Kolumne "Liebe Lena ... Post von Papa"

Ruhig essen ist nicht!

Freitag ist Kolumnen-Tag bei "Leben & erziehen"! Zum Start ins Wochenende lassen wir euch ein bisschen am Leben unserer Redakteurinnen und Redakteure teilhaben. Heute mit Christian Personn, der sich fragt, warum Kinder am Tisch nicht still sitzen können.

Warum sitzen unsere Kinder nicht ruhig am Tisch, wenn sie essen ...

... diese Frage ist zwischen uns, liebe Lena, nie gestellt worden. Und doch steht sie immer im Raum, wenn euch der Opa besucht. Auch dein Genervtsein zeigt mir – es beschäftigt dich ebenso wie mich. Unabhängig von unserer Fähigkeit, als Vater und Tochter Unbequemes zu besprechen, ist doch die generelle Frage: Warum zappeln so viele kleinere Kinder am Esstisch herum, sind kaum eine Minute in der Lage, sich auf das Essen zu konzentrieren? Denn das Problem taucht ja nicht nur bei euch zu Hause auf. In vielen Familien toben die Kleinen um den Mittelpunkt der Wohnung herum, meist der lange Esstisch im Wohn-Essbereich. Selbst wenn die Eltern ruhig und mit Hunger auf ihren Stühlen sitzen und genussvoll essen wollen – die Kinder klettern rum, spielen mit dem herum, was auf dem Teller liegt. Nur zu essen, das interessiert sie nicht. 

Also am guten Vorbild von Papa und Mama kann es kaum liegen. Obwohl ...

Na ja, erstmal dürfte der ausschlaggebende Grund sein, dass die Kinder schlicht keinen Hunger haben, wenn die Hauptmahlzeiten mit allen am Tisch zusammen eigenommen werden sollen. Denn mal ehrlich, mit all der Disziplin, mit der wir Erwachsenen unsere Ernährung kontrollieren und zum Beispiel die Zwischenmahlzeiten auf ein Minimum reduzieren – die Kids "verwöhnen" wir mit vielerlei Snacks zwischendurch. Und sei es, um sie mal für kurze Zeit ruhig zu stellen. 

Ja, diese "Snackification". Auch wenn es nur eine Möhre ist oder der Reistaler – unsere Lieben bekommen irgendwie im wahrsten Sinn "den Mund gestopft".  Und sie sättigen natürlich ihr Hungergefühl. Wenn sie dann mittags oder abends an den Tisch gesetzt werden, um "richtig" zu essen, treibt die Langeweile sie zu Schabernack. Essen verliert seine ursprüngliche Funktion.

Das ist übrigens der Grund, liebe Lena, warum in französischen Familien nichts zwischendurch zum Essen gegeben wird. Besonders nichts Süßes. Dort lernen die meisten Kinder von Anfang an, dass gemeinsames Essen am Tisch eine schöne Tradition ist. Und die wird gepflegt.

Womit wir natürlich doch wieder bei der Vorbildfunktion der Eltern sind ...

Die dürfte in Deutschland  zumindest bei diesem Thema oft verloren gegangen sein. Warum sitzen viele Kinder allein am großen Esstisch für sechs oder acht Personen und müssen dann einsam von ihrem Teller vorgeschnitzte Schnittchen essen oder ihren gesüßten Quark löffeln? Klar, ist das langweilig. Und spannender wäre es, den Erwachsenen beim Schnabulieren und Schlürfen zuzugucken. Da gabeln Kinder so unheimlich vieles auf, was sie anspornt, es sich auch schmecken zu lassen. 

Oft erhöht das gemeinsame Vorbereiten der Speisen oder Backwaren, jetzt in der Adventsszeit der Plätzchen oder Weihnachtskuchen, die Vorfreude aufs spätere Verspeisen. "Backen gehört zu dem, was uns am stärksten verbindet", erläutert der weltberühmte Kochbuchautor Nigel Slater in einem Spiegel-Interview: "Eine Mutter oder ein Vater, die einen Teig anrühren, sind in den Augen der Kinder ein Magier, Alchemisten". Etwas großes Ganzes, Schönes stehe auf dem Tisch und "jeder erhält ein Stück vom Glück. Der Inbegriff von Teilen", schwelgt Slater.

Und deshalb, liebe Lena, komme ich bald zum Backen zu euch und wir sitzen anschließend alle zusammen am Tisch – mit sicherlich ruhigeren Kindern. 

Kolumne "Liebe Lena ... Post von Papa"

Chefredakteur Christian Personn ist nicht nur Papa, sondern auch Opa – und schreibt in seiner Kolumne Briefe an seine Tochter Lena, in denen er seine Erfahrung an sie weitergibt. Der Jesper Juul von Leben-und-erziehen!

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