Jedes Kind ist einzigartig

Hört auf, eure Kinder zu vergleichen!

Die meisten von uns tun es ganz automatisch: Wir schauen uns an, was unsere Kinder können – und vergleichen sie mit Gleichaltrigen. Wir haben zusammengefasst, warum es gesünder ist, das sein zu lassen.

Locker bleiben – auch wenn die anderen Kinder im Freundeskreis phasenweise weiter zu sein scheinen als eure eigenen. Das macht nichts!
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Locker bleiben – auch wenn die anderen Kinder im Freundeskreis phasenweise weiter zu sein scheinen als eure eigenen. Das macht nichts!

"Also, Joschua kann sich mit seinen vier Monaten ja längst in alle Richtungen drehen!" "Meine Mira ist auch eine ganz Frühe, sie ist erst neun Monate alt, aber fängt schon an zu laufen!" "Karl ist gerade zwei Monate und wächst fast schon aus Größe 68 raus!" All das sind Sätze, die ihr auf die ein oder andere Weise sicher auch schon mal gehört habt. 

Gerade wir Mütter sind in vielen Situationen Vergleichen ausgesetzt. Auf dem Spielplatz, im Rückbildungskurs, im Freundeskreis. Einerseits freuen wir uns, anderen über Freud und Leid des Mamaseins berichten zu können – andererseits kommen eben doch auch immer wieder kleine Spitzen zurück. Weil die Absender nach ihren mitunter etwas angebend anmutenden Aussagen ja doch auch oft noch wissen wollen, wie das denn bei unserem Kind so aussieht ... Und ganz unabhängig davon, ob unser Gegenüber dies beabsichtigt oder nicht, kann genau das natürlich schnell verunsichern. Dabei brauchen wir in unserem Familienalltag doch eigentlich Entspannung und die Rückversicherung, dass es so, wie wir es machen, schon ganz okay ist. Wir wollen doch eigentlich gar nicht über unseren Kindern kreisen und immer Angst haben müssen, dass wir einen Fehler machen.

Die anderen sind auch unsicher

Aber was steckt eigentlich hinter solchen Aussagen anderer Eltern? "Oft sind genau diese Nachfragen oder spitzen Bemerkungen eher ein Spiegel dafür, dass diese Mutter vielleicht an ganz anderer Stelle selbst unsicher ist", erklärt Personal- und Business Coach Verena Nabrotzky. "Wenn ich mir das bewusst mache, fällt es mir auch leichter, damit umzugehen." Es hat also erst mal recht wenig mit uns zu tun, wenn wir die Frage gestellt bekommen, warum unser Baby sich denn noch nicht hochstützen oder nicht krabbeln kann. So richtig unangenehm wird es erst, wenn auf die Frage noch ein kluger Tipp folgt, ob man dies und jenes denn schon versucht hätte – oder das vielleicht auch mal von Experten abchecken lassen sollte. Denn Ratschläge sind bekanntermaßen Schläge.

Was tun bei ungebetenen Tipps?

Wie man mit diesen Kommentaren umgeht, sei am Ende auch Typsache, erklärt Verena Nabrotzky. "Manche kommen besser damit zurecht, es gar nicht zu kommentieren. Sie sollten aber darauf achten, dass sie sich darüber dann nicht im Stillen ärgern, denn damit hat die spitze Bemerkung ja dann doch gefruchtet." Eine gute Idee sei es in jedem Falle, sich nicht zu verteidigen, sagt Verena Nabrotzky. "Lieber freundlich lächelnd mit offenen W-Fragen (Wie, Warum, Was, ...) kontern, z.B. mit: 'Wie kommst du darauf?' 'Was lässt dich glauben, dass das so ist?' 'Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?' 'Was würdest du vorschlagen zu tun?'". Damit kann man leicht den Wind aus den Segeln nehmen, denn eine spitze Bemerkung dann zu begründen, fällt deutlich schwerer, als sie mal eben rauszuhauen. Und wer weiß? Vielleicht ergibt sich daraus dann ja wirklich ein konstruktives Gespräch mit wertvollem Input."

Doch: All das in der Theorie zu wissen ist ja etwas ganz anderes, als es in solchen Momenten auch zu fühlen und schlagfertig mit einer Gegenfrage zu reagieren. Vor allem, wenn es euer erstes Kind ist, kommt ihr vermutlich ins Grübeln, nehmt euch solche Situationen mehr zu Herzen, als es euch lieb ist. Und fragt euch vielleicht sogar, ob nicht doch etwas dran ist: Müsste das eigene Kind nicht vielleicht schon größer sein? Müsste es mehr "können"? Sollten wir (noch) mehr auf unser Baby achten, mehr Kurse und Angebote wahrnehmen (sobald das endlich mal wieder möglich ist nach all den Lockdown-Phasen)? Wir wollen ja schließlich nicht, dass unser Kind irgendwas nicht kann, was alle anderen können, weil wir da nicht genau hingesehen haben. 

Aber: Wenn wir uns die ganze Zeit so verrückt machen, wo hört es dann auf? Wenn wir immer auf die Hinweise von anderen hören, dann entwickeln wir, aber auch unsere Kinder das Gefühl, nie gut genug zu sein. Weil man das ja permanent von der Außenwelt gespiegelt bekommt und diese Sicht immer mehr annimmt. Wollen wir uns diesem Stress wirklich aussetzen? Oder ist es nicht gesünder und entspannter, nach Verbündeten zu suchen, die diese Konkurrenz-Situation gar nicht erst entstehen lassen?

Abgerechnet wird zum Schluss

Mein Mann hatte einen anderen Ansatz, wie er (und ich) mit diesen Kommentaren umgehen sollten. Als eine andere Mutter die mangelnde Lust unseres Kindes, sich zu drehen, mit "Oh, da würde ich aber dringend dran arbeiten" kommentierte, sagte er einen denkwürdigen Satz: "Abgerechnet wird zum Schluss!"

Ich fand das eine gute Herangehensweise, die ich direkt für mich und alle kommende Kritik übernommen habe. Es ist doch so: Niemand wird je danach fragen, wann euer Kind sich drehen/krabbeln/laufen/sprechen konnte. Auf die lange Sicht interessiert es nicht, wer welche Kleidergröße in welchem Alter getragen hat, wer wann das erste Mal eine Nacht durchschlief und in welchem Alter auf die Windel/den Schnuller/das Schmusetier verzichtet werden konnte. Wir sind alle keine Maschinen, wir können uns alle zu jeder Zeit weiterentwickeln.

Muttersein ist kein Konkurrenzkampf

Was wir alle nicht vergessen sollten: Zusammen geht alles leichter. Auch das Leben mit Kindern. Deswegen sollten Eltern versuchen, eben gar nicht erst in diese Vergleichsfalle zu tappen. Kinder und Familien sind ganz unterschiedlich. Wir befinden uns nicht in einem Konkurrenzkampf miteinander, viel wichtiger ist doch, dass wir uns die Hände reichen und uns unterstützen. Und eines Tages, wenn die Pandemie hinter uns liegt und die Welt wieder ein Stück normaler ist, geht das auch wieder im "echten" Leben. 

Verena Nabrotzky gibt zu bedenken, dass wir immer nur bei uns selbst anfangen können und zum Beispiel Hilfe statt einschüchternder Kommentare anbieten. "Solidarität kann man aber nicht einfordern, das ist eine Haltung. Ich halte es da mit dem Spruch ,Was der Mensch sät, das wird er ernten‘. Letztendlich geht es doch darum, dass ich für mein Kind die beste Mama der Welt bin, oder?" Und was das jeweils Beste fürs eigene Kind ist, das ist eben auch unterschiedlich. 

Autorin: Andrea Zschocher

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