Kontaktverbot: Alltag ohne Gleichaltrige

Trotz Corona: "Die kindliche Seele sucht sich ihre Wege"

Coronakrise: keine Kita, keine Schule, keine Spielkameraden. Wir haben Autorin Nora Imlau und Kinder-Coach Renate Volckerts gefragt: Welchen seelischen Schaden hinterlässt diese Zeit ohne Gleichaltrige bei unseren Kindern? Die beruhigende Antwort: gar keinen. Tipps, wie wir unseren Nachwuchs unterstützen.

Krippe, Krabbelgruppe, Babyschwimmen: Alle Gelegenheiten, bei denen Babys und Kleinkinder aufeinandertreffen, fallen derzeit aus. Die Eltern und gegebenenfalls Geschwister bleiben die einzigen Bezugspersonen – das Sozialisieren und "voneinander Abgucken" mit anderen Gleichaltrigen entfällt komplett. Wie wirkt sich das auf die ganz Kleinen aus? Holen die Kinder das alles nach?

Kinder bis drei Jahre kommen ohne Gleichaltrige aus

"Ja!", weiß Nora Imlau. Die Autorin zahlreicher Familienratgeber möchte Eltern die Sorge nehmen, dass das Corona-Kontaktverbot nachhaltigen Schaden bei ihren Kindern hinterlassen könnte. Dafür empfiehlt die vierfache Mutter zunächst einen kulturwissenschaftlichen Blick auf die Gesamtsituation: "In den allermeisten nicht industrialisierten Kulturen ist es völlig normal, dass die Kinder bis zu einem Alter von zweieinhalb oder drei Jahren primär die eigenen Eltern als Bezugspersonen haben.

Das Kind wird nahezu rund um die Uhr getragen und gestillt, die volle 'Babyverwöhnpackung' also – so lange, bis das nächste Geschwisterkind kommt." Eine mehrwöchige Auszeit von Babykursen oder der Kinderbetreuung in der Krippe ist laut Nora Imlau deshalb in keiner Weise ein Grund zur Beunruhigung. Solange die Babys und Kinder in dieser Zeit nicht vernachlässigt werden, entwickeln sie sich gesund und altersgerecht weiter – auch und gerade wegen der vielen Zeit mit Mama und Papa.

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Einige Wochen oder Monate ohne andere Kinder sind kein Problem

Und wie sieht es bei älteren Kindern aus? "Tatsächlich gibt es Indizien, dass Kinder ungefähr ab dem dritten Geburtstag das Zusammensein mit anderen Kindern für ihre Entwicklung brauchen", erklärt Nora Imlau. "Gleichzeitig stellt eine mehrwöchige oder auch mehrmonatige Pause davon kein Problem dar – schwierig wird es erst, wenn Kinder jahrelang von jedem Kontakt mit anderen Kindern abgeschnitten sind", so die Journalistin. "Wenn Eltern sich entscheiden, im Sommer sechs Wochen lang mit ihrem Kind zu verreisen, kam bislang doch auch niemand auf die Idee, dass das die Entwicklung des Kindes verzögert", erinnert sie.

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Nora Imlau ist Mutter von vier Kindern, Journalistin, Speakerin und Bloggerin. Als Autorin zahlreicher Sachbücher für Familien und Eltern prägte sie den Begriff der gefühlsstarken Kinder. Mehr Infos auf nora-imlau.de

Eltern können andere Kinder im Spiel nur bedingt ersetzen

Auch Kinder-Coach Renate Volckerts sieht in der aktuellen Zwangs-Kontaktpause zu anderen Kindern keine Gefahr für nachhaltige Entwicklungsschäden (vorausgesetzt natürlich, dass es nicht zu häuslicher Gewalt kommt). Doch die Pädagogin betont, dass die Eltern das Spiel mit Gleichaltrigen nur bedingt ersetzen können – Kinder spielen nun einmal anders als Erwachsene.

Aber wie genau kann man dann als Elternteil noch tiefer als bisher ins Spiel mit dem eigenen Kind eintauchen? Ein konkreter Tipp der neunfachen Großmutter: "Lassen Sie sich auf die Fantasie Ihrer Kinder ein: Erfinden Sie gemeinsam eine Geschichte, die immer vom jeweils anderen weitergesponnen werden darf. Mit echtem Spannungsbogen und natürlich einem Happy End."

Eine solche Geschichte mit gutem Ausgang funktioniert bei älteren Kindern gleichzeitig wunderbar als Metapher für unsere jetzige Situation, erklärt Renate Volckerts: "Es hilft zu verstehen, dass wir selbst uns jetzt im spannenden Teil unserer Geschichte befinden – und bald alles wieder gut sein wird."

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Und wenn das nicht reicht?

Als Spielpartner können Eltern in dieser Zeit gut bei Spielen mit klaren Regeln einspringen, zum Beispiel bei Brettspielen. Beim freien Spiel wird es schon etwas komplizierter – schließlich spielt ein Sechsjähriger ganz anders den Lego-Bösewicht als man selbst. Da kann ein Rollenspiel schonmal ins Stocken geraten und sogar Wutanfälle provozieren. Und dann? "Fragen Sie nach!", empfiehlt Nora Imlau, "und lassen Sie sich von Ihrem Kind erklären, wie genau Sie am besten die Ihnen zugeteilte Rolle spielen sollten."

Und wenn das alles nichts nutzt und das Vermissen der gleichaltrigen Freunde immer größer wird? "Lassen Sie die Kinder miteinander skypen oder facetimen", empfiehlt Kinder-Coach Renate Volckerts. "Und achten Sie in diesem Fall ausnahmsweise nicht darauf, wie viel Zeit Ihr Kind vor dem Bildschirm verbringt – erfreuen Sie sich einfach an dem Kichern und Lachen der Freunde."

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Renate Volckerts ist Mutter von vier Kindern und Oma von 9 Enkeln. In ihren Coachings hilft die Gesundheitspädagogin Kindern spielerisch dabei, Blockaden zu überwinden, Ängste zu verringern und das Selbstbewusstsein zu stärken. Mehr Infos auf frohsinn-leben.de

Eltern dürfen sich selbst nicht vergessen

Kinder glücklich, alle glücklich? Nicht ganz: Wichtig ist laut Nora Imlau, dass wir bei all dem Bemühen, unseren Kindern diese Zeit so angenehm wir irgend möglich zu gestalten, nicht unsere eigenen Bedürfnisse aus dem Blick verlieren. "Es ist notwendig, dass wir uns selbst gegenüber großzügig sind in dieser Zeit", so die Autorin. "Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand. Wir müssen jetzt keine Standards hochhalten und alle Regeln einhalten, die sonst gelten – aber wir müssen unsere eigenen Grenzen wahren. Und wenn es uns selbst nicht mehr gut geht, müssen wir uns zuallererst darum kümmern", ist ihre wichtige Botschaft an alle Eltern.

"Die kindliche Seele zerbricht nicht so schnell. Sie sucht sich stets Wege, das zu finden, was sie braucht", beruhigt die Autorin abschließend. Nun müssen nur wir Eltern noch darauf achten, dass wir das auch für uns selbst hinbekommen.

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Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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