Kolumne einer "ganz normalen Mama"

Das eigene Kinderzimmer wird überschätzt!

Freitag ist Kolumnen-Tag bei "Leben & erziehen"! Zum Start ins Wochenende lassen wir euch ein bisschen am Leben unserer Redakteurinnen und Redakteure teilhaben. Heute mit Nathalie Klüver, für die ein perfektes Kinderzimmer reine Illusion ist.

Als ich beim ersten Kind im Geburtsvorbereitungskurs saß, staunte ich Bauklötze, als links und rechts neben mir die Paare reihenweise berichteten, dass es ja so ein Stress sei, das Babyzimmer noch unbedingt vor der Geburt fertig zu bekommen. Ich hatte bis dato noch keinen Gedanken daran verschwendet. Wir hatten ein Beistellbett und eine Wickelkommode im Schlafzimmer stehen - das war alles, was so ein kleines Baby am Anfang brauchte. Wir hatten noch nicht einmal ein Kinderzimmer – das wollten wir vom Wohnzimmer abtrennen, wenn es soweit war. Es sollte drei Jahre dauern, bis es soweit war. Da war der kleine Bruder schon auf der Welt.

Ein Haus voll Spielzeug

Dass sich das Spielen – und damit auch die gefühlten 100 Tonnen Spielzeug – von nun an ins Kinderzimmer verlagern würden, war leider nicht der Fall. Und ist es auch heute nicht. Einziger Unterschied: Es sind nun drei Kinder, die im Haus herumhüpfen. Zwischen zwei und neun Jahren. Die Menge des Spielzeugs ist auf gefühlt 300 Tonnen Spielzeug angewachsen und verteilt sich immer noch hauptsächlich aufs Wohnzimmer. Und Esszimmer. Und Schlafzimmer. Und Küche. Und Diele. Und Badezimmer. Und auch auf mein Büro. Achja, und manchmal  verteilt sich das Spielzeug auch auf die Kinderzimmer. Aber eher selten.

Nicht mal vorm Garten machen meine Kinder Halt. Wenn ich meine Blumentöpfe bepflanzen möchte, muss ich im Slalom um Bobbycar, Roller und Plastikbagger herumbalancieren und kann von Glück sprechen, wenn im Lavendel kein Sandförmchen steckt.

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Die Illusion "perfektes Kinderzimmer"

Das eigene Kinderzimmer wird einfach überschätzt! Gerade, wenn die Kinder kleiner sind, spielen sie halt einfach noch am liebsten in unserer Nähe. Da wird beim Kochen in der Küche an der eigenen Kinderküche mit den Kindertöpfen geklappert. Und die Illusion, ich könnte nachmittags gemütlich auf dem Sofa sitzen, während die Kinder vergnügt in ihrem Kinderzimmer vor sich herspielen, ist, nun ja, eine Illusion. Und bis heute geblieben. Ich habe gelernt, über das Chaos hinwegzusehen, aber spätestens, wenn sich mal wieder ein Legostein schmerzhaft in die meine Fußsohle bohrt, ist das mit dem Drüberhinwegsehen eine rein theoretische Angelegenheit geworden.

Wenn ich also durch meinen Instagram-Feed scrolle und all die pastellfarbenen Kinderzimmer mit ihren pädagogisch wertvollen Holzspielzeugen sehe oder Mütter mit Babybäuchen, die verzückt verkünden "endlich ist das Kinderzimmer fertig", dann möchte ich ihnen zurufen: "Leute, das Kinderzimmer wird überschätzt! Aber sowas von!"

Erstens, weil Kinder sich nicht um Skandi-Chic kümmern und ihren ganz eigenen Sinn von Ordnung haben. Wie ich leider immer wieder feststellen muss. Frei nach dem Motto "Nur der Dumme braucht die Ordnung, der Schlaue durchblickt das Chaos" haben meine Kinder eine ganz eigene Vorstelllung davon, wie ihr Kinderzimmer auszusehen hat und wissen mit fast schon unheimlicher Sicherheit, wo sie welchen Lego-Nuppsi hingelegt haben.

Und zweitens wird das Kinderzimmer überschätzt, weil egal, wie groß das Kinderzimmer ist, der Platz sowieso nie ausreicht. Und der Fußboden im Wohnzimmer nunmal so schön fürs Aufbauen der Eisenbahn geeignet ist. Oder die Rennstrecke im Kinderzimmer viel zu kurz ist und deshalb auf Flur und Küche ausgeweitet werden muss. Oder die Puppen nun mal unbedingt mit uns im Esszimmer essen müssen und zwar alle mit all ihren Kleidern, auch die, die sie gerade nicht tragen!

Auch Aufräumen wird überwertet

Über die vielen vergeblichen Versuche, das Kinderzimmer aufzuräumen oder gar auszumisten, will ich hier gar nicht weiter schreiben. Ich sage nur: Sisyphos. Ihr wisst schon, der Typ aus dem alten Griechenland, der mit dem Stein, der immer wieder kurz vorm Ziel den Berg hinunterrollt. So fühle ich mich. Weshalb ich es einfach aufgegeben habe. Hier werden nur noch die Notausgänge frei geräumt. Und das gilt fürs gesamte Haus. Denn der "kleine Bruder" von "Das Kinderzimmer wird überschätzt" ist: "Aufräumen wird überschätzt."

KLÜVERS CHAOS-KOLUMNE

Nathalie Klüver ist Journalistin, Mama-Reporterin und bloggt als "Ganz normale Mama" von den Tücken des Alltags mit drei Kindern (zwei, sechs und neun Jahre alt). In ihrer Kolumne schreibt sie u.a., warum sie pastellfarbene Kinderzimmer bei Insta und Co. nicht mehr sehen kann. Und wieso es unperfekt viel besser ist.

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