Missbrauchsdebatte

Dürfen wir unsere Kinder überhaupt noch nackt herumlaufen lassen?

Ob Strand oder Garten: Kaum ein Kind planscht und spielt mehr ohne Badehöschen. Dabei ist Nacktsein das Größte für die Kleinen – und wichtig für die Entwicklung eines guten Körpergefühls. Experten verraten, wie wir mit unserer Unsicherheit umgehen und einen geschützten Rahmen für die Nackedeis schaffen können.

Mit den Nachbarskindern über den Rasensprinkler hechten. Den mit Sand panierten Po. Die warme Haut von Mama, wenn wir aus dem Wasser kommen und uns mit blauen Lippen auf ihren Bauch legen. Wir alle erinnern uns an Sommertage, an denen wir oft pudelnackt tobten und höchstens auf dem Weg zum Kiosk was überzogen. Heute herrscht ein anderes Bild: Schon Kleinkinder tragen Bikini und Badehose – und zwar nicht nur, weil das süß aussieht oder die neue Elterngeneration prüder ist.

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Unsere Expertin

Christa Wanzeck-Sielert ist Diplom-Pädagogin, Supervisorin sowie Autorin zu Themen der kindlichen Sexualität, sexueller Bildung und sexueller Gewalt.

Zu viele Missbrauchsfälle

"Die Missbrauchsdebatte und die Angst, dass Pädophile Fotos machen könnten, besorgt viele Eltern zutiefst", sagt Diplom-Pädagogin Christa Wanzeck-Sielert, die sich seit Jahrzehnten mit kindlicher Sexualität und Gewaltprävention beschäftigt. Die Folge: Eltern sind teils sogar unsicher, wie viel Nacktheit und Nähe zu Hause noch in Ordnung ist. Aus dem verständlichen Bedürfnis, das eigene Kind zu schützen, sei teilweise eine Übervorsicht entstanden. "Das ist schade, damit nehmen wir den Kleinen eine wichtige Sinneserfahrung und die Möglichkeit, ein gutes Körpergefühl zu entwickeln", so die Expertin.

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Unser Experte

Michael Hummert ist Diplom-Pädagoge und Dozent am Institut für Sexualpädagogik. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Elternarbeit zum Thema kindliche Sexualität sowie die Prävention sexueller Gewalt.

Nacktsein ist wichtig für eine gute Körperwahrnehmung – und als Prävention

Denn Nacktsein und Körperidentität hängen eng zusammen. Wer seinen Körper von Klein auf entdecken, anfassen und fühlen darf, entwickelt der Pädagogin zufolge ein gesundes Selbstwertgefühl und eine positive Einstellung zum eigenen Körper. Und genau das mache Mädchen und Jungs stark, sagt Michael Hummert, Dozent am Institut für Sexualpädagogik: "Ein Kind, das früh lernt, über seinen Körper zu bestimmen und sich in ihm beheimatet fühlt, holt sich Hilfe, wenn etwas passiert, was es nicht will." Seien die eigenen Genitalien hingegen von Klein auf ein Tabuthema, könne es sich weniger gut schützen. "Denn das Kind hat ja gelernt, dass der Schambereich etwas Verbotenes ist, über das man nicht spricht."

Kinder dürfen nackt sein – im geschützten Rahmen

Darum ermuntern beide die Eltern, ihren Knirpsen mehr Nacktheit zu gönnen. In den eigenen vier Wänden, im Garten, am See: Im geschützten Rahmen, wo Eltern die Kinder gut im Blick haben und eingreifen können, sei es toll, wenn sie diese Freiheit und Unbeschwertheit hätten. Positiver Nebeneffekt bei Windelkindern: Sie werden schneller trocken, wenn sie öfter nackt sind.

Dass man nicht überall splitterfasernackt durch die Gegend springen kann, sei dem Nachwuchs dabei gut zu vermitteln. "Kinder verstehen ja auch, warum wir mit einem Ball nicht im Wohnzimmer spielen", so Michael Hummert. Entscheidend sei, beim Kind nicht den Eindruck zu erwecken, Penis und Vulva gehören grundsätzlich versteckt. "Sonst denkt es, hier stimmt was nicht und alles, was unten rum ist, sei nicht in Ordnung oder schmutzig", betont Christa Wanzeck-Sielert. 

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Schon Wickelkinder öfter mal nackt strampeln lassen

Um bedacht und entspannt zu handeln, sollten Eltern gemeinsam reflektieren, wie sie selbst mit Nacktheit und Körperlichkeit umgehen. Welche Tabus der eigenen Kindheit waren hilfreich? Hätte ich mir lockerere oder aber weniger freie Eltern gewünscht? Wer sich dessen bewusst sei, könne sein Verhalten bei der Erziehung der eigenen Kids anpassen, erklärt der Sexualpädagoge.

"Umso offener und natürlicher unsere eigene Haltung ist, umso besser", findet Christa Wanzeck-Sielert. Denn Kinder haben gute Antennen. "Sie nehmen schon als Kleinkind wahr, ob sie stets ruck, zuck ein neue Windel bekommen, oder ob sie noch in Ruhe nackt strampeln dürfen." Eltern sollten ihren Kindern diese sinnlichen Körpererfahrungen ermöglichen – dazu gehöre ein gemeinsames Schaumbad mit Mama oder Papa genauso wie das nackte Matschen im Sandkasten.

Ein natürliches Schamgefühl kommt von selbst

Natürliches Schamgefühl entwickeln Kinder übrigens ganz von selbst ab dem fünften Geburtstag. "Dann geht die Toilettentür zu oder sie verlangen eine Badehose – das gilt es zu respektieren", betont Michael Hummert. Andererseits müssten auch Eltern ihre eigene Schamgrenze nicht verlegen und im Adamskostüm durch die Wohnung toben oder allzu detaillierte Körpererkundungsspiele der neugierigen Knirpse erdulden. "Man kann freundlich angeben, was man nicht möchte – ohne dass sich das Kind zurückgestoßen fühlt", erklärt er. Denn auch so lernen sie Selbstbestimmung.

Soziale Medien und Co.: So gehen Eltern verantwortungsvoll mit Kinderfotos um

Ein Foto vom knuffigen Babyspeck, das Video vom Planschspaß im Garten: Viele Szenen möchten wir sofort mit Familie und Freunden teilen. Absolut nachvollziehbar, aber riskant, warnt Dana Mundt von der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. "In digitalen Medien verbreiten sich Bilder und Videos sehr schnell und sind unter Umständen auch nicht mehr zu löschen." Wer Fotos seiner Kinder auf Instagram oder Facebook hochlade, müsse nicht nur damit rechnen, das diese im Netz schwirren, sondern es gäbe auch Täter, die gezielt nach solchen Bildern suchen und für sexualisierte Kontexte missbräuchlich verwenden würden. "Ich empfehle daher, keine Fotos vom Kind in einer für es intimen Situation und mit zu viel nackter Haut zu veröffentlichen." Zudem rät Dana Mundt Eltern, bei Profilbildern achtsam zu sein. "Bei WhatsApp, Signal, Telegram und Co. können sie oftmals von sehr vielen eingesehen werden. Hier sollte der Nutzerkreis eingegrenzt und das Kind nicht direkt erkennbar sein. Wichtig sei es, die Privatsphären- und Sicherheitseinstellungen in sozialen Medien regelmäßig zu überprüfen. Und auch für die Speicherung hat die Sozialpädagogin einen Tipp: Im Idealfall sollten die Bilder auf einer Festplatte und nicht in der Cloud gesichert werden. Mehr Tipps unter: eltern.bke-beratung.de

Autorin: Ruth van Doornik

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