Interview zum kindgerechten Medienkonsum

"Ihr habt es selbst in der Hand, ob eure Kinder schlau werden oder verdummen"

Mehr Medienzeit im Lockdown – wie schädlich ist das wirklich? Christian Bahrmann gestaltet seit zwölf Jahren das Fernsehen für die Allerkleinsten. Wir haben mit dem "Kikaninchen"-Moderator über die digitale Fürsorgepflicht der Eltern, über das "Parken" der Kinder vorm TV und über Corona-bedingte Ausnahmeregeln gesprochen.

Leben & erziehen: Herr Bahrmann, in den 80ern und 90ern gehörte die Sesamstraße zur Abendroutine. Vorher natürlich Zähneputzen – und spätestens nach dem Sandmännchen ging es ab ins Bett. Funktionieren solche TV-gebundenen Rituale heute noch?

Christian Bahrmann: Rituale und Strukturen sind das A und O im Familienalltag. Sie geben den Kindern Halt in einer sich ständig verändernden Welt. Und damit meine ich die vielen kleinen Veränderungen, die Kinder jeden Tag erleben und meistern. Solange Rituale nicht in Stress ausarten, helfen sie. Aber das Abendessen schnell abzufertigen, um das Sandmännchen pünktlich zu schaffen, gehört ins letzte Jahrtausend. Das hat schon mit Timeshift (zeitversetztes Fernsehen, Anm. d. Red.) aufgehört.

Als wir Kinder waren, dominierte das lineare Fernsehen: Es wurde geguckt, was gerade kommt. Heute haben Eltern durch Netflix, Youtube, Mediatheken & Co. eine gewaltige Auswahl an Bildschirm-Angeboten, und das zu jeder Uhrzeit. Ist das pädagogisch gesehen besser, weil man individuell entscheiden kann, was das Kind wann schauen darf?

Die Auswahl ist größer, besser und vielfältiger geworden, das stimmt. Aber die Auswahl müssen immer noch wir Eltern für unsere Kinder treffen. Wer sich also mit den Inhalten beschäftigt, kann davon profitieren.

Dann reden wir über Inhalte: Von einer guten Sendung für Kinder erwarten Eltern Verlässlichkeit und keine großen (gruseligen) Überraschungen. Woran erkennt man, ob eine Sendung oder Serie diesen Anspruch erfüllt?

Mitschauen – oder zumindest wissen, was läuft. Natürlich kann ich beim KiKA mehr Schutz fürs Kind erwarten als bei Youtube & Co. Aber Altersempfehlungen haben auch hier einen Sinn, der sich offensichtlich vielen unbesorgten Eltern nicht erschließt.

Kinder nehmen die Charaktere vom Bildschirm oft noch gedanklich (oder haptisch als Spielzeug) mit ins Kinderzimmer. Sie spielen das Gesehene nach und denken sich weitere, ganze neue Geschichten aus mit den Figuren, die sie aus dem Fernsehen kennen. Welchen Effekt hat es aus Ihrer Sicht, wenn Kinder in diesen Fantasiewelten leben und spielen? Wäre es besser, wenn sie sich reale Szenarien auszudenken?

Nein, Fantasie ist doch etwas Wundervolles. Wir müssen den Kindern nur helfen, das fantastische Erlebte ins echte Leben einzuordnen. Fabeln und Märchen, die Vorgänger der medialen Unterhaltung von heute, hatten auch alle die Aufgabe, durch Fantasie zu lehren.

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Egal wie lehrreich und pädagogisch wertvoll eine Sendung ist: Fernsehen wird meistens als schädlich verschrien. Was ist dran an dem Vorurteil? Kann eine wirklich gute und gut gemachte TV-Sendung nicht auch einen fördernden Effekt haben?

Das Fernsehen ist nicht schädlich, es ist der unvorsichtige Umgang damit. Ein guter Spruch sagt: "Den Dummen macht das Fernsehen dümmer, aber den Schlauen macht es schlauer." Übersetzt für uns Eltern: Wir müssen schlau für unsere Kinder sein und die Reize des Fernsehens gezielt setzen.

Darf ich mit so einer gezielt ausgewählten Sendung meine Kinder auch einfach mal vor dem TV "parken", ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen?

Nein! Kurze, aber schmerzvolle Antwort. Und wenn trotzdem geparkt werden muss, dann mit pädagogisch wertvollen Angeboten.

Woran erkenne ich die?

Sie müssen zuallererst altersgerecht sein. Edukativ ist toll, fantasievoll ist gut. Wenn es die Kinder anregt, kreativ zu werden, ist es perfekt. Wenn wir wollen, dass Kinder aus dem Gesehenen etwas lernen, müssen wir sie eben dieses auch verarbeiten lassen.

L&e: Wie kann das gelingen?

C.B.: Indem man sie nicht drei Sendungen schauen lässt – sondern nur eine. Und dann gemeinsam darüber sprechen, etwas dazu malen oder basteln oder es nachspielen. Dann regt das Fernsehen etwas Gutes im Kopf der Kinder an.

Gerade in Phasen von Lockdown und Kontaktbeschränkungen ist das für viele berufstätige Eltern sicher nicht immer umzusetzen.

Natürlich ist der Lockdown eine Ausnahmesituation. Aber auch nur dann, wenn die Kinder danach wieder normalen Medien-Konsum erleben und dann nicht in gelernten Mengen weiterschauen. Dann lassen wir zu, dass die Lockdown-Monate schlimmere Folgen für sie haben können, als wir es je erahnen konnten. Wir Eltern haben eine digitale Fürsorgepflicht!

Experten-Bild

Unser Experte

Christian Bahrmann

... ist Vater dreier Kinder, Moderator, Schauspieler und das Gesicht der Sendung "Kikaninchen" im Kinderkanal vom ARD und ZDF. Genau wie das beliebte blaue Kaninchen ist auch er seit dem Start der Sendung vor zwölf Jahren von Anfang an dabei.

Was ist denn "normaler Medien-Konsum"? Vor Corona wurde von Experten oft ein Maximum von 15 Minuten Bildschirmzeit für Kleinkinder empfohlen. Bekanntermaßen ist die Bildschirmzeit in der Pandemie enorm hochgegangen. Und nun liest man immer wieder, dass das so schlimm ja auch gar nicht sei. Was stimmt denn nun?

Wie gesagt: "Den Dummen macht es dümmer." Youtube für Kinder ohne Altersbeschränkung ist ein No-Go. Da gibt es so viel Schrott, das ist unglaublich. Viele Selbstdarsteller und Verdummer versuchen Kinder einzufangen, um schamlos Werbezeiten zu generieren. Und nicht falsch verstehen, auch bei Youtube gibt es natürlich viele tolle Sachen zu entdecken und zu lernen ...

... mit denen unsere Kinder sich aber auch nur in Maßen beschäftigen sollten?

Je eher wir den Kindern Alternativen der Beschäftigung beibringen, desto eher lernen sie, sich selbst mit echten Dingen zu beschäftigen. Wenn natürlich Mama und Papa den ganzen Tag selbst auf Bildschirme starren, dürfen Sie von ihren Kindern nichts anderes erwarten. Die Kinder machen uns alles nach.

Welche Botschaft möchten Sie den Eltern, die dieses Interview lesen, in Bezug auf die Medienerziehung ihrer Kinder mitgeben?

Ihr habt es selbst in der Hand – sprichwörtlich mit Handy und Fernbedienung –, den Medienkonsum zu steuern und frühzeitig zu entscheiden, ob eure Kinder schlau werden oder verdummen. Klingt hart, ist aber so! Diese Verantwortung kann das Fernsehen euch nicht abnehmen.

L&e: Vielen Dank für das Gespräch – und die klaren Worte.

Zum Weiterhören

Fernseher aus, Musik an: Zusammen mit Co-Moderatorin Anni und dem Kikaninchen höchstpersönlich hat Christian den "Kikaninchen Party Mix!" veröffentlicht: ein Remix-Album für Kinder und Erwachsene mit den beliebten Songs der Kinderstars – von "Rumpelstilzchen-Twist" bis "Monsterparty". Ca. 7 Euro, über Amazon.de*

 

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Autorin: Silke Schröckert

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