ist hilflos und baut Spannungen ab. Zeigen Sie ihm, dass man Wut nicht gegen andere richten darf – halten Sie seine Hände fest und wenn es zu heftig wird, gehen Sie auf Abstand und notfalls aus dem Zimmer. Bauen Sie einen Kissenberg auf, in den das Kind hauen darf oder hängen Sie einen Boxsack auf.

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Im Supermarkt haben sie leider keine Wutecke...

Frau Kernstock-Redl: Wir alle kennen Situationen, in denen wütende Erwachsene zornige Kinder anschreien, sie sollen sich endlich beruhigen – und damit zeigen, dass sie das selbst nicht können. In der Öffentlichkeit hilft nur tief durchatmen und versuchen, ein besseres Beispiel zu sein.
Frau Haubenschild-Löchel: Wenn Ablenken oder Beruhigen nichts bringen, setzen Sie sich neben das Kind und warten, bis der Sturm sich legt.

Soweit die Theorie...

Frau Kernstock-Redl: In der Praxis bringen sich Kinder manchmal selbst in Gefahr oder richten in ihrer Verzweiflung Schaden an. Dann muss man sie leider aus der Gefahrenzone tragen. Auch wenn die Situation peinlich ist, sollten Eltern ihr Kind nicht beschämen à la: "Schau mal, wie böse die anderen gucken!" Besser, man sagt: "Es ist okay, dass du zornig bist. Es ist nicht okay, wenn du das kaputt machst." Und zeigen später, wie sich beruhigen geht: Im Akutfall tief durchatmen und danach über das Gefühl oder den Tag reden.

Warum trotzen manche Kinder so heftig und andere kaum? Reagieren die Eltern falsch oder ist das Temperamentssache?

Frau Kernstock-Redl: Das kann beides sein. Aufbrausende Kinder und temperamentvolle Eltern schaukeln sich oft gegenseitig hoch. Je früher Eltern die zunehmende Spannung erkennen, desto besser. Meistens geht es nicht um die Schokolade an der Supermarktkasse, sondern um deren beruhigende Wirkung, weil vorher schon Übermüdung, Hunger, Langeweile oder Angst da sind. Ein Fingerspiel, ein Stückchen Brot, ein freundliches Gesicht, können helfen, dass Trotz nicht ausartet. Wenn es heute nicht klappt, schafft man es vielleicht morgen, die Sache für alle angenehmer zu machen. Das sollte das Ziel sein. In dieser anspruchsvollen Phase ist es unmöglich, immer richtig zu handeln.

Im Kindergarten läuft alles super. Zu Hause gibt es regelmäßig Trotzanfälle. Woran liegt's?

Frau Kernstock-Redl: Gefühle zu zeigen sehe ich grundsätzlich als einen Vertrauensbeweis! Vielleicht zeigen die Ausbrüche nur, dass sich im Lauf des Tages zu viel Anspannung angesammelt hat, oder es kommt dazu, weil etwas fehlt: klare Regeln, eine entspannte, aufmerksame Atmosphäre zum Beispiel. Danach könnte man suchen...

Wie lange dauert diese Phase denn?

Frau Kernstock-Redl: Mit eineinhalb Jahren fängt es meist an, mit vier Jahren ist das Schlimmste überstanden. In dieser wichtigen Entwicklungsphase erkennen Kinder Grenzen, verstehen und verhandeln Regeln und entdecken eigene Bedürfnisse. Von ihrer Gehirnentwicklung her können sie die Welt noch nicht durch die Augen anderer sehen. Die große Hürde ist dann geschafft, wenn Kinder Strategien gelernt haben, sich selbst zu beruhigen oder sich zu holen, was sie brauchen (nicht das x-te Spielzeug, sondern z. B. Aufmerksamkeit, Nähe, Sicherheit, Schlaf …). Dann ist die Trotzphase sinnvoll und gut überstanden. 

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