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Schrecklich schöne Lieblings-Outfits

"Du könntest so hübsch aussehen..."

Jeden Morgen das gleiche Theater: “Neiiiin, ich will das nicht anziehen!“ Unsere Autorin, Silke Schröckert, hat den Kampf der Mode-Geschmäcker aufgegeben: Ihre Tochter stellt sich die täglichen Outfits selbst zusammen. Mit einem Ergebnis, das für die Mutter nicht immer leicht zu ertragen ist ...

"Wie alt ist er denn?", fragt die ältere Dame neben mir im Fahrstuhl und lächelt mich begeistert an. Sie ist die vierte Person an diesem Tag, die meine pausbäckige, kurzhaarige Tochter für einen Jungen hält. "Zweieinhalb", sage ich und lächle zurück. Ich habe keine Lust, das Missverständnis aufzuklären. "So süß!", entzückt sie sich, und während sie den Aufzug schon verlässt, setzt sie mit “So ein süßer Bub!“ noch einen oben drauf.

Das Mädchen in Jungs-Klamotten

Ich nehme es ihr nicht übel, dass sie meine Tochter für einen Jungen hält. Ich nehme es niemandem übel. Denn wenn ich ehrlich bin: Sie haben keine Chance. Meine Tochter steht zwischen uns in ihrem Lieblings-Outfit: Sie trägt ein graues Oberteil mit "Ninjago"-Aufdruck, dazu eine blaue Stoffhose mit Baggern, Kipplastern und Betonmischern darauf. Ihre Füße stecken in blau-weiß gestreiften Gummistiefeln. Die pinke Kappe mit "Eiskönigin"-Print hat sie gerade nicht auf – die wäre noch ein Anhaltspunkt gewesen. In ihrer Hand hält Mina stolz den Stock, den sie auf dem Weg hierher gefunden hat. Während der kurzen Fahrt im Aufzug benutzt ihn immer wieder wie ein Schwert, und murmelt dabei Dinge wie "Is bin ein Ninjaaa!" oder "Is kämpfeee jetz!" in ihren grünen Schnuller. Nein, sehr viel Damenhaftes offenbart meine Tochter nicht in diesem Moment.

"Willst du nicht lieber süße Kleider kaufen?"

Als ich das erste Mal schwanger war, war es mir vollkommen egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Meine Freundinnen wollten das nicht glauben. "Du kannst ruhig ehrlich sein", hieß es, und: "Willst du nicht lieber Haare flechten, Schleifchen binden und süße Kleider kaufen?" Klar wollte ich. Aber als ich erfuhr, dass mein erstes Kind ein Junge wird, habe ich mich auf diese Mode-Welt genau so sehr gefreut: Ich liebte es, für Tom zu shoppen, ihn an- und auszuziehen und immer neue Outfits zusammenzustellen. Mittlerweile ist er fünf Jahre alt und sucht sich seine Kleidung lieber selbst aus ("Das ist nicht cool, Mama!"). Doch die ersten viereinhalb Jahre seines Lebens war ich die Hüterin seines Kleiderschrankes und modische Meisterin der süßesten Klamotten-Kombinationen. Dann kam Mina.

Ein Mädchen im blauen Strampler?

Um genau zu sein: Mina kam, als Tom zweieinhalb Jahre alt war. Natürlich zog ich ihr die ersten Monate Toms alte Kleidung an – es wäre ja albern gewesen, alles neu zu kaufen, nur weil das Kind ein anderes Geschlecht hatte. Ich schob mein Baby also im blauen Strampler und süßen Hosen umher statt in rosa Kleidchen mit Schleifchen. Die Frage "Wie alt ist er denn?" habe ich schon damals ständig gehört. Mit dem Unterschied, dass ich mir noch die Mühe gemacht habe, aufzuklären, dass meine Tochter lediglich die Kleidung ihres Bruders aufträgt.

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Irgendwann will man nicht mehr "Klamotten auftragen"

Das pragmatische "Klamotten auftragen" war ich selbst bald leid. Wie gern hätte ich meine Tochter in einem hübschen Kleidchen oder in einer Kombination aus Rock und Bluse gesehen. Doch diese Kategorie Kleidung bekam nie eine Chance bei ihr. Im Gegensatz zu ihrem großen Bruder hatte Mina nämlich schon sehr früh eine ganz eigene Meinung in Sachen Mode. Sie ist jetzt zweieinhalb Jahre alt. Und die Entscheidungsgewalt über ihr tägliches Outfit habe ich vor fast einem Jahr verloren.

"Is will das nix anziehn!"

Ich habe es probiert. Ich habe es wirklich probiert. Meine Tochter liebt Enten – also habe ich Kleider mit Entchen-Druck besorgt. Keine übertriebenen Tüll-Kleidchen mit Schleife, sondern einfach schicke, blaue Kleider mit süßen Enten darauf. "Das nis anziehn!", hörte ich ein auf den anderen Morgen. Und ehe ich mich versah, hielt meine Tochter schon das heißgeliebte Ninja-Shirt oder ein anderes Teil ihres großen Bruders in der Hand und strahlte stolz: "Das anziehn!"

Kampf mit dem Kleinkind

Das klingt jetzt so ruhig und harmlos. Das war es natürlich nicht. Unsere täglichen Diskussionen ums Outfit wurden lauter und heftiger, meine Tochter weinte und schrie und strampelte. Noch bevor die Kita und der eigentliche Tag losgingen, waren wir beide fix und fertig. Also habe ich irgendwann resigniert. Und Mina darf schon seit geraumer Zeit jeden Morgen selbst die Sachen aus dem Kleiderschrank aussuchen, die sie gern anziehen möchte. Dass sie dabei am liebsten nach den Ninja- und Dino-Sachen ihres großen Bruders greift, finde ich sogar richtig niedlich. Nur leider hat meine Tochter eben einen zielsicheren Griff, genau die unpassendsten Teile zu einer solchen Bad-Taste-Kombination zusammen- zustellen, dass es vollkommen egal ist, ob sich ein Junge oder ein Mädchen darin verbirgt: Es sieht einfach furchtbar aus.

"Es ist ein Mädchen!"

In so einem furchtbaren Outfit sind wir heute also unterwegs. In den Fahrstuhl kommen eine Mutter und ihre etwa vierjährige Tochter. Die Tochter trägt einen schicken blauen Rock, eine rosa Bluse und dazu hübsche silberne Ballerinas. Sie schleckt vorsichtig an einem Eis. Die Mutter wischt ihr einen kleinen Klecks Eis aus dem Mundwinkel: "Pass auf, du kleckerst", ermahnt sie. Ich blicke auf Mina. Ihr Mund ist verschmiert von dem Mini Milk, das sie vorhin hatte. Auf dem Ninja-Shirt kleben Reste davon, und daneben etwas von der Tomatensuppe, die es heute in der Kita gab.

Jetzt lässt Mina ihr Stockschwert sinken, starrt das Mädchen an und fordert mit bittendem Blick: "Mama, is will auch ein Eis!". Morgen vielleicht wieder, erkläre ich. Zu meiner Erleichterung gibt Mina sich damit zufrieden und spielt weiter Ninja. Die andere Mutter mustert meine Tochter von Kopf bis Fuß. "Wie alt ist er denn?", fragt sie freundlich. Ich schaue mein Stockschwert-fuchtelndes, vollgekleckertes, glückliches Kind an. "Zweieinhalb", antworte ich. Und füge stolz hinzu: "Und es ist ein Mädchen."

Profilbild

Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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