Pssst – nicht weitersagen!

Wenn Kinder Geheimnisse haben ...

Schon für kleine Kinder sind Geheimnisse richtig wichtig: Sie leiten das Lernen von Sozialverhalten – und sind ein tolles Mittel, um sich von den Eltern abzugrenzen. Aber: Geheimnisse können auch Warnzeichen sein, wenn sie ernste Probleme verbergen.

"Das ist unser Versteck – das zeigen wir keinem!" Wenn Juliana Besuch von ihrer Freundin Nele bekommt, die mit ihr täglich im Garten oder vor dem Haus spielt und mit der sie auch in derselben Kita ist, verziehen sich die beiden bei gutem Wetter in ihr Geheimversteck, gut sichtgeschützt unter einem großen Rhododendron im hinteren Teil vom Garten. Was sie da so besprechen, sollen die Großen nicht hören, finden die vierjährigen Mädchen – und zeigen damit ein altersgemäßes Verhalten. Gerade in der ersten Kita-Zeit, spätestens im Vorschulalter werden Geheimnisse plötzlich zu einer besonders wichtigen Sache. "Voraussetzung ist die Fähigkeit, Dinge für sich behalten zu können", sagt der Sozialpädagoge Sascha Neumann, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen: "Geheimnisse zu haben und zu hüten hat auch etwas mit dem Bedürfnis nach Privatheit zu tun. Das ist vor dem Grundschulalter noch nicht so ausgeprägt, nimmt aber zu, wenn die Kinder in die Schule kommen."

Geheimnisse fördern die Freundschaft

Es ist ein wichtiger Schritt zur eigenen Identität. Angefangen damit, dass die Eltern nicht alles erfahren müssen ... Bald aber kommen andere soziale Zusammenhänge dazu, in denen Kindern Geheimnisse wichtig werden: In der Kita erfahren die Kinder bewusst die Grenze zwischen dem Ich und den Motiven der anderen. In der Grundschulzeit wird das Geheimnis zunehmend auch um die soziale Dimension erweitert. Wer darf eine bestimmte Sache wissen, wer darf das auf keinen Fall? Solche Fragen beschäftigen die Kinder mehr und mehr, denn Geheimnisse dienen dazu, Freundschaften zu schließen und zu erhalten, wie Psychologie-Professorin Dr. Hanna Christiansen von der Uni Marburg sagt: "Zu Freundschaften gehört auch, dass man exklusives Wissen teilt. Das schweißt zusammen, das fördert eine intensive Beziehung. Das kann in der Tat auch dazu führen, dass andere ausgeschlossen werden – aber auch das gehört zum sozialen Austarieren." Christiansen, ausgebildete Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, erklärt weiter: "Kinder lernen zu unterscheiden – was sind Dinge, die ich für mich behalten sollte, was kann ich weitererzählen? Das ist ein wichtiger Baustein zur Moralentwicklung, den sie lernen müssen, und das tun sie in den sozialen Beziehungen mit anderen."

Soziale Abgrenzung kollidiert mit offenem Austausch

In der Tat: Kinder üben in dieser Zeit ja erst noch, wie Beziehungen funktionieren. Sascha Neumann: "Dass ich eine innere Verbundenheit mit einer Gruppe empfinde, hat als Kehrseite, dass man sich nach außen abgrenzt. Aber es ist für die Kinder auch enorm wichtig, in einem so hochgradig kontrollierten sozialen Raum wie der Schule andere zu finden, zu denen man Vertrauen fasst und mit denen man sich offen austauschen kann."

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Die Lernkurve, schlechte Geheimnisse preiszugeben

So wie Juliana und Nele. Julianas Mutter Susanne hat übrigens längst herausbekommen, wo das Versteck ist – und lässt den beiden Mädchen ganz bewusst diesen Freiraum. Nicht zuletzt seit dem "Wäschekorb-Vorfall" ist sie sich sicher, dass Juliana zu ihr kommen würde, wenn es etwas Schwerwiegendes gäbe, das sie bedrückt. Der fragliche Wäschekorb war eines Nachmittags, wie Juliana es nannte, "plötzlich kaputt". Erst nach längerem Nachfragen konnte Susanne herausbekommen, dass der Korb Julianas Versuch, mit ihm als Schlitten die Treppe herunterzurutschen, nicht heil überstanden hatte ... Dass ihr Experiment gefährlich war, sah Juliana ein – und auch, dass sie ihrer Mutter auch Sachen beichten kann, die ihr unangenehm sind.

Für Sascha Neumann ist das genau die richtige Art, mit solchen "peinlichen" Geheimnissen umzugehen: "Wichtig ist, dass man nicht nachbohrt, nicht bedrängt und das Ganze auch nicht vorschnell mit einer negativen Bewertung belegt – das führt zu Verweigerungsverhalten. Unterm Strich lernen die Kinder dann nur, es ist nicht gut, das den Eltern zu erzählen. Erst recht, wenn Eltern mit Strafe drohen: Das führt eben nicht zu dem Ziel, dass man offen darüber sprechen kann." Es ist die "große elterliche Aufgabe", wie Hanna Christiansen sagt, "dass man den Kindern vermittelt: Du kannst mir alles erzählen, was dich belastet – wir finden gemeinsam eine Lösung! Das ist eine gute Vertrauensbasis, die auch bei gravierenden Dingen wie Mobbing oder sexualisierter Gewalt trägt."

Heimlichkeit ist okay – dies gilt aber nicht ewig

Aber auch bei harmlosen Geheimnissen ist Vertrauen entscheidend, etwa wenn Kinder überlegen, wen sie einweihen wollen – und auch solche Erwägungen sind anzustellen. Das sei ein wichtiger Entwicklungsschritt, so Sascha Neumann: "Junge Kinder behalten Geheimnisse zunächst ganz für sich und machen erst später die Erfahrung, dass man sie auch weitergeben kann." Das haben auch Juliana und Nele ganz intuitiv begriffen. Ihre neue Kita-Freundin Emma, die sie beide gleich nett fanden, durfte vor Kurzem zum ersten Mal mit ins Geheimversteck, und nun sitzen sie öfter zu dritt unter dem Rhododendron. Aber bitte nicht weitersagen ...!

Autor: Rolf von der Reith

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