Wie Eltern am besten darauf reagieren

Die magische Phase bei Kindern: Im Reich der Fantasie

Im Laufe des dritten Lebensjahres kommen Kinder in die sogenannte magische Phase: Realität und Fantasie verschwimmen. Und Dinge, die die Kinder bereits kennen und verstehen, vermischen sich mit ihren eigenen Vorstellungen. Wie können Eltern ihre Kinder in dieser Zeit unterstützen – und die fantasievolle Logik besser verstehen? Wir haben eine Expertin gefragt.

Mina (3) hat keinen Zweifel: Da ist ein Krokodil unterm Bett. So eins, wie sie es heute Abend im Fernsehen gesehen hat. Das passt von der Höhe nämlich genau drunter. Von der Länge auch. Na ja, fast. Der Schwanz guckt ein bisschen raus. Und genau den hat Mina gerade gesehen. Weinend ruft sie nach ihrer Mama. Die soll machen, dass das Krokodil weggeht. 

Eltern sollten die Ängste ihrer Kinder während der magischen Phase ernst nehmen

Im Alter von zwei bis drei Jahren beginnen Kinder damit, Realität und Fantasie miteinander zu vermischen. Das berühmte Monster im Schrank ist für die Kleinen dann eine genauso reale Bedrohung wie ein Einbrecher oder ein wildes Tier. Eine rationale Erklärung, dass es Monster gar nicht gibt und Wildtiere nicht ins Kinderzimmer kommen können, nutzt da wenig. Die Kleinkind-Pädagogin Sarah Maria Röckel empfiehlt daher, aktiv zu werden – und auf die Suche nach den Fantasiewesen zu gehen: "Um unseren Kindern akut die Angst vor Monstern unterm Bett, Löwen im Kleiderschrank oder Krokodilen im Kinderzimmer zu nehmen, können wir gemeinsam mit ihnen nachsehen und feststellen: 'Schau mal, die Luft ist rein, du bist hier sicher'", rät die Expertin.

Natürlich blicken wir Eltern dabei anders auf die Dinge – eben mit erwachsenen Augen. Und so übersehen wir manchmal auch etwas. Zum Beispiel den schmalen Schatten auf dem Bettvorleger, der mit kindlicher Fantasie zum Krokodilschwanz wird. Deshalb hilft es, wenn wir die Sorgen unserer Kinder wirklich ernst nehmen: "Man muss auch mal den Löwen im Schrank anbrüllen, das Krokodil unterm Bett verscheuchen oder eben Anti-Monster-Spray im Kinderzimmer versprühen", rät Sarah Maria Röckel. Das geht auch präventiv: "Kurz vor dem Schlafengehen sind solche kleinen Fantasie-Helferchen sehr nützlich", erklärt sie weiter. Kinder in diese Maßnahmen mit einzubeziehen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie ernst genommen werden und man gemeinsam etwas gegen ihre Ängste tut, sei Gold wert, so die Pädagogin.

Auch imaginäre Freunde gehören zur magischen Phase dazu

Es müssen aber gar nicht immer furchteinflößende Monster sein: Auch imaginäre Freunde sind in der magischen Phase beliebt: "Wenn das Kind bittet, für seinen unsichtbaren Freund einen Teller mehr am Tisch zu decken, dürfen wir Eltern uns ruhig auf diese Ebene einlassen", empfiehlt Sarah Maria Röckel. Denn imaginäre Freunde erfüllen eine wichtige Funktion: "Sie helfen Kinder in Momenten, in denen sie Angst haben, sich allein fühlen oder einfach nur etwas Gesellschaft brauchen." Solche Situationen entstehen zum Beispiel, wenn Kinder sich immer weiter von ihren Eltern lösen, wie es oft auch in der Kindergartenzeit der Fall ist. Expertinnen und Experten bezeichnen imaginäre Freunde daher auch als eine Form des sogenannten Übergangsobjektes.

Für manche Kinder reicht schon eine Schmusedecke oder ein Kuscheltier als Übergangsobjekt. Andere haben ein ausgedachtes Haustier – oder eben einen imaginären Freund. "Wir Eltern können unseren Kindern helfen, wenn wir Teil dieser kreativen Welt werden. Wir können zum Beispiel den imaginären Freund fragen, wie es ihm heute geht, oder ihn mit auf den Spielplatz nehmen", empfiehlt die Pädagogin. Aber wenn die Fantasie des Kindes doch einmal zu bunt wird? "Natürlich dürfen wir auch sagen, wenn es uns zu viel wird“, erklärt die Expertin. Haben imaginäre Freunde zum Beispiel keinen Platz mehr im Auto und ist dadurch der gemeinsame Urlaub bedroht, sollten Eltern ein Gespräch mit dem Kind führen: "Dann kann man ruhig, aber bestimmt aufzeigen, dass der imaginäre Freund zwar immer willkommen ist – aber vielleicht auch mal zu Hause bleiben muss."

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Fantasie-Gedanken sollten positiv besetzt sein

In der magischen Phase hängen für Kinder auch Ursache und Wirkung oft auf fantasievolle Weise miteinander zusammen: "Wenn ich jetzt die Augen zumache und bis zehn zähle, kommt Papa früher von der Arbeit" oder "Es regnet jetzt, weil ich heute Morgen so getrödelt habe" sind für Kinder logische Schlussfolgerungen. Wenn Eltern diese Gedankengänge mitbekommen, sollten sie von Fall zu Fall entscheiden, wie sie mit der Situation umgehen, rät Sarah Maria Röckel: "Bei negativen Beispielen, die in schlimmen Schuldgefühlen enden können, ist es wichtig, das Kind aufzuklären. 'Oma ist gestorben, weil ich mein Zimmer nicht aufgeräumt habe' ist ein Gedanke, der kein Kind belasten sollte." Hier sollten Eltern sich Zeit nehmen und erklären, dass viele Dinge passieren, die nichts mit dem eigenen Verhalten zu tun haben.

Bei positiven Gedanken hingegen dürfen wir Eltern gerne auch mitmachen, findet die Expertin: "Die helfen uns Erwachsenen ja auch, um gestärkt durch den Tag zu gehen. Positive Affirmationen können vereinfacht schon für Kinder funktionieren." Aber auch hier ist es wichtig, darauf zu achten: Was tut meinem Kind gut? Und was löst vielleicht Druck oder falsche Erwartungen aus? Glaubt ein Kind aber ganz einfach, dass heute die Sonne strahlt, weil es morgens so toll Zähne geputzt hat (und ist dazu noch stolz darauf), so spricht nichts dagegen, das Kind in diesem Glauben zu lassen.

Wilde Fantasie oder Lügen?

Bei so vielen magischen Gedanken ist es für Eltern manchmal schwer, wilde Fantasie und bewusste Lügengeschichten auseinanderzuhalten. "Ob mein Kind gerade magische Gedanken ausspricht oder mich bewusst anlügt, ist nicht immer leicht zu unterscheiden", räumt die Expertin ein. "Grundsätzlich gilt, dass man kleineren Kindern natürlich eher verzeihen kann, wenn die Fantasie mit ihnen durchgeht. Und zu einem gewissen Grad möchte man diese Fantasie natürlich fördern."

Die magische Phase endet in der Regel rund um das fünfte Lebensjahr. Wenn ältere (Schul-)Kinder den Unterschied zwischen der Realität und ausgedachten Geschichten nicht erkennen, sollten Eltern laut der Expertin deutlich machen, dass sie nicht angelogen werden möchten. Auch wenn sie natürlich weiterhin jedes Monster im Schrank und jedes Krokodil unterm Bett liebend gern verscheuchen ...

Mit etwas Magie ...

... klappt vieles leichter. Hier drei wertvolle Tipps der Expertin:

  1. "Anti-Monster-Spray" lässt sich einfach selbst herstellen: Leitungswasser in eine Sprühflasche füllen, vielleicht ein bisschen Duft dazu, ein selbst gemaltes Etikett drauf: fertig!
  2. Teddy ist müde? Dann muss er schnell ins Bett. Er hat Hunger? Hier kommt Essen! Kleine Kinder üben viele soziale Kompetenzen an ihren Kuscheltieren und Puppen. Wer auf das Spiel eingeht, fördert diese weiter.
  3. Das Kind wird älter, die magischen Gedanken bleiben? Eltern können bewusst Raum schaffen: Zu bestimmten Zeiten darf in Fantasiewelten getobt werden – sonst gilt die Regel, bei der Wahrheit zu bleiben.
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Unsere Expertin

Sarah Maria Röckel

... ist Kleinkind-Pädagogin und Mutter einer vierjährigen Tochter. Ihre berufliche und private Expertise setzt die Expertin für frühkindliche Entwicklung als Produktmanagerin für den Spielzeughersteller Kindsgut ein, der sich auf pädagogisch wertvolle Spielsachen spezialisiert hat.

Mehr Infos unter: kindsgut.de

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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