Kolumne – Schröckert schreibt

Trotz Abstandsregel: "Bitte, nimm mein Kind in den Arm, wenn es weint!"

Freitag ist Kolumnen-Tag bei Leben & erziehen! Zum Start ins Wochenende lassen wir euch ein bisschen am Leben unserer Redakteurinnen und Redakteure teilhaben. Heute mit Silke Schröckert, die einen emotionalen Kampf zwischen Mutterinstinkt und Corona-Regelbewusstsein durchmacht.

"Maaaaaamaaaaa, auaaaaaaa!", gellt es über den Spielplatz. Ich zucke zusammen, wie alle Mütter dieser Welt es bei einem schmerzerfüllten Kinderschrei tun. Im Sekundenbruchteil folgt die erleichternde Erkenntnis: Das war keines von meinen Kindern, die klingen anders. Oder nicht? Wo sind die eigentlich? Im ungelenk geduckten Gang zwänge ich mich Richtung Piratenkletterschiff, aus dem es erneut schreit: "Mamaaaaa, wo bissuuuu?" Ich bin jetzt zwar da, aber ganz offensichtlich nicht die Mama. Vor mir sitzt ein etwa vierjähriger Junge, den ich noch nie gesehen habe, mit knallrotem Kopf und tränenverschmierten Wangen. Hilflos hocke ich mich mit Corona-freundlichem Abstand neben ihn. Und jetzt?

Fremde Kinder trösten trotz Corona?

Solche Spielplatz-Situationen mit fremden Kindern haben mich schon vor dem Virus ins Schwitzen gebracht. Darf man gestürzten Kindern aufhelfen, wenn man sie dafür anfassen muss? (Ich finde: unbedingt!) Darf man ein weinendes Kind in den Arm nehmen? (Ja! Oder nicht?) Und darf man es AUF den Arm nehmen (schwierig ... ).

Aber jetzt, seit dem Corona-Kontaktverbot, bin ich unsicherer denn je. Alles in mir schreit danach, diesen bitterlich weinenden Jungen hochzuheben, in fest an mich zu drücken und ihn aus diesem dunklen Piratenschiff herauszutragen, damit seine Mutter ihn schnellstmöglich in die Arme schließen kann. Wo bleibt die eigentlich? Stattdessen hocke ich hier brav mit zwei Metern Abstand, unbeholfen wie ein Praktikant am ersten Tag. Bekomme ich Ärger mit den Eltern, wenn ich näher heranrücke? Erschrickt sich das Kind vielleicht sogar, weil seine Eltern ihm eingebläut haben, dass man Abstand halten muss wegen des bösen Virus? Darf ich den Jungen zurzeit in den Arm nehmen? Ist es überhaupt erlaubt, trotz Kontaktverbot? All diese Fragen schießen mir in den Kopf, aber keine Antworten. Also säusele ich nur leise "Mami kommt gleich!" vor mich hin. Wobei ich natürlich nicht einmal weiß, ob das stimmt. Der Junge schreit und weint herzzerreißend weiter. Am liebsten würde ich mitweinen.

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Nie kam mir das Abstandhalten falscher vor

Sicher verging höchstens eine Minute, doch die Zeit kam mir ewig vor. Endlich steigt eine Frau zu uns ins Piratenunterdeck, schnappt sich den Jungen und trägt ihn aus dem dunklen Versteck heraus. "Siehst du, da ist die Mama!",  entgleist es mir unbeholfen. Sie schaut mich nicht an und ich denke kurz: Man bedankt sich doch, wenn eine andere Mutter sich um das eigene Kind kümmert. Bis es mir wieder einfällt: Es gibt nichts zum Bedanken – ich habe ja gar nichts gemacht, außer einem völlig aufgelösten Kind nutzlos beim Weinen zuzuschauen.

Auf dem Weg nach Hause denke ich lange über diese Situation nach. Es hat sich alles falsch angefühlt, selbst wenn es im Sinne der Corona-Regeln das Richtige war. Ob ich es nächstes Mal anders mache? Ich habe keine Ahnung ... so sehr ich den Sinn hinter den Abstandsregeln verstehe, so sehr wünsche ich mir gerade, dass sie einfach vorbei sind. Ich versinke so in meinen Überlegungen, dass ich nicht bemerke, wie weit mein Sohn bereits mit seinem Roller vorgefahren ist.

Bitte tröste mein Kind!

Ein lauter Schrei reißt mich aus meinen Gedanken, und dieses Mal ist es ganz eindeutig mein eigenes Kind: Mein Sohn liegt weinend auf dem Asphalt und steht nicht auf. Uns trennen etwa 100 Meter, und mit seiner kleinen Schwester auf dem Arm kommt mir jeder Schritt zu ihm vor wie ein Marathon. Neben meinem heulenden Sohn steht jetzt eine junge Frau mit ihrem etwa sechsjährigen Sohn. Ich sehe ihr an, dass ihr all die Gedanken durch den Kopf jagen, die mich heute auf dem Spielplatz beschäftigt haben. Während ich weiterrenne, möchte ich am liebsten in ihre Richtung brüllen: Bitte, bitte, nimm ihn doch einfach in den Arm, bis ich da bin, tröste ihn! Scheiß auf Corona, mach irgendwas!

Als sie sich zu meinem Sohn runterbückt, ihm sanft über den Kopf streichelt und ihren Arm um ihn legt, fällt mir nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern auch eine Entscheidung wahnsinnig leicht: Für das nächste weinenden Kind in meinem Umfeld werde auch ich jede Corona-Regel brechen.

SCHRÖCKERT SCHREIBT

Vom unbeschreiblichen Glücksmoment bis zum nächtlichen Nervenzusammenbruch: Die Hamburger Zweifachmama Silke Schröckert kennt und kommentiert alle Seiten des Mama-Daseins. Manchmal brüllend komisch, manchmal emotional ernst, aber auf jeden Fall immer eins: absolut ehrlich.

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