Tabuthema Tod

Soll mein Kind mit zur Beerdigung?

Viele Eltern sind unsicher: Ist eine Trauerfeier eine zu bedrückende Erfahrung? Oder ein hilfreiches Abschiedsritual? Ein kleines Plädoyer für einen offeneren Umgang mit dem Tod.

"Mama, was passiert bei einer Beerdigung?" Wow, darauf bin ich schlecht vorbereitet. Ich druckse rum, vermeide Begriffe wie "verbrennen" oder "verbuddeln". Hinterher ist mein Sohn kein Stück schlauer, und ich fühle mich sogar dümmer als zuvor. Ich bin das Gegenteil von der "Sendung mit der Maus". 

"Bei Uropa Arthur war es ganz schön", sage ich schließlich. "Alle konnten sich in Ruhe von ihm verabschieden." Nun starren mich zwei aufgerissene Augen an: "ICH habe mich nicht verabschiedet!", bringt mein Sohn entsetzt hervor. "Warum war ich nicht dabei?"

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Ab wann kann man ein Kind mit zur Beerdigung nehmen?

Natürlich hatten wir uns Gedanken gemacht: Ist eine Beerdigung das Richtige für einen (damals) Fünfjährigen? Kerstin Scherer arbeitet in der Trauerbegleitung. Die zweifache Mutter empfiehlt: "Anstatt es kategorisch auszuschließen, sollten Eltern mit ihren Kindern besprechen, ob sie mit auf eine Beerdigung wollen oder nicht." Ein solches Gespräch hat es zwischen mir und meinem Sohn nie gegeben. Heute weiß ich: Er wäre gern dabei gewesen.

Dr. Julian Heigel ist Bestatter in Berlin. Er rät sogar dazu, Kinder mit zur Beerdigung zu nehmen – ohne Altersbeschränkung: "Auch wenn wir es uns wünschen: Wir können Kinder nicht vor einer Verlusterfahrung schützen. Das Fernhalten macht den Umgang mit dem Verlust dagegen nur schlimmer."

Denn wenn Kinder nicht selbst erleben, was bei dem Abschied eines Verstorbenen geschieht, füllt die Fantasie diese Wissenslücke aus: "Als Kind frage ich: Wie schlimm muss es sein, wenn meine Eltern meinen, ich halte es nicht aus?", erklärt Dr. Julian Heigel. "Das Kopfkino von schrecklich aussehenden Toten oder Beerdigungen ist dann viel schlimmer als die Realität." Und die Kinder versäumen auch den zugehörigen Leichenschmaus: "Dabei sprechen Menschen miteinander, sie lachen und erzählen viele Geschichten über den Verschiedenen. Dieses Verhalten zeigt Kindern, dass das Leben trotz des Abschieds weitergeht", betont Kerstin Scherer. Für die Trauerfeier selbst sei es wichtig, dass die Kinder eine betreuende Person vor Ort haben, die für sie ansprechbar ist und eventuell mit ihnen rausgeht, erklärt Bestatter Dr. Julian Heigel.

Erste Antworten – neue Fragen 

Die Teilnahme an der Beerdigung beantwortet viele Fragen – doch sie wirft auch neue auf. Wer den Sarg von außen sieht, will vermutlich wissen, wie es im Inneren aussieht. Kerstin Scherer rät auch hier zum offenen Gespräch: "Über den Körper im Sarg zu sprechen kann etwas sehr Schönes sein, denn die Person ist gewaschen und hat ihre Lieblingskleidung angezogen bekommen", erklärt die Trauerbegleiterin. 

Und wenn explizite Nachfragen kommen? Zum Beispiel nach Würmern, die den Körper zersetzen? "Diese Fragen gilt es korrekt zu beantworten", empfiehlt Kerstin Scherer. "Denn alles, was man zu beschönigen oder zu umgehen versucht, suggeriert dem Kind, dass es sich um einen unnatürlichen Prozess handelt."

"Oma fühlt keine Schmerzen mehr"

Auch Dr. Julian Heigel empfiehlt, stets bei der Wahrheit zu bleiben – und bei konkreten Formulierungen: "Kinder neigen dazu, Metaphern wörtlich zu nehmen, deshalb rate ich von wolkigen Umschreibungen ab. Ich versuche es möglichst klar zu sagen: 'Die Oma ist gestorben, ihr Körper funktioniert nicht mehr. Ihr Körper wird in die Erde gelegt oder im Feuer verbrannt. Aber das tut ihr nicht mehr weh, denn sie fühlt keine Schmerzen mehr.'"

Das will auch ich künftig besser machen. Und eines ist sicher: Die nächste Beerdigung, die hoffentlich noch lange auf sich warten lässt, besuchen wir gemeinsam mit unseren Kindern – sofern sie es dann möchten.

Unsere Experten:

Kerstin Scherer arbeitet seit über 20 Jahren mit Menschen und begleitet sie in unterschiedlichsten Situationen. Ihre Learnings teilt die zweifache Mutter unter anderem in ihrem Podcast "Gib Dich ganz" und in ihrer Talksendung "Scherer Daily". Mehr Informationen unter kerstinscherer.com.

Dr. Julian Heigel bietet selbstbestimmte Bestattungen in Berlin an. Verschiedene Möglichkeiten, Kinder in die Gestaltung einer Trauerfeier aktiv einzubinden und ihnen sinnvolle Abschiedsrituale zu ermöglichen, stellt er auf thanatos-berlin.de vor.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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