Die Kinderlos-Kolumne

Handyalarm

Ohne Helikopter. Ohne rosarote Brille. Ohne Mama-Gen. Kids und ihre Eltern einfach aus anderer Perspektive betrachtet. Von einer, die es nicht besser weiß. Eine kleine Kolumne mit Herz, Humor, ein bisschen Kritik und ganz viel Respekt.

"Kinder, ich kann nicht mehr schlafen." Meine Freundin Thea wirkt verzweifelt und ihre Augenringe sprechen Bände. Wir fragen, was los ist und befürchten Schlimmes. "Ich mache mir gerade solche Sorgen um die richtige Medienerziehung." Medien – was? Ich starre Thea fassungslos an. Sie hatte es ernst gemeint. Ihr großer Sohn Johann, 10, hatte erst vor Kurzem sein erstes Handy bekommen und war seitdem nicht mehr davon abzubringen.

"Du musst ihm Zeitfenster einräumen", sagt Bille, die zwei Jungs hat. "Ja, aber ich traue mich schon gar nicht mehr an mein eigenes Handy. Schließlich kann ich Johann doch nicht verbieten, was ich ihm selber vorlebe. Er hat mir schon vorgeworfen, dass er das so ungerecht findet." Oh, doch, du kannst es ihm verbieten, schreit es in mir. Ich bin noch immer damit beschäftigt, meine Fassung wiederzuerlangen.

Klare Grenzen setzen

Entsetzlich, was manche Mütter für Probleme haben und ihren kostbaren Schlaf dafür opfern! Dass sie der Meinung sind, tatsächlich auf Augenhöhe mit ihren halbstarken Kindern kommunizieren zu müssen. Wo genau bleibt da die Erziehung, wenn das Kind alles darf, was die Eltern dürfen? Wie war das noch mit Lernen durch Grenzen setzen? Ich halte aber lieber die Luft an, schließlich bin nicht in der Situation.

"Du bist die Mutter, du bist die Erwachsene, du sagst Johann, wie es läuft und nicht andersrum!" Zum Glück übernimmt jetzt Suse die radikale Ansage, die mich innerlich beruhigt. Meine Freundin Suse, ebenfalls Mutter und Grundschullehrerin, bringt es immer auf den Punkt. "Bin ich denn dann noch ein gutes Vorbild?" Thea wirkt wirklich verunsichert. "Er soll ja auch spielen dürfen, aber diese ewige inhaltsleere Chatterei. Eigentlich sollte er das Handy nur zur Sicherheit haben, aber jetzt verliere ich die Kontrolle."

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Digital Natives erziehen

"Bei uns gibt es feste Handyzeiten", rettet Bille die Lage, "und die sind einzuhalten. In der Zeit dürfen die Jungs daddeln, wie sie wollen, aber dann sammele ich die Dinger wieder ein. Das funktioniert, sie kennen es nur so." Ich denke an meine Nichten, deren Finger ebenfalls mit dem Handy verwachsen zu sein scheinen. "Ich könnte ohne Handy nicht leben", erklärte mir Lilly, 15, neulich erst. Sie sind eben Digital Natives, da helfen im Zweifel wirklich nur drastische Maßnahmen und klare Ansagen, damit sie am Ende doch machen, was sie wollen. Etwas Vertrauen gehört eben auch dazu. Theas Handy piept. "Ich muss sofort los, Johann abholen!" Panisch verabschiedet sie sich und rennt mit wehenden Haaren aus dem Café. Wer hier wen digital erzieht, bleibt die Frage.

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Unsere Autorin

Antonia Müller

Schon als Schülerin hat Antonia Müller Bücher verschlungen, Theater gespielt, Geschichten geschrieben und Hörspiele vertont. Auf Germanistikstudium und Textschmiede folgten Redaktionsjobs für Internet, TV und Verlage.

Zwölf Jahre Kreation von erfolgreichen Ideen und Texten in der Werbung runden ihr Profil als Story Teller ab. Für Junior Medien schreibt sie heute Wissenswertes über Familie, Kind und Kegel. Was noch fehlt, ist ihre erste Romanveröffentlichung.

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