Zum Spielen und Lernen

Kinder brauchen Kinder

Im Alter von etwa drei Jahren machen unsere Kleinen einen Entwicklungsschritt, der ihnen eine neue Welt eröffnet: die Welt der Kinder! Nun lernen sie, gemeinsam zu spielen, Freundschaft zu schließen und voneinander zu lernen. Kinder brauchen Kinder – aber nicht uneingeschränkt. Was Eltern darüber wissen sollten, lest ihr hier.

Wenn aus einem Kleinkind ein kleines Kind wird, macht seine emotionale Entwicklung einen Sprung, der ihm eine lustige, interessante und auch herausfordernde Welt eröffnet: die Welt der Kinder. "Ab einem Alter von drei bis vier Jahren, dem traditionellen Kindergartenalter, verlangen Kinder nach anderen Kindern", erklärt Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Gisela Geist. "Das kann je nach Persönlichkeitsstruktur etwas früher oder später, mehr oder weniger ausgeprägt sein. Die sensiblen Kinder sind eher zurückhaltend bis ängstlich anderen gegenüber. Die robusteren Jungs und Mädchen zeigen meist mehr Interesse an anderen Kindern."

Gisela Geist arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit Eltern, Kindern und Jugendlichen. Dadurch konnte sie in viele Entwicklungsphasen umfassenden Einblick gewinnen.

Ab wann Kinder andere Kinder brauchen

"Kinder unter drei Jahren sind noch in der Phase der Identitätsentwicklung – der ersten und grundlegenden Selbstfindung. Sie sind dabei von Natur aus noch ganz auf ihre eigenen Empfindungen und Vorstellungen fixiert. Daher sind sie – sozusagen – noch ganz egoistisch", beschreibt Gisela Geist die ersten Lebensjahre.

"Die Kleinen haben noch kein Einfühlungsvermögen und verstehen nicht, was es in einem anderen Kind auslöst, wenn sie es schubsen, ihm ein Spielzeug aus der Hand reißen oder an den Haaren ziehen. Daher ist noch kein echtes soziales Miteinander oder Spielen möglich. Im Krippenalter können Kinder keine Sozialkompetenz voneinander lernen – dafür brauchen sie Erwachsene, von denen sie sich verstanden und geliebt fühlen und die sie dabei begleiten, wenn sie sich selbst und die Welt kennenlernen", erläutert die Entwicklungspsychologin.

Experten-Bild

Gisela Geist ist analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin. Sie hat eine eigene Praxis in Stuttgart und 30 Jahre Berufserfahrung zum Thema Entwicklungspsychologie. Sie hat zwei Kinder und sechs Enkel, die sie aktiv mitbetreut. Ihre Website: gute-erste-kinderjahre.de

Erst, wenn die Kleinkinder Sicherheit und Zuwendung durch verlässliche Bezugspersonen wie die Eltern erfahren und so ein gesundes Selbst- und Selbstwert-Gefühl aufgebaut haben, sind sie bereit für die nächste Stufe der Autonomieentwicklung. "Mit etwa drei bis vier Jahren entwickeln Kinder Einfühlungsvermögen und Kooperationsbereitschaft – vorausgesetzt, mit ihnen wurde bis dahin entsprechend verständnisvoll umgegangen. Sie kommen ins sogenannte Spielalter, in dem eigenständige Beziehungen zu anderen Kindern immer wichtiger werden", erklärt Gisela Geist und führt die Vorteile aus: "Dann profitieren Kinder von anderen Kindern: Sie regen sich gegenseitig in ihren Fantasiewelten an. Dort verarbeiten sie Erfahrungen, finden kreative Lösungen und entdecken gemeinsam Neues. Ihre Frustrationstoleranz und die Sozialkompetenz können gestärkt werden. Sie lernen, aufeinander einzugehen und kleine Konflikte auszutragen."

Im Alter ab drei Jahren beginnen Kinder auch erste Freundschaften zu schließen. Sympathien könnten sich schon früher zeigen, so unsere Expertin.

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Von älteren Kindern lernen: Rollenspiel, Selbstständigkeit, Hilfsbereitschaft

Kinder ahmen nicht nur Erwachsene nach, sondern besonders gerne auch andere Kinder. "Das kann von Vorteil sein, zum Beispiel bei Bewegungs- oder Rollenspielen, beim Basteln, sich selbstständig Anziehen und ähnlichen Tätigkeiten", sagt Gisela Geist. "Von den Älteren können die Kleinen vieles lernen, auch was ein reiferes soziales Verhalten wie Hilfsbereitschaft und Kooperationsbereitschaft angeht." Neben den sozialen Verhaltensweisen würden sie sich aber auch aggressives und rücksichtsloses Verhalten von den älteren Kindern abschauen können, so die Therapeutin.

In der Entwicklungspsychologie wird für Drei- bis Sechsjährige eine Zeit von maximal fünf Stunden täglich im Kindergarten empfohlen. Bestenfalls mit anschließend viel freier Zeit zu Hause. "Kinder sind nur förderlich füreinander, wenn sie die Situation nicht überfordert. Das wäre der Fall, wenn sie zu lange oder zu viel mit emotional belasteten Kindern zusammen sind. Oder auch zu wenig Unterstützung von Erwachsenen bekommen: Auch Kindergartenkinder brauchen liebevolle emotionale Unterstützung von vertrauten Bezugspersonen", so die Therapeutin.

Das gilt für unter Dreijährige noch mehr, denn je kleiner das Kind, desto weniger kann es Wahrnehmungen kanalisieren oder filtern und ist daher besonders empfänglich für alle Eindrücke, Stimmungen und Emotionen im Umfeld. Und mit anderen Kindern ist immer viel los: Es ist laut, unruhig, es wird geschrien, gelacht, geweint … Das kann bei Kindern zu Reizüberflutung führen. "Deshalb ist besonders für die Kleinen die Zeit mit mehreren anderen Kindern je nach Stärke der Eindrücke zeitlich einzuschränken", meint Gisela Geist. Spieltreffs oder Kurse wie Pekip seien dem Entwicklungsstand der Kleinkinder angemessen, da ihre wichtigste Bindungsperson als Rückhalt bei ihnen bliebe.

Gisela Geist: "Das Motto 'Kinder brauchen Kinder' gilt bei den ganz Kleinen noch nicht; unter Dreijährige brauchen keine anderen Kinder für eine gesunde Entwicklung."

Kinder brauchen feste Bezugspersonen

Gisela Geist setzt sich mit der "Arbeitsgruppe Frühbetreuung in der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten Deutschland e. V." dafür ein, dass Kinder einfühlsame und vertraute Bezugspersonen bekommen – auch in der Betreuung. Deshalb müsse der Fachkräftemangel in Krippen und Kitas, die Arbeitsbelastung und der Krankenstand bei Erziehern von der Politik aktiv angegangen werden.

"Stand jetzt ist es selbst engagierten ErzieherInnen mit viel Einfühlungsvermögen neben der notwendigen Pflege schlicht unmöglich, jedem der Kleinen die Zuwendung und körperliche Nähe zu geben, die es von einer erwachsenen Bindungsperson braucht", sagt Gisela Geist. Unter dadurch hervorgerufenem Stress sei eine optimale kindliche Entwicklung nicht möglich. Die Gruppe schlägt unter anderem vor, ein Eltern-Grundgehalt einzuführen und die Rahmenbedingungen der Betreuungseinrichtungen mehr an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen. Mehr unter fruehbetreuung.de.

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