Olympiasieger im Interview

"Mit Kinderturnen kann man gar nicht früh genug anfangen"

Sport von Anfang an: Das fordern und fördern die beiden ehemaligen Leistungssportler Heike Henkel und Lars Riedel. Wir sprachen mit den Olympiahelden darüber, ab wann Kinder sich für eine bestimmte Sportart entscheiden sollten, wie wir Eltern uns selbst motivieren und womit wir schon die Kleinsten mental stärken können.

Je früher Kinder damit beginnen, sich sportlich zu betätigen, umso besser. Dass wir unseren Kleinen den Spaß an der Bewegung beibringen und auch vorleben können, davon sind Heike Henkel und Lars Riedel überzeugt. Wie das aussehen kann, besprechen wir mit den beiden Spitzensportlern im Interview. 

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Leben & erziehen: Wie können wir unserem Nachwuchs möglichst früh zeigen, dass Bewegung wichtig ist?

Heike Henkel: Das beginnt für mich bereits in den ersten Lebensmonaten. Viele Kinder werden viel zu oft und lange am Tag in Wippen, Kinderwagen und Autositze gequetscht, in denen sie kaum Bewegungsspielraum haben. Klar, wenn man unterwegs ist, bleibt das nicht aus. Aber wenn man nach Hause kommt: ab auf die Krabbeldecke!

Lars Riedel: Das Schöne ist ja: Schon ganz kleine Kinder spielen gern, bewegen sich instinktiv. Das können wir ausnutzen! Wenn wir ihnen einen Ball zuschubsen, dann schubsen sie ihn zurück. Es dauert keine drei Minuten, bis sie das begreifen. Ich finde außerdem wichtig: Lasst die Kids machen! Greift nicht sofort ein, lasst sie ihre Welt erkunden und entdecken, solange es nicht gefährlich werden kann.

Ab wann sollten Kinder Sport machen?

Heike: So zeitig wie möglich, mit Kinderturnen kann man aus meiner Sicht gar nicht früh genug anfangen. Kleinkindern sollten wir außerdem auch im Alltag ständig die Möglichkeit zur Bewegung geben, mit Laufrädern und regelmäßigen Spielplatzbesuchen zum Beispiel.

Und: Wir selbst sollten den Kindern gute Vorbilder sein, uns viel bewegen – zum Beispiel die Treppe anstatt den Aufzug nehmen, regelmäßig Sport machen.

Das ist im trubeligen Familienalltag in Corona-Zeiten ja leichter gesagt als getan ...

Heike: Das stimmt. Aber vielleicht hilft es, sich daran zu erinnern, wie gut es einem geht, wenn man sich diese Zeit für sich genommen hat, um zum Beispiel einfach eine Runde um den Block zu joggen. Und diese halbe Stunde dann nicht als geklaute Zeit zu sehen, die einem an anderer Stelle fehlt – sondern als etwas, das einen bereichert und einem mehr Energie bringt. Wir schöpfen Kraft! Wenn ich merke, ich komme mit etwas nicht weiter, dann höre ich auf und mache Sport. Danach bin ich ein anderer Mensch und viel konzentrationsfähiger als vorher. Ich glaube, das geht vielen so.

Funktioniert das auch bei Kindern? Zum Beispiel, wenn sie mit den Hausaufgaben nicht weiterkommen?

Heike: Auf jeden Fall. Aber auch Bewegung während der Aufgaben ist super, ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Sitzbällen, auch am Kinderschreibtisch.

In welchem Alter sollten Kinder sich für eine konkrete Sportart entscheiden – und wie finde ich heraus, welche die richtige für mein Kind ist?

Heike: Ich glaube, man sollte sich nicht zu früh spezialisieren, also noch nicht mit acht oder neun Jahren, eher später. Ich habe erst mit 14 angefangen, Leichtathletik zu machen – und aus mir ist trotzdem noch was geworden (lacht).

Lars: Das sehe ich auch so. Wie Heike ja schon sagte: Turnen ist eine gute Grundlage für so vieles. Und Leichtathletik auch, damit habe ich in der ersten Klasse angefangen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Kinder bis zum 15. Lebensjahr am besten alles einmal ausprobiert haben sollten. Ob das Kanufahren ist oder Einrad, Wellenreiten oder Volleyball – wenn du das alles mal probiert hast, vergisst dein Körper das nie wieder. Und im Optimalfall ist danach auch klar, womit es langfristig weitergeht.

Das heißt, es ist nicht schlimm, wenn die Kleinen Sportarten anfangen, die sie dann wieder abbrechen?

Heike: Nein, das ist völlig normal! Unsere Söhne haben auch alles mögliche gemacht. Judo, Handball, Badminton, Leichtathletik, Laufen – und ich glaube, sie haben sogar noch zu wenig ausprobiert. Am Ende hat es oft auch gar nichts mit dem Sport an sich zu tun, sondern mit ganz anderen Dingen: Vielleicht fühlt sich das Kind in der Gruppe nicht wohl, wird dort nicht richtig aufgenommen oder mag den Trainer nicht. Wichtig ist vor allem, dass die Kinder Spaß am Sport haben und gerne dort hingehen, man sie nicht jedes Mal überreden muss.

Und: Die Entscheidung sollte bei den Kindern liegen! Wenn ich selbst unbedingt will, dass mein Sohn Fußball spielt, er selbst aber lieber zum Breakdance möchte – dann ist es kein Wunder, wenn es jedes Mal Diskussionen gibt.

Ich empfehle immer, einen Freund oder eine Freundin mitzunehmen und zu zweit zu starten. Erst wenn die Kinder ein bisschen älter sind, muss man aufpassen, im Teenageralter steigen dann ja viele aus. In dieser Phase sollten Eltern die Kids mit Fingerspitzengefühl motivieren, damit sie dranbleiben und nicht aufgeben.

Wie genau kann das aussehen, wenn ich mein Kind motivieren will?

Heike: Nach den Gründen fragen. Wenn die Kinder uns klar artikulieren, was sie nervt oder was ihnen fehlt, können wir vielleicht mit dem Trainer in Kontakt treten und Lösungen finden.

Lars: Da hat sich ja in den letzten Jahren auch extrem viel geändert: Es geht heute viel mehr um spielerische Elemente – und darum, dass jeder einzelne mehr gefördert wird. Es ist nicht mehr dieses "es gibt ein Ziel und das müssen alle erreichen", sondern jeder darf und soll sich selbst verbessern. Da braucht es aber eben auch Übungsleiter, die sich ganz individuell auf die Kinder einlassen können. Außerdem ist es super, wenn die Gruppen nicht zu groß sind.

Wie wichtig sind Wettkämpfe und Turniere für Kinder?

Lars: Ich finde Wettkämpfe deshalb so gut, weil man sich messen kann – es ist die Überprüfung dessen, was man gelernt hat. Die meisten Kinder haben Spaß daran, finden das aufregend und wollen natürlich gewinnen. Für mich steht der Sieg aber gar nicht so sehr im Vordergrund. Eher die Frage, ob man seine eigene Leistung verbessert.

Heike: Viele sehen dieses Vergleichen-mit-anderen ja inzwischen kritisch. Aber ich bin da bei Lars: Man lernt an solchen Tagen einfach, sich besser einschätzen zu können. Zu fühlen, was man kann, wo seine Grenzen sind, wo man es ruhiger angehen sollte. Das ist aber nicht für jedes Kind etwas. Wenn der Nachwuchs mit diesem Druck nicht gut klarkommt, kann man überlegen, ob nicht ein Mannschaftssport geeigneter ist.

Wie können wir den Kindern dabei helfen, mentale Stärke aufzubauen, die ihnen nicht nur beim Sport weiterhilft, sondern vielleicht auch in der Kita und später in der Schule?

Lars: Egal, was die Kinder gerade lernen: Wir sollten ihnen das Gefühl geben, dass wir Vertrauen in sie haben und sie lieben. Das erlebe ich jetzt gerade bei meiner Tochter, die Klavier lernt. Neulich war sie genervt, weil es nicht so klappte, wie sie wollte. In solchen Situationen setze ich mich neben sie, versuche Ruhe auszustrahlen und lasse sie einfach machen. Selbst, wenn sie sich dann nur ein kleines bisschen verbessert, bin ich stolz und zeige und sage ihr das. Aus meiner Sicht bringt so etwas wesentlich mehr als Druck auszuüben.

Heike: Ich habe den Kindern auch immer etwas Schönes in Aussicht gestellt. Zusammen backen, etwas unternehmen. Ich finde es gut, ihren Einsatz unabhängig vom Ergebnis zu belohnen. Also zum Beispiel nach einer Mathearbeit für die 4 genauso für die 2, weil es zählt, dass sie gelernt haben. Alles andere frustriert nur noch mehr. Allerdings müssen solche Belohnungen auch gut dosiert werden, damit sie nicht irgendwann den Reiz verlieren.

Fast ebenso wichtig wie das Thema Bewegung ist eine gute Ernährung für Kinder. Aber sollten sich wirklich schon die Minis damit auseinandersetzen müssen?

Heike: Ich finde es problematisch, dass einige Kinder sich schon im Kindergarten Gedanken darüber machen, ob sie jetzt heute zu viel Zucker zu sich genommen haben, weil ihnen die Großen das ständig erzählen. In Maßen ist doch alles in Ordnung, wenn die Eltern das – ganz entspannt – unter Kontrolle haben und etwas gegensteuern, indem sie den Kindern zum Beispiel in Suppen schön klein püriertes Gemüse unterjubeln. Das Interesse an gesunder Ernährung kommt irgendwann ganz automatisch. Zwei unserer drei Kinder leben inzwischen vegan bzw. vegetarisch. Und dadurch leben auch wir Eltern gesünder. Früher gab’s bei mir oft auch mal schnelle Küche, heute macht es mir Spaß, beim Kochen neue Dinge auszuprobieren.

Lars: Ich finde es toll, genau das den Kindern vorzuleben: wie wir aus frischen Lebensmitteln leckere Mahlzeiten zaubern können. Die Kids zum Beispiel einfach mal aus Weißkraut Sauerkraut stampfen zu lassen. Da sind sie gleich zwei Stunden beschäftigt – und am Ende schmeckt es ihnen viel besser, weil sie es eigenhändig gemacht haben. Ich finde, so etwas sollte den Kindern auch in der Schule beigebracht werden. Es müssten viel mehr Menschen aus der Praxis im Klassenzimmer stehen: Ein Bäckermeister, der den Kids eine Woche lang zeigt, wie man leckere Brote und saftige Kuchen backt. So etwas vergessen Kinder nicht. Matheübungen, die sie nie wieder brauchen, aber schon...

Unsere Experten

Heike Henkel (geboren 1964)

... ist die einzige Hochspringerin weltweit, die in drei aufeinanderfolgenden Jahren Europameisterin, Weltmeisterin und Olympiasiegerin wurde. Höhepunkt ihrer Karriere war die Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona.

Heute ist die gebürtige Kielerin Mental Coach für Leistungssportler, Markenbotschafterin, Sport-Speakerin (sport-speaker.de) – und geht dreimal pro Woche joggen. Sie ist Mutter einer Tochter (20) und zweier Söhne (24 und 27).

Mehr Infos: heike-henkel.com

Lars Riedel (geboren 1967)

... ist fünffacher Weltmeister und Europameister im Diskuswerfen, wurde nach seinem Olympiasieg in Atlanta 1996 mit seinem Foto als "Goldene Statue" weltbekannt.

Inzwischen tritt auch Riedel als Sport-Speaker (sport-speaker.de) auf, berät Firmen, veranstaltet Workshops und Führungskräfte-Seminare zu den Themen Motivation und Gesundheit. Er lebt mit seiner Familie am Tegernsee, spielt gern Golf und ist Vater von einem Sohn (27) und zwei Töchtern (8 und 10).

Mehr Infos: lars-riedel.de

Autoren: Claudia Weingärtner und Christian Personn

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